von links: Josefin Weglage, Antje Heider-Rottwilm, Weihbischof Rolf Steinhäuser, Dr. Martin Bock und Markus Schaefer



„Leben, was uns eint! Erfahrungen und neue Chancen ökumenischer Gemeindepartnerschaften“

Tagung im Kardinal Schulte Haus/Thomas-Morus-Akademie in Bergisch Gladbach – Bensberg

„Leben, was uns eint! Erfahrungen und neue Chancen ökumenischer Gemeindepartnerschaften“: Zu diesem Thema führten das Erzbistum Köln, die Evangelische Kirche im Rheinland und die Thomas-Morus-Akademie Bensberg eine Tagung in den Räumen der Akademie im Kardinal Schulte Haus durch. Zu den gut sechzig Teilnehmenden zählten auch Vertretende aus missionarischen Arbeitsbereichen von verschiedenen Kirchen in Liverpool. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Martin Bock, Leiter der evangelischen Melanchthon-Akademie in Köln, und Josefin Weglage, Referentin für Ökumene im Generalvikariat Köln.

Ökumenische Partnerschaften

Über die gesamte Dauer pflegten die Teilnehmenden einen guten Austausch. „Die Menschen waren neugierig und erwartungsvoll, sowohl auf Erfahrungen anderer Gemeindepartnerschaften – die meisten Besucher kamen aus Gemeinden, die Partnerschaften eingegangen sind – als auch auf eine theologische Vertiefung“, so Bock. „Da war der Vortrag von Oberkirchenrätin i. R. Antje Heider-Rottwilm über die Charta Oecumenica sehr gut und für viele eine ‚unerwartete‘ Weitung des Themas und des Auftrages, den Christen in Europa mit sich bringen.“

Vor ihrem intensiven Referat wurden „sehr lebendig“ die ökumenischen Gemeindepartnerschaften Bonn-Beuel, Frechen-Königsdorf und Mettmann-Metzkausen vorgestellt. Es sind drei von über zwanzig Partnerschaften auf dem Gebiet des Erzbistums Köln. Am Nachmittag arbeiteten die Teilnehmenden in Gruppen zu verschiedenen ökumenischen Aspekten, beispielsweise Ökumene und interreligiöser Dialog, ökumenische Gemeindezentren, Sakramentengemeinschaft und ökumenische Impulse aus der Bibel.

Konziliarer Prozess

In ihrem Vortrag sprach Heider-Rottwilm über „Die Charta Oecumenica als Ausgangspunkt für neue Aufbrüche in der Ökumene“. Ab 1997 leitete die Theologin elf Jahre die Europaabteilung im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland und war maßgeblich beteiligt an der Entstehung der 2001 vom Rat der katholischen Bischofskonferenzen in Europa (CCEE) und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) als gemeinsame Verpflichtung verabschiedeten Charta. Seit 2009 sitzt sie „Church and Peace“ vor, einem europäischen ökumenischen Zusammenschluss von christlichen Kommunitäten, (Friedens)Kirchen, Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen.

Heider-Rottwilm spürte in ihrem Beitrag der Vorgeschichte der Charta nach, der Entwurfsdiskussion, ihrem Inhalt, ihrer Resonanz in Deutschland und Europa. „Einerseits ist vieles, was ich berichte, lange her – und doch hochaktuell!“, stellte sie voran. 1987 habe der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) die Mitgliedskirchen und die römisch-katholische Kirche dazu eingeladen, gemeinsam eine Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung vorzubereiten – der Beginn des Konziliaren Prozesses.

Konflikte

„Die Basis der Ökumene sind die Beziehungen zwischen den Menschen“, stellte Heider-Rottwilm fest. „Die Erste Europäische Ökumenische Versammlung in Basel 1989 brachte Menschen aus allen Regionen Europas, aller in Europa lebenden Konfessionen zusammen – das erste Mal seit der Kirchenspaltung.“ Sie habe Menschen zusammengebracht mit verschiedenen Anliegen, Visionen, die in den Jahren gärten. „Die Veranstalter, die KEK und der CCEE, unternahmen das Risiko, sich darauf einzulassen, aus diesen Divergenzen mit vielen Krisen und Konflikten eine Konferenz zu gestalten.“ Das Bild vom gemeinsamen Haus Europa habe die Runde gemacht. Es sei heftig über die Aussagen zur Friedenspolitik und den Primat der Gewaltfreiheit gestritten worden.

In der Zeit nach dem Ausbruch der Konflikte und dann Gewalt im ehemaligen Jugoslawien sei die Frage nach einer zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung entstanden. „Europa war durch tiefgreifende Umbrüche verändert – und die Kirchen mussten neu buchstabieren, was Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung nun heißt (…), eine Fülle von Aktivitäten zeigte, dass der Konziliare Prozess in die Tiefe und in die Breite ging.“ Auf der zweiten Versammlung in Graz 1997 sei offenkundig gewesen, welcher Versöhnungsbedarf unter den Kirchen selbst in zahlreichen Ländern angesichts von ungleichzeitigen Entwicklungen und konfessioneller und nationalistischer Differenzen bestanden habe.

