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„Kirche soll Gesicht zeigen“: Fulbert Steffensky sprach beim Jahresempfang 2009 des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region

Zu Beginn des neuen Kirchenjahres luden der Evangelische Kirchenverband Köln und Region und die vier Kölner Kirchenkreise wieder zum Jahresempfang. In der Kartäuserkirche begrüßte der neu gewählte Stadtsuperintendent Rolf Domning zahlreiche Gäste, darunter viele Vertreter aus Politik und Verwaltung, den katholischen Stadtdechanten Johannes Bastgen und Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften. „Brot für die Fremden. Die Kirchen in der säkularen Stadt“ lautete das Thema des Abends, bei dem der eremitierte Professor für Religionspädagogik, Theologe und Autor Fulbert Steffensky aus Hamburg als Hauptredner auftrat.

„Kirchen gehören mitten hinein in die Stadt“
Mit Schwarzbrot stimmte Domning die Zuhörer auf das Thema des Abends ein – in Anspielung auf einen der bekanntesten Buchtitel des Referenten: „Schwarzbrotspiritualität“. Mit Schwarzbrot als „karger Kost“ symbolisierte Domning das Angebot und die Rolle der Kirchen in der Stadt. „Wir wissen, dass wir es als Kirchen nicht leicht haben, mit dem Überangebot der Stadt zu konkurrieren“, sah er das kirchliche Schwarzbrot inmitten von weltlichen Croissants, Zimtstangen und Vanillekipferln. Aber die Kirchen stünden in der Nachfolge Jesu Christi „und wollen den Menschen Nahrung geben – Brot des Lebens“, betonte der Stadtsuperintendent: „Menschen wollen sich nicht länger abspeisen lassen mit nur oberflächlichen Worten und dem schönen Schein in den Tempeln des Konsums“. Und wenn Schwarzbrot noch eine Geschmacksfrage ist, so ist das bei den Kirchen nicht der Fall: „Kirchen gehören mehr denn je mitten hinein in die Stadt. Nicht bloß als touristische Attraktionen, nicht als Museen, sondern als Orte des lebendigen Glaubens.“

Bereicherung durch Religionsgemeinschaften
Eine Rolle, die auch Oberbürgermeister Fritz Schramma den Kirchen gerne zuspricht. „Ist Köln wirklich eine säkulare Stadt?“, fragte er mit Blick auf das Thema des Abends und erklärte, dass sich rund 70 Prozent der Kölnerinnen und Kölner zu einem Glauben bekennen. Und mit Blick auf den so genannten „Anti-Islamisierungskongress“ im September stellte er fest, „dass unsere Stadt von den Religionsgemeinschaften bereichert“ werde. „Köln hat sich quer gestellt“, betonte Schramma zufrieden. „All das sind Argumente, die dafür sprechen, dass die Stadtgemeinschaft so säkular nicht sein kann.“ Auch für die Zukunft wünsche er sich, dass „die Religionsgemeinschaften und Kirchen in Köln aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Und dass sie sich weiterhin einmischen in die Belange unserer Stadt und Religion. Nicht nur, aber gerade auch in schwierigen Zeiten.“ Für Rolf Domning hatte er der OB eine kleine Eule, „als Zeichen für Weisheit“, als Geschenk mitgebracht: „Ich habe mir auch eine ausgeliehen.“

Abschied von Größe und Bedeutung
Mahnende Worte an die Kirchen, lakonisch und teilweise amüsant verpackt, aber auch kraftvolle Zeichen der Zuversicht fand Fulbert Steffensky in seinem Referat. Der 75-jährige Theologe und frühere Ehemann der 2003 verstorbenen Dorothee Sölle stellte fest, dass die Kirche zu sehr nach Größe strebe, zu sehr auf Zahlen als Zeichen von Größe achte und dabei ihre ureigene Rolle oft vernachlässige. „Es gibt eine ekklesiologische Verblendung, in der wir heimlich und unbewusst die real existierende Kirche und Reich Gottes in eins setzen.“ Diese Zeiten, wenn es sie denn je gegeben habe, seien vorbei. „Die Kirche wird in absehbarer Zeit nicht wachsen, zumindest nicht in Europa, zumindest nicht an Zahl der Mitglieder. Sie wird kleiner werden.“ Doch das bietet auch Chancen: „Sie muss nicht mehr zwei Herren dienen, sie hat nur mehr einen.“ Die Möglichkeit der „neuen Konzentration“ sei jedoch auch ein schwieriger Prozess, denn es falle nicht leicht, Abschied von „Größe und Bedeutung“ zu nehmen. Doch statt die Herausforderung anzunehmen, verfalle Kirche sehr oft in die „Sünde der Mutlosigkeit“: „Wir trauen uns mit den Schätzen, die wir haben, nicht mehr an die Öffentlichkeit.“ Aus dieser „Mutlosigkeit“ resultierten nach Meinung von Steffensky Versuche, die Kirche als „Marke“ im allgemeinen Bewusstsein zu positionieren. Als „höchst urkomisch“ empfindet er etwa das Angebot „Instinkternährung und Paddeln“ eines kirchlichen Bildungswerkes. „Eine Kirche, die weiß, was sie will und tun muss, weiß auch, was sie nicht will und was sie lassen muss.“

„Gesicht zeigen, heißt Gesicht gewinnen“
„Die Gesellschaft braucht die Deutlichkeit der Kirche“, forderte Steffensky. Auch im Zusammenleben der Religionen sei das von großer Wichtigkeit. Das Bewusstsein der eigenen Herkunft, der eigenen Stärke und der eigenen Schwäche, aber auch die „Anerkennung von Pluralität“: Ich bin einer unter vielen, mein Glaube ist einer unter vielen, mein Land ist eines unter vielen.“ Mit dieser Erkenntnis „sind wir von der Last der Einzigartigkeit befreit“. Das Bekenntnis zur eigenen Tradition bedeutet für Steffensky Mission im besten Sinnen: „Zeigen, wer man ist und was man liebt. Gesicht zeigen heißt Gesicht gewinnen.“ Und nur für das, was man wirklich liebe, könne man auch den Respekt von anderen erwarten.

„Theaterfundus einer religiös armen Kultur“
Kirche in der Stadt können nicht mehr erwarten, dass sich ihr die Menschen „mit Haut und Haaren“ verschreiben. Vielmehr seinen sie „fremde Gäste“, die geduldet werden müssten. „Sie leihen sich Sprache, Räume, Zeiten und Gesten für die Not oder das Glück ihres Herzens.“ Sie brauchen das Haus, aber sie wollen dort nicht zu Hause sein.“ In diesem Zusammenhang heiße Mission auch, „Gastfreundschaft üben und nicht neidisch darüber zu sein, dass die Menschen nicht für immer bleiben und Vollmitglieder sind“. Oder, wieder sehr plastisch ausgedrückt: „Die Kirche ist auch der Theaterfundus einer religiös armen Kultur!“ Die Aufgaben einer missionarischen Kirche fasste Steffensky abschließend in drei Forderungen zusammen: „Die Kirche soll Gott loben, die Kirche soll das Recht ehren, die Kirche soll Gesicht zeigen.“ Und bevor der gesellige Teil im benachbarten Haus der Evangelischen Kirche begann, übersetzte Kantor Thomas Frerichs das gesprochene Wort mit Orgelimprovisationen in musikalische Klänge.

Die gesamte Rede von Fulbert Steffensky zum Nachlesen und Ausdrucken hier.

Text: Jörg Fleischer
Foto(s): Fleischer