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„Liebe auf den zweiten Blick“: Pfarrerin Wilma Falk-van Rees wechselte von der Evangelischen Gemeinde Köln-Mülheim in die Gemeinde Brück-Merheim

18 Jahre lang arbeitete Pfarrerin Wilma Falk-van Rees als Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim am Rhein. Die feiert in diesem Jahr ihr 400-jähriges Bestehen, und mitten im Jubiläumsjahr heißt es, Abschied zu nehmen von der langjährigen Pfarrerin. Seit dem 15. Juni ist die 48-Jährige Nachfolgerin von Burkhart Demberg an der Johanneskirche in Brück der Evangelischen Kirchengemeinde Brück-Merheim.

Von Westfalen ins Rheinland
Am 11. Dezember 1961 in Hagen geboren, wuchs Wilma Falk in Westfalen auf. Mit dem Beginn ihres Theologiestudiums in Bonn, „vor allem aber durch die diakonische Arbeit“, so die Pfarrerin, wuchs sie immer stärker in die rheinische Kirche hinein. 1984 ging es dann aber zunächst für ein Jahr ins Ausland – nach Kampen in Holland. Von dort brachte sie einen wichtigen persönlichen Schatz mit – ihren späteren Ehemann Peter van Rees, der ihr 1986 endgültig nach Deutschland folgte und sie heiratete. Es folgten ein Studienjahr in Göttingen und das Examen in Bonn, bevor die junge Seelsorgerin 1988 ihr Vikariat in Niederkassel antrat. „Ruhig und ländlich“, sei es dort gewesen, erinnert sich Falk-van Rees an diese Zeit.

Holpriger Start
Ganz gegenteilig waren ihre ersten Eindrücke von Köln-Mülheim, wo sie sich 1991 auf ihre erste Pfarrstelle bewarb. „Es war ein verregneter Novembertag, die Häuserschluchten wirkten bedrückend, und das Vorstellungsgespräch lief auch nicht so richtig zufriedenstellend“, erzählt Falk-van Rees von den ersten Eindrücken ihrer späteren Wirkungsstätte. Fast wäre es gar nicht so weit gekommen, denn nach diesem Tag zog sie ihre Bewerbung wieder zurück. Doch nicht nach Köln-Mülheim? „Ich habe dann mit einigen Menschen aus der Gemeinde telefoniert und mich bereit erklärt, zumindest den bereits vereinbarten Gottesdienst zu halten. Als ich dann in die Friedenskirche kam, hat die mich sehr beeindruckt. Nach weiteren Gesprächen habe ich dann doch zugesagt“, schildert die Pfarrerin ihre „Liebe auf den zweiten Blick“ zu Mülheim. Am 8. März 1992 trat sie die Stelle an, die zuvor zwei Jahre lang verwaist war. „Als bis dahin erste Frau in der langen Geschichte der Gemeinde“, lacht Falk-van Rees.

Arbeitslosenarbeit neu konzipiert
In Mülheim geriet sie dann sofort in die Sogwirkung des so genannten Strukturwandels. In den 80er und Anfang der 90er Jahre hatten viele Mülheimer Industriebetriebe ihre Produktion heruntergefahren oder ganz eingestellt, Traditionsbetriebe wie Felten & Guilleaume, die Carlswerke oder Klöckner-Humboldt-Deutz wurden verkauft, zerteilt und still gelegt, Tausende von Menschen verloren ihre Arbeit. „Die Evangelische Kirchengemeinde Mülheim am Rhein hat sich später für diese Menschen sehr eingesetzt, doch als ich anfing, dümpelte die Arbeitslosenarbeit nur noch so vor sich hin. Das Arbeitslosencafé, das in den 80ern gegründet wurde und viele Angebote, wie etwa Rechtsberatungen hatte, lief nicht mehr richtig. Meine erste Aufgabe war es, diese Arbeitslosenarbeit neu zu konzipieren“, blickt Falk-van Rees auf die Anfangstage zurück. Eine Herausforderung, die mit ihrer Vorliebe zur diakonischen Arbeit gut zu vereinbaren war. Sie knüpfte viele Kontakte zu verschiedenen Personen im Stadtteil und war maßgeblich an der Gründung der „Mülheimer Lebensdienste“ beteiligt. Dieses Projekt stellte Langzeitarbeitslose auf der Grundlage von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) ein und vermittelte sie für Haushaltstätigkeiten im Stadtteil. Das lief fünf Jahre lang sehr erfolgreich, bis das Arbeitsamt, wie es damals noch hieß, die ABM-Projekte einstellte.