Charta Oecumenica

1999 habe eine Arbeitsgruppe einen ersten Entwurf der Charta Oecumenica erstellt. Diesen hätten die Leitungsgremien der CCEE und der KEK auf den Weg gebracht. Damit habe ein intensiver Prozess von Entwürfen, Rückmeldungen, Überarbeitungen begonnen, ein Prozess mit einer selten breiten Beteiligung aller Kirchen, auch in den deutschen Landeskirchen und Bistümern. „Es gab Unterstützung, aber auch abfällige Reaktionen und Blockaden“, sagte Heider-Rottwilm. „Ich selber habe den Prozess für die Evangelische Kirche in Deutschland initiiert und begleitet.“ Ein besonderes ökumenisches Ereignis nannte die Theologin die panorthodoxe Konferenz auf Kreta, bei der viele orthodoxe Kirchen vertreten gewesen seien.

„Die Charta Oecumenica war das zentrale Thema auf der Tagung des Gemeinsamen Ausschusses von KEK und CCEE im Februar 2001 in Porto, zu dem unter anderem Bischof Karl Lehmann und ich gehörten.“ Aufgrund von 83 Stellungnahmen aus den europäischen Kirchen sei der Entwurf überarbeitet und formal angenommen worden. „Das Fest der Unterzeichnung am Ostermontag, 22. April 2001 in Straßburg, brachte hundert Kirchenleitende und hundert Jugendliche intensiv miteinander ins Gespräch.“

Erste Ökumenische Kirchentage

Seit 2001 habe es eine ungeheure Fülle von Veranstaltungen, Vernetzungen, Unterzeichnungen multilateraler Verpflichtungen vor Ort, Leitlinien zur Umsetzung der Charta, liturgische Anregungen, liturgische und interreligiöse Kalender, Gottesdienste, Unterzeichnungen der Charta Oecumenica auf regionaler und nationaler Ebene, durch Landeskirchen und Diözesen, durch nationale Kirchenräte in ganz Europa gegeben. Beim ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin hätten auf der Ebene der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Kirchenleitende innerhalb eines Festaktes gemeinsam die Charta Oecumenica unterzeichnet.

Selbstverständlich werde die in 25 Sprachen vorliegende Charta auch auf europäischer Ebene rezipiert. Sie sei in vielen Ländern als Anstoß erlebt worden, eine wachsende Verantwortung für Europa als Ganzes zu entwickeln. Bei der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung in Sibiu/Hermannstadt 2007 sei die Charta mit Leben gefüllt worden.

Selbstverpflichtung der Kirchen

„Von Menschen außerhalb der Kirchen wird besonders wach beobachtet werden, ob die Kirchen Europas die Selbstverpflichtung umsetzen, jedem Versuch zu widerstehen, Religion und Kirche für ethnische oder nationale Zwecke zu missbrauchen, jeder Form von Nationalismus entgegenzutreten, die zur Unterdrückung anderer Völker und nationaler Minderheiten führt und uns gemeinsam für gewaltfreie Lösungen und für den Prozess der Demokratisierung in Europa einzusetzen“, so Heider-Rottwilm.

„Hat die Charta das Leben der Kirchen und Gemeinden verändert?“, fragte Heider-Rottwilm. „Gab es neue Impulse für ökumenische Beziehungen? Konnte der Umgang mit der Charta die Augen und Ohren öffnen für die Perspektiven der anderen, seien es die jüdischen und muslimische Nachbarinnen und Nachbarn, Christinnen und Christen?“, riet sie zu selbstkritischen Nachfragen in der eigenen Gemeinde. Schließlich sei die Charta ein Aufruf zum Gebet, „die andere Kirche oder Konfession dem Schutze Gottes anvertrauen, Gottes reichen Segen für sie erbitten, und so ‚füreinander und für die christliche Einheit zu beten‘.“ Das sei eine der Selbstverpflichtungen, die uns am meisten herausfordere.

Ökumenische Projekte über künftige Relevanz der Kirchen

Überrascht zeigte sich Bock von der „Unterschiedlichkeit, mit der in den Gemeinden mit großem Optimismus und Pragmatismus Partnerschaften geschlossen werden: Optimismus, weil über die Jahre manche Veränderungen und manchmal auch Enttäuschungen zu verkraften sind – das scheinen die Gemeinden gut hinzubekommen. Pragmatismus und Gelassenheit, weil zum Beispiel die Partnerschaft Mettmann-Metzkausen auf eine drohende Kirchenschließung eines evangelischen Kirchenzentrums reagiert hat und hier die ökumenische Zusammenarbeit der Pfarrer aus der Not eine Tugend hat werden lassen.“

Im Laufe der Tagung sei immer deutlicher geworden, „dass wir an die junge Generation von Christen mit dieser Art von Partnerschaft und Gemeindeleben nicht mehr herankommen“, fand Bock interessant. „Das ist zu bürgerlich und zu volkskirchlich. Insofern werden wir neben dieser Form der Ökumene weitere ökumenische Projekte entwickeln müssen, die die Kultur und Milieus junger Menschen spezifischer aufgreifen und noch deutlicher fragen, wofür Kirche in Zukunft relevant sein soll.“

Ökumene auf Augenhöhe

„Es war gut, dass nach 20 Jahren Partnerschaftsgeschichte im Kölner Kontext zu dieser Tagung eingeladen wurde: Sie war ´Oase´, ´Forum´ und ´Wegzehrung´“, lautet Bocks Fazit. Positiv fand er ebenso, dass die Tagung zwar durch die Bistumskommission angestoßen, dann aber ökumenisch verantwortet worden sei und dass Oberkirchenrätin Barbara Rudolph den abschließenden Gottesdienst – zusammen mit Weihbischof Rolf Steinhäuser, Bischofsvikar für Ökumene – durch eine spannende Predigt mitgestaltet habe: „Ökumene geht nur auf Augenhöhe.“

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich