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Kunst für die Kirche: „Ihr könnt es auch einfach nur schön finden“

Kirchenfenster und -siegel, markante Logos, textilen Kirchenschmuck, kunstvolle Schriftstücke, Bücher, Möbel und vieles mehr fertigte der Grafik- und Designprofessor Kurt Wolff und prägte mit seinen Entwürfen und Techniken die Arbeit der Kaiserswerther Diakoniewerkstätten. Wer in der aktuellen Werkschau sein Schaffen unter die Lupe nimmt, entdeckt plötzlich überall im kirchlichen Raum Kurt Wolffs Handschrift wieder.

Mit einer festlichen Vernissage wurde die Ausstellung „Kunst für die Kirche. Paramente – Grafik – Kalligraphie“ eröffnet, die einen Querschnitt durch das Schaffen des Grafikdesigners Kurt Wolff zeigt. 100 Jahre alt wäre der Künstler in diesem Jahr geworden, der sich selbst jedoch gar nicht als einen solchen verstand. Joachim Wolff, sein jüngster Sohn, porträtiert den Vater in seiner Ansprache wie folgt: „Letztlich blieb ihm die avantgardistische Kunstszene fremd, und zwar wegen der oft selbstverliebten Haltung der Künstler und der damit verbundenen Selbstüberhöhung, die eine reflektierende Demut vermissen ließ.“ Das Selbstverständnis Kurt Wolffs war dagegen das eines kooperativ und eher handwerklich orientierten Designers, der die Aufgabe habe, „sich Menschen gegenüber mit seiner Arbeit verständlich zu machen.“ Seine Werke habe er nicht als Kunst, sondern als „serielle Unikate“ und „Gebrauchskunst“ bezeichnet. Mit der erstarkenden Eigenständigkeit der Designsparte wurde Wolff 1957 an die Fachhochschule für Graphik und Design in Düsseldorf berufen, wo er den Unterrichtsschwerpunkt Typographie betreute, später zum Dekan und Professor ernannt und 1981 emeritiert wurde.

Vernissage musikalisch umrahmt
Die evangelische Kirchengemeinde Mülheim am Rhein startete mit der Ausstellungseröffnung am 28. Oktober zugleich ihre Veranstaltungsreihe zum Reformationsjubiläumsjahr 2017 – ein Anlass, zu dem auch eine stimmige musikalische Untermalung nicht fehlen durfte, und so kamen die Besucherinnen und Besucher an diesem Abend in den Genuss der vier doppelchörigen Motetten von Johann Sebastian Bach, aufgeführt vom Chorus Musicus Köln unter der Leitung von Kantor Christoph Spering. Hervorragend und gekonnt begleitet wurde der Chor von Christoph Anselm Noll an der Orgel und Benjamin Wand am Kontrabass.

Leihgaben machen die Werkschau möglich
Dr. Christiane von Scheven vom Arbeitskreis Offene Friedenskirche bedankte sich für die vielen Leihgaben bei der Fliedner Kulturstiftung sowie bei Pfarrer Martin-Lothar Sauer von der „Kapelle der Sieben Barmherzigkeiten“ in Stübeckshorn bei Soltau, welche den Kölnern eine Serie von sieben Stoffbildern zur Verfügung gestellt hat, die Wolff zum Thema der in Matthäus 25 geschilderten Werke der Barmherzigkeit angefertigt hatte. Auch der Familie von Kurt Wolff, die bei der Vorbereitung der Ausstellung beratend zur Seite stand, galt ihr Dank.

Luthers Kleiner Katechismus wird neu aufgelegt
Der Fliedner Kulturstiftung Kaiserswerth kam nach dem Tod Kurt Wolffs im Jahr 2003 dessen wissenschaftlicher und künstlerischer Nachlass zu. 1949 hatte der vielseitige Autodidakt die Leitung der Werkstatt für evangelische Paramentik der Kaiserwerther Diakonie übernommen und prägte sie über 50 Jahre lang mit seiner unverwechselbaren Handschrift. „Hier hat Kurt Wolff die sichtbarsten Spuren hinterlassen, seine Entwürfe werden noch heute immer wieder genutzt“, erklärte Dr. Norbert Friedrich, der als Vorstand der Stiftung zur Vernissage gekommen war. „Zum 100. Geburtstag Kurt Wolffs hatten wir in diesem Jahr auch eine Ausstellung seiner Werke, doch aktuell sieht unser Ausstellungsraum ganz schön geplündert aus“, fügte er ironisch mit Blick auf die Leihgaben an die Friedenskirche hinzu. Besonders freue er sich, dass der Verlag Vandenhoek & Ruprecht zu diesem Anlass den von Kurt Wolff per Hand geschriebenen Kleinen Katechismus Martin Luthers als Reprint neu auflegen wird. Darin sind neben dem Text des Katechismus auch Luthers Lieder enthalten und durch kalligrafische Gestaltung sinnhaft verfeinert. Der Umschlag der Erstauflage ist in der aktuellen Ausstellung zu bewundern.

Texte durch Kalligrafie bereichern
Ein ganz außergewöhnliches Exponat bietet zudem einen Einblick in das persönliche Leben von Kurt Wolff. Als er während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich und Russland stationiert war, fertigte er eine mit christlicher Symbolik angereicherte Abschrift des Neuen Testaments an. Die Einzelblätter schickte er seiner damaligen Verlobten nach Wuppertal. Nach dem Krieg wurden sie zu einem Buch gebunden, das jetzt in der Friedenskirche zu sehen ist und ein Zeugnis seiner Erlebnisse liefert. Die Erfahrungen aus der NS-Zeit machten Wolff zu einem überzeugten Demokraten und Pazifisten, was die Textauswahl für seine kalligrafischen Studien widerspiegelt: Augustinus, Martin Buber, Søren Kierkegaard und Dorothee Sölle sind nur einige der hier vertretenen Autoren. Als Kalligraf sah Kurt Wolff seine Aufgabe darin, über die Gestaltung der Buchstaben der informativen Botschaft ausdruckssteigernde Möglichkeiten hinzuzufügen. Die unprätentiöse Haltung zu seinen Objekten beschreibt schließlich ein Ausspruch am besten, mit dem Kurt Wolff das selbst gefertigte Hochzeitsgeschenk an seinen Sohn Joachim und dessen Frau: „Ihr könnt es hängen oder auch stellen und drehen, wie ihr wollt, und euch eure eigenen Gedanken machen. Ihr könnt es auch einfach nur schön finden.“

Die Ausstellung „Kunst für die Kirche. Paramente – Grafik – Kalligraphie“ in der Mülheimer Friedenskirche ist noch bis zum 11. Dezember jeweils samstags und sonntags von 15 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung zu besichtigen.

Text: Kristina Pott
Foto(s): Kristina Pott