Engagement für Kinder und Familien
Falk-van Rees bekam 1995 ihr erstes Kind und war drei Jahre lang in Elternzeit. Nach ihrer Rückkehr 1998 setzte sie sich stark für die Kinder- und Familienarbeit in der Gemeinde ein. „Das war aus meiner Biografie heraus an der Reihe“, so die Pfarrerin. Sie rief Kinderspielgruppen sowie Gruppen für musikalische Früherziehung, Kindertheater oder Adventsbasteln ins Leben, initiierte Kinder- und Familiengottesdienste in der Friedenskirche, nach denen sich die Gemeinde immer zum gemeinsamen Mittagessen im Peter-Beier-Haus traf. „Das kam immer sehr gut an und war gut für das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gemeinde“, freut sich Falk-van Rees rückblickend. Alle Generationen und auch alle Schichten trafen bei diesen Essen oder auch beim regelmäßigen Gemeinde-Wandertag aufeinander. „Als Gemeinde haben wir viele kleine Netzwerke, die vor allem für Familien so wichtig sind, gefördert und unterstützt“, betont sie.

Viele Familien zogen weg
Dabei war das Gemeindeleben nicht immer harmonisch. In den 90er Jahren waren die Bezirke untereinander so zerstritten, dass die Gemeinde von 1994 bis 2000 nur von einem Bevollmächtigtenausschuss des Kreissynodalvorstandes geführt werden konnte. In diese Zeit fielen der Verkauf der Gnadenkirche in der Stegerwaldsiedlung und die Aufgabe des Kindergartens in Mülheim, von dem Erlös aus dem Kirchenverkauf wurde dann das Peter-Beier-Haus, das Gemeindehaus an der Wallstraße finanziert. „Das waren wichtige und notwendige Entscheidungen, die die Gemeinde aus eigener Kraft damals allerdings nicht treffen konnte“, schaut Falk-van Rees auf die turbulenten Zeiten zurück. In denen schrumpfte aber auch die Mülheimer Gemeinde, wie nahezu überall. Waren es bei ihrem Amtsantritt noch mehr als 8.000 Protestantinnen und Protestanten, die von fünf hauptamtlichen Pfarrern betreut wurden, sind es heute nur noch knapp 5.000 Gemeindeglieder und drei Pfarrer. Auch sie erlebte den Rückgang hautnah und manchmal schmerzlich. „Es war nicht so sehr, dass die Menschen aus der Kirche austraten, sondern dass sie wegzogen. Viele nahmen in jungen Jahren an den Familienangeboten der Gemeinde teil, junge Paare bekamen ein Kind, aber irgendwann sind sie dann in andere Stadtteile oder aufs Land gezogen. Ich kam mir manchmal so vor wie ein Durchlauferhitzer“, schildert die Pfarrerin frustrierende Momente. Als in einem Sommer vor drei Jahren fünf Familien kurz hintereinander wegzogen, kam für sie der Moment, sich ebenfalls Gedanken über eine neue Herausforderung zu machen.

Letztes Projekt: „400 Jahre Evangelisch in Mülheim“
Doch die nächste Herausforderung in der Gemeinde war zunächst das große Jubiläum, ihr letztes großes Projekt in Köln-Mülheim. „Dieses Jubiläum hat mir viel gegeben. Es war unheimlich befriedigend, mit vielen engagierten Menschen in einer verbindlichen Gemeinschaft etwas auf die Beine zu stellen. Das Buch zum Jubiläum, die Konzeption des Festjahres mit den vielen unterschiedlichen Veranstaltungen – das alles hat sehr viel Spaß gemacht.“ Nun, so sagt sie, sei sie in der Lebensmitte angekommen und brauche einen Tapetenwechsel. Die neuen Tapeten hängen jetzt in Köln-Brück, wo Falk-van Rees eine 75-Prozent-Stelle bekleidet. „Da habe ich hoffentlich wieder mehr Zeit für die Familie“, freut sie sich.
In Mülheim aber wird sich ihr Fehlen sicher bemerkbar machen, vor allem, weil kein Ersatz vorgesehen ist. Da aufgrund der Mitgliederzahlen die Zahl der Pfarrstellen bis 2015 von drei auf zwei reduziert werden musste, ist dieses Planziel durch den Weggang von Falk-van Rees jetzt erreicht.

Text: Jörg Fleischer
Foto(s): Fleischer