Neuen Ort der Begegnung geschaffen – Lutherturm der Kirchengemeinde Mülheim am Rhein wurde offiziell als Wohn- und Gewerbeort eingeweiht
Pfarrer Sebastian Baer-Henney bei der symbolischen Einweihung des Lutherturms

Neuen Ort der Begegnung geschaffen – Lutherturm der Kirchengemeinde Mülheim am Rhein wurde offiziell als Wohn- und Gewerbeort eingeweiht

Ein kleiner Schnitt symbolisierte endgültig den neuen Existenzabschnitt für den 1895 errichteten Lutherturm an der Regentenstraße im Kölner Stadtteil Mülheim. Als Sebastian Baer-Henney, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim am Rhein, unter den Klängen der dreiköpfigen „OK-Jazzband“ das rot-weiße Band vor dem Eingang durchtrennt hatte, brandete Jubel unter den Gästen auf, die sich anlässlich der offiziellen Einweihung des Bauwerks zur neuen Nutzung als Wohn- und Gewerbeort eingefunden hatten.

„Es ist fertig. Was für ein Schmuckstück ist es geworden, unser Türmchen. Er ist jetzt ein Stück Heimat geworden für die Menschen, die darin wohnen, und für uns als Gemeinde ein neuer Andockpunkt in unserer Heimat Mülheim“, war Baer-Henney die Freude über den Abschluss der rund zweijährigen Bauzeit, der eine einjährige Baugenehmigungsphase voranging, in seinen Worten hörbar anzumerken. „Für uns als Kirchengemeinde ist es ein Auftrag, Heimat zu geben. Es ist aber auch unser Auftrag, im Stadtteil aktiv zu sein, und die Menschen dort aufzusuchen, wo sie sind und sich wohlfühlen. Deshalb steht dieser Lutherturm symbolisch für dieses Bestreben, dass wir uns hin zu den Menschen öffnen.“

Jung und Alt vereint

Lange Zeit war innerhalb der Gemeinde diskutiert worden, was mit dem Bauwerk geschehen sollte, das die letzten Jahre leer stand, aber als Denkmal zu erhalten war. Dann fiel in den 2010er Jahren die Entscheidung, den Turm so umzubauen, um hierin 17 barrierefreie, teilweise rollstuhlgerechte Wohnungen (mit einer Größe von 50 bis 155 Quadratmetern) und vier Gewerbeeinheiten entstehen zu lassen. Bereits im April 2020 konnten die ersten Mieter einziehen, bei deren Auswahl die Gemeinde auf einen guten Mix aus älteren und jüngeren Personen sowie Familien geachtet hat. „Wir hoffen, durch diesen Turm Begegnungen ermöglichen zu können und ihn somit zu einem lebendigen Ort mitten in unserer Gemeinde werden zu lassen. Durch diese Begegnungen in und um den Turm wird sichtbar, wie viel Segen auf diesem Projekt liegt. Wir wünschen, dass dies so bleibt und spürbar wird, dass Gott in diesem Stadtteil wirkt und dass wir als Gemeinde immer wieder den Schritt unternehmen, auf alle hier zuzugehen“, führte Pfarrer Baer-Henney aus und dankte anschließend den Personen, die an der Realisierung des Projekts entscheidend mitgewirkt hatten, mit einem kleinen Präsent.

Das 19. Jahrhundert in die Jetzt-Zeit übertragen

Auch Baukirchmeisterin Ines Lenze, zugleich Vorsitzende des Bauausschusses, fand lobende Worte für das Werk, dessen Gelingen trotz Pandemie und Insolvenzen zweier beauftragter Gewerke, für die schnell Ersatz gefunden werden konnte, stetig voranschritt. „Wir mussten zunächst ein noch relativ junges Pfarrhaus abreißen, bevor wir am 20. September 2018 den ersten Spatenstich setzen, im Dezember den Grundstein legen und im Sommer 2019 Richtfest feiern konnten. Ich möchte mich auch für die Geduld der ersten Mieter bedanken, die nach ihrem Einzug noch einige Zeit Baustellen im und vor dem Haus ertragen mussten.“ Es war ein hehres Ziel, einen Bau zu erstellen, der den alten Bestand aus dem 19. Jahrhundert mit den Anforderungen der modernen Zeit nachhaltig und langlebig verbindet. „Wir können das Grundstück nicht besser nutzen, als überwiegend Wohnraum für die jetzigen und zukünftigen Mülheimer zu schaffen. Möge eine gute Gemeinschaft entstehen, die sich in diesem Gebäude wohlfühlt.“

Neubau auf ursprünglichem Gelände

Zur evangelischen Lutherkirche gehörte auch das einstige, im wilhelminischen Stil gebaute Kirchenschiff, das mit Turm und benachbartem Rathaus seinerzeit den Mittelpunkt der damals eigenständigen Stadt Mülheim am Rhein bildete, im Zweiten Weltkrieg indes zerstört wurde. Während in der Adamstraße die „Luther-Notkirche“ aus Trümmermaterialien errichtet wurde, blieb der Lutherturm stehen und wurde in den Folgejahren zum Denkmal instandgesetzt. Nach ein paar baulichen Ergänzungen wurde er ab den 1970er Jahren für die kirchliche Jugendarbeit der Gemeinde genutzt. Aus Brandschutzgründen konnte die Nutzung der Obergeschosse jedoch nicht weitergeführt werden, sodass der Turm viele Jahre ungenutzt blieb. „Es kamen damals Gedanken auf, den Turm zu verkaufen, denn er hat ja auch Kosten, etwa für seine Sicherung, verursacht. Diese Pläne wurden dann aber nicht weiter verfolgt“, sagte Pfarrer Sebastian Baer-Henney, der stolz ist, dass der Neubau mit Wohnungen und Gewerberäumen auf dem Grundriss des ursprünglichen Kirchenschiffs errichtet wurde.

Keine baulichen Änderungen möglich

Für Architekt Walter Maier, der selbst mit seinem Büro in den Turm eingezogen ist, war das Wirken an diesem besonderen Ort eine befriedigende Arbeit. „Ich bin stolz und dankbar, dass wir das Vertrauen für dieses Projekt von der Gemeinde erhalten hatten. Es ist ein städtebaulicher Ort mit hoher Intensität der Geschichte. Hieran zu arbeiten und dieses wunderbare Bauwerk in eine neue Nutzung zu bringen, macht unser Team sehr glücklich.“ Es sei ein besonderes Erlebnis gewesen, an der Stätte seiner Kindheit und Jugend agiert zu haben, fügte er an und verriet: „Ein solches Bauwerk lässt sich statisch überhaupt nicht mehr berechnen. Wir konnten daher an dem Turm gar nichts ändern. Schön ist es nun, jeden Tag erleben zu können, wie die Kinder spielen und die Menschen zusammen plaudern. Es ist wirklich ein Ort geworden, an dem Wohlbehagen herrscht, und wir sind froh, selber ein Teil der Gemeinschaft im Turm sein zu können.“

Rund 6,8 Millionen betrugen die Baukosten zur Errichtung der Gewerberäume und Wohnungen, bei deren Mietpreise die Gemeinde auf den Sozialschlüssel geachtet hat. Aktuell sind alle Flächen vergeben, erläuterte Baer-Henney. „Es gibt jedoch eine Warteliste, auf der sich Interessierte eintragen können.“

Text: Holger Hoeck
Foto(s): Holger Hoeck