„Ich komme an Orte, wo ich noch nie war“ – Kulturfrühstück trifft Sommerblutfestival



„Ich komme an Orte, wo ich noch nie war“ – Kulturfrühstück trifft Sommerblutfestival

Das Angebot eines Kulturfrühstücks gibt es in der Evangelischen Akademie nun schon seit acht Jahren, das Sommerblutfestival seit 18 Jahren. Leonore Kampe, Studienleiterin in der Melanchthon-Akademie dachte vor mehr als acht Jahren mit der Seniorensektion an der Kölner Universität über ein niederschwelliges Kulturangebot nach, wo die Leute einfach mal reinschnuppern können.

„Dann haben wir gedacht, wir machen ein Frühstück und anfangs wurde nur geplaudert und das war Teil des Konzepts, das es nicht nur konsumierend ist, sondern dass man sich auch traut, was zu sagen und seine Meinung zu äußern“, erinnert sich Kampe. Über die Jahre wurde das Konzept immer besser angenommen und inzwischen kommen manchmal 40-50 Leute und man könne auch mal etwas Anspruchsvolleres anbieten, wo man auch mal laufen müsse. So wie bei der Veranstaltung am 6. Juni, die Teil des Sommerblutfestivals war. Zwei Ausstellungen in der Kölner Südstadt wurden besucht.

Sommerblut – das Festival der Multipolarkultur

Diesen Begriff haben sich die Macher des Festivals selbst ausgedacht. „Damit man nicht bestimmte Personen in bestimmte Schubladen stecken kann“, erzählt Hiltrud Cordes, seit sieben Jahren künstlerische Leiterin des Festivals und heute Dozentin des Kulturfrühstücks. Das Sommerblutfestival strebe Inklusion in einem ausgeweiteten Sinne an, so Cordes, setze sich gegen Ausgrenzung und für Minderheiten und Randgruppen ein und möchte „Begegnungen schaffen und die Leute aus ihren Ecken holen“. Finanziert wird das Festival von der Stadt Köln und dem Land NRW. „Wir sagen auch manchmal, wir wollen den Rand in die Mitte holen und die Mitte an den Rand bringen.“

Thema Glaube

In diesem Jahr lag der Fokus des Kulturfestivals auf Glaubensfragen und wie diese die Menschen beeinflussen. Grundsätzlich suchen sich die Macher des Festivals immer Themen als Jahresmotto, „die auch irgendwie einen gesellschaftlichen Diskurs auslösen können oder schon im gesellschaftlichen Diskurs sind“, so Cordes. Die christlichen Kirchen verlieren Mitglieder, aber gleichzeitig sei zu beobachten, dass die Menschen sich nach Spiritualität und Orientierung sehnen.

Zum 18. Sommerblutfestival, vom 25. Mai bis 11. Juni, gab es 35 Theater-, Musik- und Tanzaufführungen und zwei Ausstellungen zum Thema „Glauben“. Letztere waren Thema beim Kulturfrühstück.

Spaziergang statt Frühstück

Diesmal sind 13 Frauen und ein Mann dabei, viele schon Stammgäste wie Erna Decker, die sich immer wieder darauf freut, an Orte zu kommen, „wo ich noch nie war und einen Blick auf Dinge zu bekommen, die ich nicht kenne“. Der Eingang zum Cöln Comic Haus am Anfang der Bonner Straße in der Kölner Südstadt ist diesmal der Treffpunkt für die Veranstaltung. Hinter einem schmalen Flur verbirgt sich eine wahre Fundgrube für Comic-Liebhaber. Neben unzähligen Exemplaren von amerikanischen Comics gibt es Superhelden aus den Heften in allen möglichen Größen zu bestaunen. Kleinere Varianten sind in Glasvitrinen geschützt, andere Figuren beeindrucken durch ihre riesige Größe. Ihr Ehemann sei ein leidenschaftlicher Comic-Fan, erzählt Susanne Flimm, die Geschäftsführerin. Er gründete mit seiner Sammlung 2008 die Schmitz-Lippert-Stiftung, die einen Beitrag zur Erforschung, Bewahrung und Vermittlung amerikanischer Comic-Kultur leisten möchte.

Im Rahmen des Sommerblutfestivals gab es vom 2. – 10. Juni eine ganz besondere Sonderausstellung zu sehen.

Ein Glaube, der Berge versetzte

Unter dem Titel „Time after Time“ präsentierte das Cöln Comic Haus das gleichnamige Buch der finnischen Zeichnerin Kaisa Leka, das diese gemeinsam mit ihrem Mann Christoffer herausgegeben hat. Beide sind Anhänger der hinduistischen Glaubensrichtung Gaudiya Vaishnava, welche den Gott Krishna verehrt. In ihrem Comic erzählen sie mit Herz, Witz und philosophischem Untertext von den zehn Erscheinungsformen, die Krishna annahm, um in die Welt der Menschen hinabzusteigen. Ein Kunstband mit viel Wärme und Humor zwischen indischer Ästhetik und skandinavischem Minimalismus.

Kaisa Leka wurde mit deformierten Füßen geboren und konnte sich nur mit Krücken fortbewegen. Aufgrund ihres Krishna-Glaubens verstand sie diese Behinderung als schlechtes Karma aus einem früheren Leben und entschloss sich, ihre Unterschenkel amputieren zu lassen. Sie ließ sich Prothesen anfertigen und konnte fortan Dinge tun, die für sie vorher unmöglich waren: Beispielsweise auf Berge klettern und Fahrrad fahren. Mit ihren künstlichen Unterschenkeln geht sie offen um, trägt Miniröcke und kurze Hosen. Die Künstlerin selbst wirkt schillernd und geerdet zugleich – und passt in keine Schublade.

Verstörende Fotos und neue Einsichten

Nach dem Besuch an diesem etwas versteckten Ort der Comic-Kunst geht es zu Fuß quer durch die Kölner Südstadt in die Michael-Horbach-Stiftung. Von einer protestantisch-hinduistischen Sichtweise hin zu einer katholisch-afrikanischen. Im Rahmen des Sommerblutfestivals ist hier die Ausstellung „Glaube auf Kuba“ zu sehen. Vier kubanische Fotografen dokumentieren mit Schwarz-Weiß-Fotos die Pilgerfahrt San Lazaro in Havanna und auch Bilder von weiteren Religionsgemeinschaften auf Kuba wie Juden und Muslime. Im San Lazaro-Kult verschmelzen die biblische Figur des Lazarus mit einer afrikanischen Gottheit.

Hiltrud Cordes hat dazu zwei biblische Personen des Lazarus gefunden: In der Geschichte von Martha und ihrem Bruder Lazarus geht es in Johannes 11 um den Glauben von Martha an Jesus Christus. In der Geschichte des Lazarus in Lukas 16 wird das Gleichnis vom Verwalter und der Ungerechtigkeit erzählt, es geht um arm und reich, um Drohung, Druck und Angst. Genau diese Botschaft bildet die Grundlage für die Wallfahrt in Kuba. Je größer die Bitte um Erlösung, umso stärker müssen die Qualen vorher sein. Manche rutschen auf Knien zum Wallfahrtsort, andere tragen Hunde und Kinder mit sich. Die spektakulären, verstörenden Fotos sind sehr beeindruckend und nah an den Menschen. Zwei Besucherinnen fühlen sich belastet und aufgewühlt. Auf jeden Fall hinterlassen sie einen bleibenden Eindruck.

Das Kulturfrühstück

„Die Themen entstehen ganz und gar nach meiner Interessenlage und wenn mich etwas interessiert, dann kann ich davon ausgehen, dass es andere auch interessiert und die Reaktionen geben mir recht“, fasst Studienleiterin Leonore Kampe das Ergebnis von acht Jahren Kulturfrühstück zusammen. Treue Stammbesucherinnen geben ihr Recht, so wie die kunstinteressierte Monika Tormann, die seit vielen Jahren aus Türnich nach Köln kommt. „Mir gefällt das Angebot, Frau Kampe hat immer sehr gute Ideen und ich freu mich immer über Überraschungen.“

Auch für das zweite Halbjahr hat sie schon genügend Ideen für das Kulturfrühstück. Das wird zum größten Teil in der Akademie und damit auch mit einem Frühstücksbuffet stattfinden. Es geht um Offenbach, Kunstfälscher, deutsche Klassiker in Israel, um Fotografen und das Römergrab in Köln-Weiden.

Die Termine gibt es im Semesterprogramm der Melanchthon-Akademie. Das nächste Sommerblutfestival findet im Mai und Juni 2020 statt.

www.melanchthon-akademie.de

www.sommerblut.de

Text: Jutta Hölscher
Foto(s): Jutta Hölscher