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„Namen statt Nummern“: Ausstellung in der Erlöserkirche Weidenpesch

Oberstufenschülerin Julia suchte nach einem Thema für ihre Hausarbeit im Leistungskurs Geschichte. Dabei erhielt sie Anregungen auch aus dem Kreis der Familie. Tatsächlich brachten die Eltern, Superintendent Markus Zimmermann und Pfarrerin Susanne Zimmermann – beide amtieren in der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Mauenheim-Weidenpesch – ihre Tochter auf die Idee, über Heinrich Eduard Miesen (1913-1947) zu recherchieren. Der Journalist war 1944 als politischer Häftling in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert worden. Seine Biografie betrifft die Familie Zimmermann direkt. Julia ist Heinrich Eduard Miesens Urenkelin.

Über 200.000 Dachauer Häftlinge
Zwecks Materialsammlung reiste die Zwölftklässlerin in Begleitung ihrer Mutter nach Dachau. Auf dem Gelände der heutigen Gedenkstätte, im Gesprächsraum der evangelischen Versöhnungskirche, stießen sie auf ein besonderes Projekt. Mit ihm werden ehemalige Häftlinge des Nazi-Konzentrationslagers geehrt: Das Gedächtnisbuch „Namen statt Nummern“. 1998/99 begonnen, handelt es sich dabei um eine regelmäßig erweiterte Sammlung von Biografien ehemaliger Gefangener. Inzwischen ist das Buch auf rund 150 Gedenkblätter angewachsen. Ziel des vom Kreis „Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau“ getragenen Projektes ist es, einzelne der insgesamt über 200.000 internationalen Dachauer Häftlinge, von denen weit über 40.000 getötet wurden, „als Individuen sichtbar werden zu lassen“, ihnen „wieder ein Gesicht zu geben“. Erstellt werden die jeweils vier DIN-A3-Bögen umfassenden Gedächtnisblätter in Eigeninitiative von Jugendlichen wie Erwachsenen aus verschiedenen Ländern: Darunter sind Schülerinnen und Studenten, Historiker und Germanistinnen, häufig Angehörige ehemaliger Häftlinge. An die verwendeten Dokumente und Informationen gelangten sie in der Regel auch über Gespräche mit Verwandten der Häftlinge und sogar mit Überlebenden selbst.

Jedes Jahr im März: Erweiterung der Biografien
An jedem 22. März, dem Jahrestag der Errichtung des Lagers circa 20 Kilometer nordwestlich von München, wird das Gedächtnisbuch (nicht identisch mit dem im April 2011 präsentierten „Gedenkbuch für die Toten des Konzentrationslagers Dachau“) um weitere fünf bis sechs Biografien erweitert. 2011 kam die Lebensgeschichte von Heinrich Eduard Miesen hinzu. Verfasst von Julia Zimmermann auf der Grundlage ihrer Hausarbeit. Sie selbst stellte das Gedächtnisblatt in der Evangelischen Versöhnungskirche in der Gedenkstätte vor. Unter den Gästen der Feierstunde weilte auch ihre Familie. Während des Aufenthaltes in Dachau wurde Markus Zimmermann aufmerksam auf die 2008 vom Trägerkreis zusätzlich initiierte, in verschiedenen Sprach-Varianten konzipierte Wanderausstellung „Namen statt Nummern“. Gefördert wurde die Realisierung unter anderem von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und der EU über das Programm Europa für Bürgerinnen und Bürger – „Aktive Europäische Erinnerung“. Sie enthält 22 ausgewählte Biografien des Gedächtnisbuches. Die freien Texte, Zitate und Fotos sind auf Banner gezogen, um an wechselnden Orten einer breiten Öffentlichkeit Lebenswege von Nazi-Opfern und Motive ihrer Verfolgung zugänglich zu machen: Um die Menschen hinter ihren KZ-Nummern näher zu bringen.

Ergänzende Ausstellung in Heilig Kreuz
Eben diese Ausstellung ist während eines ökumenischen Projektes der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden in Köln-Mauenheim/Niehl /Weidenpesch in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk Köln in der evangelischen Erlöserkirche zu sehen. Seit einigen Jahren laden beide Kirchengemeinden im November um den Jahrestag des Pogroms zu gemeinsamen Veranstaltungen, in denen an Nazi-Verbrechen erinnert und ihrer Opfer gedacht wird. Während in der Erlöserkirche also die Präsentation „Namen statt Nummern“ gastiert, in der unter anderem das Schicksal des Theologen Martin Niemöller (1892-1984), führender Vertreter der Bekennenden Kirche, „Persönlicher Gefangener des Führers“, später Ratsmitglied der neu gegründeten Evangelischen Kirche in Deutschland und Präsident im Ökumenischen Rat der Kirchen, knapp beleuchtet wird, hängt in der katholischen Pfarrkirche Heilig Kreuz die ergänzende Ausstellung „Geistliche im KZ Dachau“.

Der Mensch Heinrich Eduar Miesen
In der Erlöserkirche hat die Gemeinde die Ausstellung um eine vergrößerte Version des Gedächtnisblattes von Heinrich Eduard Miesen ergänzt. In Köln-Nippes in eine katholisch geprägte Beamten-Familie hinein geboren, studiert er in der Domstadt Medizin, Germanistik und Geschichte. Da dem von einem chronischen Herzleiden Betroffenen unter den Nationalsozialisten die Ausübung des Arztberufs verwehrt worden wäre, widmet er sich verstärkt dem Fach Philosophie, in dem er den Doktorgrad erwirbt. Zunächst als Redakteur der unter den Nazis früh „gleichgeschalteten“ Kölnischen Volkszeitung tätig, ist der Nazi-Gegner später Auslandsreporter unter anderem für die Niederlande beim „Westdeutschen Beobachter“, dem amtlichen Organ der NSDAP. Aufgrund seines Eintretens für eine bedrängte jüdische Familie beim November-Pogrom 1938 wird der Journalist kurzzeitig in der Kölner Gestapo-Zentrale im EL-DE-Haus inhaftiert und verhört. Nach ihrer Ausbombung 1943 kommt die Familie Miesen auf einem Hof im westerwäldischen Reiferscheid unter. Dort führt die Denunzierung regimekritischer Äußerungen im Zusammenhang mit dem Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 zu seiner Festnahme. Im Rahmen einer Massenverhaftung konfrontiert man auch ihn mit dem konstruierten Vorwurf, in die Attentatspläne eingeweiht gewesen zu sein. Zunächst wird in einem Koblenzer Gefängnis versucht, durch Folter ein Geständnis herauszupressen. Schließlich wird Miesen in das Konzentrationslager Dachau verbracht, und dort geführt unter der Nummer 118867.

„Vorbild im Engagement für eine gerechtere Welt“
In der Zeit von der Befreiung des Konzentrationslagers am 29. April 1945 bis zur Entlassung der ehemaligen Häftlinge habe sein Großvater als Schriftleiter der Lagerzeitung „Der Antifaschist – die Stimme der Deutschen von Dachau“ fungiert, erläutet Markus Zimmermann. „Darin finden sich die Wünsche, Träume und Erwartungen an ein neues Deutschland formuliert.“ In Dachau muss er im amerikanischen Lazarett behandelt werden. Kurz vor seiner Heimreise im Juni notiert er: „Ich lebe noch, und ich lebe verwandelt.“ Nach seiner Rückkehr erwirbt er die Lizenz für den Balduin-Pick-Verlag in Köln. Als Verlagsleiter ist er zugleich Cheflektor. Naheliegend, dass er auch sein eigenes Buch „Weltfahrt ins Herz. Tagebuch eines Arztes“ bei Pick herausgibt. Es erscheint wenige Wochen vor Miesens Tod 1947 unter dem bereits in den Niederlanden zugelegten Pseudonym Heinrich Eduard vom Holst. Für dieses Tagebuch über seinen KZ-Aufenthalt, das 1950 in japanischer Übersetzung veröffentlicht wird, verwendete er auch in Dachau auf Schnipsel notierte Eindrücke und Gedanken. „Ich erinnere mich, dass es in unserem Elternhaus im Bücherschrank stand“, so Zimmermann. Miesen stirbt am 4. August 1947 durch die KZ-Haft, die sein Herzleiden verschlimmerte. Er hinterließ Frau und drei Kinder. „Die Geschehnisse haben meine Großmutter so traumatisiert, dass sie darüber nie viel erzählt hat“, so Zimmermann. Aber es existiere ein Brief, in dem sie die Familie auffordere, die Ereignisse nicht zu vergessen. Im Gedächtnisblatt erklärt Julia Zimmermann, dass ihr durch die Recherche „mein Urgroßvater als Mensch und überzeugender Zeitzeuge sehr nahe gekommen“ sei. „Er ist mir ein Vorbild im Engagement für eine gerechtere Welt.“

Die Öffnungszeiten:
Geöffnet sind die Ausstellungen in der Erlöserkirche, Derfflinger Straße 9, und in der katholischen Pfarrkirche Heilig Kreuz, Floriansgasse 2, bis einschließlich Sonntag, 25. November. An diesem Tag findet um 17 Uhr in der Pfarrkirche Heilig Kreuz eine feierliche Vesper mit Abschluss der Präsentation „Geistliche im KZ Dachau“ statt. Wer die Ausstellung in der Erlöserkirche besuchen möchte, nimmt bitte Kontakt mit Superintendent Markus Zimmermann auf: Markus.Zimmermann@MauNieWei.de

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich