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„#letsmeet – gemeinsam Leben in Köln“ – Mitmachausstellung im Jugendzentrum der Synagogen-Gemeinde

Antisemitismus hat Ariella Dumesch oft genug am eigenen Leib erlebt. Die Mitarbeiterin des Jugendzentrums der Synagogen-Gemeinde erinnerte sich an ihre Schulzeit. „Da hat mich mein Geschichtslehrer in der fünften Klasse gefragt, wie ich mich als Jüdin in Deutschland fühle. Ich war völlig perplex.“ Ariella Dumesch erzählte diese Begebenheit Schülerinnen und Schülern der 9. Klasse des Rhein-Gymnasiums aus Köln-Mülheim. Die besuchten die Mitmachausstellung „#letsmeet – gemeinsam Leben in Köln“ im Jugendzentrum der Synagogen-Gemeinde Jachad, die komplett ausgebucht ist.

Veranstalter der Ausstellung sind das Erzbistum Köln, der Evangelische Kirchenverband Köln und Region und das Jugendzentrum Jachard der Synagogengemeinde Köln, in der die Ausstellung vom 20. September bis zum 7. Oktober stattfand. Anliegen des Evangelischen Jugendpfarramtes und des Evangelischen Schulreferates ist es, mit der ökumenischen Mitmachausstellung junge Menschen in Kontakt mit jüdischen (Jugend-) Kulturen, der Religion sowie dem jüdischen Leben heute zu bringen. Schulklassen, wie die des Rheingymnasiums, sowie kirchliche Jugendgruppen ab der Jahrgangsstufe 8 waren herzlich eingeladen, Gemeinsamkeiten zwischen Judentum, Christentum und Islam zu entdecken und das Thema  Zivilcourage in den Blick zu nehmen.

Mitmachausstellung

„Bis zum 7. Oktober werden 23 Schulklassen und Kurse weiterführender Kölner Schulen mit 480 Schülerinnen und Schülern die Ausstellung besucht haben“, sagte Thomas vom Scheidt vom Schulreferat des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region bei einem Rundgang. Anlässlich des Gedenkjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ führt die Ausstellung junge Menschen in die Welt der jüdischen Kultur und Religion sowie in das jüdische Leben früher und heute ein.

An Stationen erhielten die Jugendlichen Informationen über Essen und Musik in der jüdischen Kultur, über den Shabbat, über Möglichkeiten, etwas gegen Mobbing, Diskriminierung und Ausgrenzung zu unternehmen sowie über Antisemitismus. Jüdische Essensregeln wurden erläutert. Muslimische, christliche und jüdische Jugendliche berichten in Videos, wie sie den Freitag, den Shabbat und den Sonntag verbringen. Es wurden Antworten auf Fragen wie „Was bedeutet das Wochenende für mich und für die Gesellschaft, in der wir leben?“ Das Leitwort an dieser Station lautete „Hoch die Hände, Wochenende!“

Ulrike van Lengerich, Leiterin des Evangelischen Jugendpfarramtes beschreibt, wie wichtig in der gesamten Ausstellung das persönliche Gespräch mit Ariella Dumesch war. Jede Frage der Schlülerinnen und Schüler wurde in einer Abschlußrunde beantwortet. Auch sehr persönliche. Von dieser Begegnung nahmen die Jugendlichen und Begleitpersonen viele wichtige Impulse mit.

Antisemitismus-Station

An der Antisemitismus-Station diskutierte Ariella Dumesch, Mitarbeiterin, mit den Jugendlichen über scheinbar belanglose Sätze. „Aldi gehört den Juden. Aber ist mir egal. Wollte ich nur mal gesagt haben. Bockt mich nicht. Aber gehört schon alles den Juden“, wurde dort eine Schülerin einer 10. Klasse zitiert. Die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher waren aufgerufen, antisemitische Sätze aufzuschreiben, die ihnen begegnet sind. Nachdenken war angesagt an der Mobbing-Station. Die Jugendlichen tauschten sich aus über die Geschichte einer Schülerin, die  in ihrer Klasse ausgegrenzt wird. Solidarität wurde gefordert. Keine Zustimmung erhielt die Idee, diejenigen zu mobben, die andere mobben.

Diakon Jens Freiwald, Mitinitiator der Ausstellung und Mitarbeiter im katholischen Stadtdekanat, erläuterte die grundlegende Idee: „In Gedenkjahren gibt es oft sehr viel Programm für Erwachsene. An Jugendliche wird dabei selten gedacht. Deshalb erschien uns das Konzept einer Mitmachausstellung ideal. Die Jugendlichen erfahren, dass jüdisches Leben nicht nur Vergangenheit, sondern sehr lebendige Realität ist.“ Freiwald war überrascht, wie offen man mit den Jugendlichen ins Gespräch komme. Zum Beispiel über Antisemitismus. „An der Station hängt ein Zettel mit dem Satz ,Komm her, du Jude‘. Das ist für einige Jugendliche völlig harmlos.“ Ausgrenzung betreffe Juden. Aber es gelte, deutlich zu machen, dass es jeden treffen könne.

Schüler-Fazit

Ein Neuntklässler zog ein positives Fazit: „Ich habe viel gelernt und muss sagen, dass ich echt verdammt wenig Ahnung habe von jüdischem Leben.“ Ariella Dumesch beantwortete Fragen, nachdem alle Stationen absolviert waren. Dabei stand die Frage nach koscherem Essen im Mittelpunkt. „Ich lebe koscher-style“, berichtete die Mitarbeiterin. Das heiße, dass sie Schweinefleisch meide, aber im Restaurant Hühnchen esse, auch wenn es nicht koscher geschlachtet worden sei. „Und ich esse viel zu gern Sushi.“ In Köln ist es alles andere als einfach, koscher zu leben. Auch das erfuhren die Jugendlichen des Rhein-Gymnasiums beim Besuch der Mitmachausstellung. „Einen Laden mit koscheren Produkten gibt es hier erst seit diesem Jahr am Rudolfplatz“, erzählte Ariella Dumesch. Und um Fleisch- und Milchprodukte konsequent zu trennen, bräuchte man zwei Kühlschränke, zwei Arbeitsplatten, ein doppeltes Kochgeschirr und vieles mehr. „Das ist sehr teuer. Und meistens sind auch die Wohnungen zu klein“, so Dumesch.

Die Ausstellung wird bis zum zweiten Halbjahr 2022 digitalisiert und dann online zur Verfügung stehen.

Einen kleinen Vorgeschmack sehen Sie hier:

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann