Nachgefragt: Warum gibt es nun doch keine für Protestanten wie Katholiken verbindliche ‚Einheitsübersetzung‘ der Bibel?

Nachgefragt: Warum gibt es nun doch keine für Protestanten wie Katholiken verbindliche ‚Einheitsübersetzung‘ der Bibel?

Muss es bei ökumenischen Anlässen wirklich immer die katholisch geprägte Einheitsübersetzung sein?
Die Einheitsübersetzung, ursprünglich eine rein katholische Übersetzung für die Bistümer des deutschen Sprachraums (daher der Name), an der sich dann für die Psalmen und das Neue Testament auf Bitten der Deutschen Bischofskonferenz auch der Rat der EKD beteiligte, ist seit 1978 der für die römisch-katholische Kirche verbindliche deutsche Text. Seit 1980 ist er für die EKD als Text neben der Lutherbibel freigegeben. Er hat sich seither bei ökumenischen Anlässen quasi als der alleinige Bibeltext durchgesetzt.

Kein Nebeneinander von Lutherbibel und Einheitsübersetzung?
Das veranlaßte die EKD im Jahre 2001 darauf hinzuweisen, daß bei diesen Gelegenheiten auch verstärkt die Lutherbibel herangezogen werden sollte: „Der prinzipielle Verzicht auf das Neue Testament und die Psalmen im Wortlaut der Lutherbibel ist keine dem ökumenischen Miteinander angemessene Forderung oder Erwartung.“ Damals führte diese Äußerung – im Jahre nach „Dominus Iesus“ – bereits zu ökumenischen Turbulenzen.

Welche Kriterien sollen für die Übersetzung gelten?
Im selben Jahre wurde in Rom die Instruktion „Liturgiam authenticam“ über den „Gebrauch der Volkssprache bei der Herausgabe der Bücher der römischen Liturgie“ veröffentlicht. Sie bestimmt, nach welchen Kriterien nunmehr die biblischen Bücher zu übersetzen sind. In einigen Abschnitten stehen sie im Widerspruch zu evangelischen Grundüberzeugungen.

Was darf die Heililge Schrift sagen und was nicht? 
So wird in Artikel 26 gefordert, daß die „Übersetzung der Texte mit der gesunden Lehre übereinstimmen“ müsse. Das bedeutet, daß die Lehre der römisch-katholischen Kirche vorgibt, was die Heilige Schrift zu sagen hat. Sie darf also keine kirchenkritische Rolle spielen, ist nicht der Maßstab, an dem sich die Kirche messen lassen muß. Dies wendet sich eindeutig gegen das reformatorische Prinzip, daß allein die Heilige Schrift der Kirche die Richtung weist (sola scriptura) und sie auch ihr eigener Ausleger ist (sui ipsius interpres).

Soll die Bibelübersetzung aus der Reformationszeit unzulässig sein?
Artikel 40 verlangt: „Man muß sich mit ganzer Kraft darum bemühen, daß nicht ein Wortschatz oder ein Stil übernommen wird, den das katholische Volk mit dem Sprachgebrauch nichtkatholischer kirchlicher Gemeinschaften oder anderer Religionen verwechseln könnte, damit dadurch nicht Verwirrung oder Ärgernis entsteht.“ Dieser Passus richtet sich vor allem gegen die Bibelübersetzungen aus der Reformationszeit, die, wie Luthers Übersetzung für das Deutsche, in vielen europäischen Ländern die Sprache und damit auch das Denken geprägt haben .

Die lateinische Vulgata als Grundlage?
Im Anschluß daran unterstreicht Artikel 41: „Man soll sich darum bemühen, daß die Übersetzungen demjenigen Verständnis biblischer Schriftstellen angeglichen werden, welches durch den liturgischen Gebrauch und durch die Tradition der Kirchenväter überliefert ist.“ Hier zeigt sich, daß nicht der hebräische, aramäische und griechische Grundtext der Bibel, wie ihn die Wissenschaft bis heute erarbeitet hat, das letzte Wort haben soll, sondern die lateinische Übersetzung der Vulgata, die auf den Kirchenvater Hieronymus (347-419) zurückgeht und für die katholische Kirche verbindlich ist. Die Geschichte der Auslegung der Heiligen Schrift wirkt hier auf den Text selbst ein.

Wer hat bei einer Revision der Einheitsübersetzung Veto-Recht?
Im Sommer 2003 wurde von der katholischen Seite der Anspruch erhoben, diese Kriterien seien nun auch für die Revision der Einheitsübersetzung anzuwenden. Bis dahin war die Frage offen, ob die Instruktion auch für eine ökumenisch verantwortete Übersetzung Geltung habe. Für die Einheitsübersetzung hatte noch das Konsensprinzip gegolten, d.h. keine Seite konnte die andere in strittigen Fragen überstimmen. Das sollte ursprünglich auch bei der Revision Anwendung finden, denn die Bischofskonferenz hatte dem Rat der EKD erklärt, „Liturgiam authenticam“ würde nur für sie bindend sein. Inzwischen besteht sie jedoch auf der Befolgung der Instruktion. Nun soll es nur noch das Bemühen um Konsens geben, was bedeuten würde, daß katholische Mehrheitsentscheidungen auf der Grundlage der römischen Instruktion nicht ausgeschlossen werden können.

Dies machte dann eine evangelische Mitarbeit an dem neuen Übersetzungswerk unmöglich, was der Rat der EKD durchaus bedauert.

Text: Hans-Peter Friedrich, Landeskirchenamt EKiR
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