„Lass‘ ich mich vom Konsum glücklich machen, oder nenne ich Jesus von Nazareth meinen Herrn?“ Die Beatmesse beim Kirchentag 2007



„Lass‘ ich mich vom Konsum glücklich machen, oder nenne ich Jesus von Nazareth meinen Herrn?“ Die Beatmesse beim Kirchentag 2007

Falsche Frage, Herr Pfarrer. „Wo sind denn die Gäste aus unserer polnischen Partnergemeinde?“ erkundigte sich Ivo Masanek zu Beginn der ökumenischen Beatmesse in der Köln-Messe. Zwar waren etwa 5.000 Leute in Halle 5.2 gekommen, die gesuchten Polinnen und Polen waren nicht darunter. Masanek nahm es gelassen: „War das jetzt ein Rohrkrepierer?“ Der Gottesdienst stand unter dem Motto „Fair-Geld’s Gott – Handeln für Gottes gerechte Welt“. Gemeinsam mit Masanek leitete der Dominikanerpater Fritz Wieghaus aus Braunschweig die Messe. Uwe Seidel, Pfarrer im Ruhestand, musste seine Beteiligung aus gesundheitlichen Gründen absagen. Masanek erinnerte sich, dass er 1989 erstmals auf einem Papphocker sitzend, an einer von Seidel auf dem Kirchentag geleiteten Beatmesse teilgenommen hatte.


„Das ist anders“
Die Predigt im Gottesdienst 2007 hielten Edzard Hüneke und Daniel Dickopf von der Kölner A-Capella-Truppe Wise Guys, die am Abend zuvor noch 70.000 Menschen auf den Poller Wiesen begeistert hatten und nun auch bei der Beatmesse stürmisch bejubelt wurden. Ungewöhnlich waren die Vorbereitungen für eine Meditation von Masanek. „Wir verteilen jetzt die Körbe, mit denen wir normalerweise die Kollekte einsammeln. Das ist anders. Werfen Sie da bloß kein Geld rein. Da ist nämlich schon welches drin. Ausländische Münzen, von denen sich jeder eine nehmen kann.“ Anschließend fragte er sich, durch wie viele Hände die Münzen wohl gegangen seien, ob sie Schmier- oder Spendengeld gewesen seien, im Zweifel beides.

Man kann nicht Gott und dem Geld dienen
Auch in der Bibel käme das Geld vor. „Wer das Geld liebt, wird von Geld niemals satt“, heiße es da. Aber Geld sei nicht automatisch böse. Es komme darauf an, dass man mit ihm so handele, dass eine gerechtere Welt entstehe. Dickopf und Hüneke hatten sich die Rollen geteilt. Dickopf rezitierte aus einem fiktiven Tagebuch aus dem Jahr 2030, Hüneke bezog eine auf die Bergpredigt gegründete Position. „Liebes Tagebuch“, begann Dickopf jede seiner Einlassungen und fuhr dann beim ersten Mal fort: „Seit die Regierung Zigaretten, Alkohol, Fett und Fleisch verboten hat, ist die Lebenserwartung auf 150 Jahre gestiegen. Und das Schöne ist: Es kommt einem viel länger vor.“ Schnitt, Hüneke: „Man kann nicht Gott und dem Geld dienen.“ Aber, Geld sei wichtig. Man müsse halt nur das Problem lösen, wie alle genug davon haben können.

Zauberwort „Wachstum“?
Das Zauberwort der Parteien, Verbände und Gewerkschaften heiße „Wachstum“. „Ach je“, stöhnte Dickopf in seinem Tagebuch. „Die Aktienmärkte sind zusammengebrochen. Mein Geld ist weg. Die Experten sagen, jetzt sei der richtige Moment für neues Wachstum. Mit 20 Jahren war ich zwei Meter groß. Jetzt bin ich 60, aber nicht sechs Meter groß. Was soll’s. Konsum macht uns glücklich und kurbelt das Wachstum an.“ Aber: „Mit unserem Konsum zerstören wir das Leben von Millionen auf der anderen Seite des Globus. Wir kaufen billig ein, weil die Menschen, die die Dinge produzieren, sehr schlecht bezahlt werden“, entgegnete Hüneke.

Gott ist unfair: Er steht immer auf Seiten der Armen
„Suche Gottes Herrschaft und tu, was Gott von Dir fordert, dann gibt es Kleidung und Nahrung umsonst dazu“, zitierte er aus der Bibel. Damit seien in erster Linie die angesprochen, die genug haben, um Hungernden zu helfen. Im Übrigen sei Gott nicht parteilos. Im Gegenteil, so Hüneke, Gott sei zutiefst unfair, weil er immer auf der Seite der Armen stehe. „Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Dickopf berichtete derweil in seinem Tagebuch ganz andere Dinge, etwa von der Klimakatastrophe: Dass er beim Weihnachtsgans-Grillen am Decksteiner Weiher einen Sonnenbrand davongetragen hätte. Oder von Einsamkeit: Er und seine Partnerin schicken sich Textnachrichten, aber ohne Text: „Das zeigt, dass wir aneinander denken, uns aber nichts mehr zu sagen haben.“ Die Antwort kam von Hüneke: „Der Kirchentag zeigt, dass wir nicht allein sind“. Hunderttausende arbeiteten daran, „dass wir Gottes gerechter Welt näher kommen. Wir sind viele, und wir haben Macht. Auch gegenüber der Wirtschaft.“ Und wenn am Montag 5000 Kirchentagsbesucher bei Aldi oder Lidl nach fair gehandeltem Kaffee fragten, wüchse die Chance beträchtlich, dass der in Kürze im Regal stehe. „Wem vertraue ich mein Leben an?“ fragte Hüneke abschließend: „Lasse ich mich vom Konsum glücklich machen, oder nenne ich Jesus von Nazareth meinen Herrn?“ Dann gebe es Kleidung und Nahrung umsonst dazu.

Und hier: Ruhama, die ökumenische Band aus Köln, die kurz nach der ersten Beatmesse dazustieß und seither fester Bestandteil aller Beatmessen und Produzent zahlreicher „religiöser Hits“ ist, für viele Besucherinnen und Besucher seit jeher ein Markenzeichen jeder Beatmesse.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Rahmann