„Kein Protestant kann selig werden!“ Immer wieder bot die Mülheimer Gottestracht Zündstoff – eine neue Führung der AntoniterCityTours erläutert die Geschichte dieses Fronleichnam-Brauchs

„Kein Protestant kann selig werden!“ Immer wieder bot die Mülheimer Gottestracht Zündstoff – eine neue Führung der AntoniterCityTours erläutert die Geschichte dieses Fronleichnam-Brauchs

Mit einer durch und durch katholischen Tradition beschäftigt sich eine neue Führung der AntoniterCityTours: der Mülheimer Gottestracht. Und die Schiffsprozession scheint auch auf Menschen evangelischen Glaubens eine gewisse Anziehungskraft auszuüben: Rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beider Konfessionen treffen sich am Fronleichnamstag im Schatten der Liebfrauenkirche, um gemeinsam mit Pfarrer Dietrich Grütjen die aktuelle Prozession ein Stück zu begleiten und in die Geschichte dieser speziellen Mülheimer Tradition einzutauchen.

Vision führte zum Fronleichnamsfest
Grütjen, Krankenhausseelsorger und in den 70er Jahren Pfarrer an der Mülheimer evangelischen Friedenskirche, hat für den Spaziergang einen besonderen Titel ausgewählt: „Kein Protestant kann selig werden!“ Damit spielt er auf die Auseinandersetzungen an, die sich zwischen Protestanten und Katholiken immer wieder an der Gottestracht entzündeten. Hatte doch Martin Luther das Fronleichnamsfest als das „schändlichste aller Feste“ bezeichnet, und auch der Heidelberger Katechismus spricht von einer „vermaledeiten Abgötterei“. Die Ursprünge dieser Prozessionen aber liegen in einer Zeit, als von Reformation noch keine Rede war. „Juliane von Lüttich hatte 1209 die Vision eines Mondes mit einem dicken Fleck“, erzählt Grütjen, während aufgeregte Kommunionkinder als Vorboten der Prozession vor der Liebfrauenkirche Aufstellung nehmen. Der damalige Bischof und spätere Papst Urban IV. interpretierte diese Fantasie dahingehend, dass noch ein leerer Platz im christlichen Terminkalender sei und begründete 1264 das Fronleichnamsfest. „Das Wort kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet so viel wie der ,Leichnam des Herrn‘“, so Grütjen. Bei den Prozessionen wird seitdem unter einem Baldachin eine Monstranz mit einer heiligen Hostie vorweggetragen. Dahinter folgen, wie auch an diesem Tag in Mülheim, Geistliche, Honoratioren und Gläubige.

Legende vom Dieb auf dem Rhein
Die Gottestracht in Mülheim entstand vermutlich Anfang des 14. Jahrhunderts. „genau lässt sich das nicht mehr feststellen“, sagt Grütjen. Die enge Verbindung der damaligen Stadt Mülheim zum Rhein und zur Schifffahrt ist der wahrscheinliche Grund dafür, dass diese Prozession auf dem Schiff stattfindet, aber natürlich ranken sich auch jede Menge Legenden und Gerüchte um die Entstehung. „Die schönste Legende ist die von dem Dieb, der die wertvollen liturgischen Geräte aus der Clemenskirche stahl und in einem Boot über den Rhein fliehen wollte. Mitten auf dem Fluss blieb das Boot aber stehen und bewegte sich nicht mehr weiter. Der Dieb fiel ins Wasser und ertrank. Am nächsten Morgen entdeckten die Mülheimer das herrenlose Boot mit den wertvollen Gegenständen, fuhren mit vielen Booten hinaus und brachten die Kirchenschätze wieder zurück“, berichtet Grütjen.

Herausforderung in früheren Zeiten
Die Prozession bewegt sich mittlerweile auf der Regentenstraße bis zum Dreikönigenhaus, wo eine Station mit Gebeten eingelegt wird. Danach geht es weiter über die Mülheimer Freiheit und den Kohlplatz bis zum Rheinufer, wo das Prozessionsschiff wartet. „In früheren Zeiten war das eine Kräfte zehrende, den Tag ausfüllende Veranstaltung“, holt Grütjen aus. „Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zogen von der Clemenskirche nach Stammheim, dann über Dünnwald nach Buchheim, wo Station gemacht wurde.“ Bei diesem Halt wurde auch kräftig gebechert und gegessen. „Das ging ganz schön ins Geld“, schmunzelt der Pfarrer. Weiter ging es bis zum Pulverturm in Mülheim, wo die Gemeinde die Schiffe bestieg. „Eine echte Herausforderung“, kommentiert Grütjen die Gottestracht alter Prägung. Ein weiterer Chronist der Prozession, der frühere Mülheimer Bürgermeister Carl Josef Zacharias Bertholdi, berichtete in seinen Tagebüchern ebenfalls von großen Festivitäten. Ein Eintrag aus dem Jahr 1802 listete detailliert die zahlreichen feinen Speisen auf, die in seinem Haus, dem „Bärenhof“, der heute noch an der Buchheimer Straße steht, den Gästen der Mülheimer Oberschicht serviert wurden. Stark engagiert bei dieser Tradition ist die Mülheimer St. Sebastianus-Schützenbruderschaft von 1435, eine der ältesten Bruderschaften in ganz Deutschland. Seit 1802 unterstützt sie die Gottestracht, und um die hohen Kosten erwirtschaften zu können, veranstaltet sie seit vielen Jahren an Fronleichnam und während des anschließenden Schützenfestes eine große Kirmes unter der Mülheimer Brücke

Religionsfreiheit aus wirtschaftlichen Interessen
Ein Festtag war und ist die Mülheimer Gottestracht bis heute. Getrübt wurde der, aus Sicht der Katholiken, als es auf einmal Menschen gab, die nicht mehr der reinen Lehre anhingen – die Protestanten. Und die waren in Mülheim schon früh recht zahlreich. 1610 sicherte der Herzog von Jülich, Kleve und Berg, zu dessen Einflussbereich auch Mülheim zählte, den Protestantinnen und Protestanten Religionsfreiheit zu und erteilte ihnen die Erlaubnis, ihren Glauben frei bekennen zu dürfen. Kurz darauf wurde die erste lutherische Kirche gebaut, die aber 1780 bei einer Überschwemmung infolge von Eishochwasser auf dem Rhein zerstört wurde. 1784 entstand dann der Vorläufer der heutigen Friedenskirche, die im Zweiten Weltkrieg durch Bomben fast vollständig zerstört und erst in den 60er Jahren wieder aufgebaut wurde. Mit der Religionsfreiheit verfolgten die Bergischen Herrscher durchaus wirtschaftliche und machtpolitische Ziele: „Dadurch sollten vor allem Unternehmer und Fabrikanten aus dem Gebiet der damaligen Spanischen Niederlande angelockt werden. Mülheim sollte zu einem mächtigen Gegenpol des katholischen Kölns ausgebaut werden“, erzählt Grütjen. Vor allem die Familie des protestantischen Tuchfabrikanten Andreae prägte über Jahrhunderte das protestantische Bild von Mülheim. Köln reagierte auf die Provokation: Fünfmal wurden Befestigungsanlagen, die die Mülheimer errichtet hatten, geschleift, und Protestanten, die aus Köln heimlich nach Mülheim kamen, um dort an Gottesdiensten teilzunehmen, wurden mit empfindlichen Geldstrafen oder Haft belegt.

„Kontroverspredigten“ gegen Protestanten
In früheren Zeiten wurde bei der Gottestracht die Tradition der so genannten „Kontroverspredigten“ gepflegt. Nachdem das Prozessionsschiff wieder angelegt hatte, zogen die Teilnehmer bis zur heutigen Salzstraße, wo Prediger, sehr oft Jesuiten aus Köln, „so richtig vom Leder zogen“, führt Grütjen aus. Der Titel einer Predigt von 1780 lautete „Kein Protestant kann selig werden“, und immer wieder wurde die Gottestracht genutzt, um gegen evangelische Menschen zu agitieren. Die Mülheimer Protestanten reagierten natürlich. So versuchte die Familie Andreae, den Druck der Hetzpredigten zu verhindern, es gab Artikel und Gegenartikel in den Zeitungen. Bis weit in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts dauerten die Gegensätze an. Nicht mehr so heftig, aber die Konfession war immer noch ein Abgrenzungsmerkmal. „Erst in den 70er Jahren wurde das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten in Mülheim deutlich entspannter. Das ist vor allem auf den damaligen katholischen Pfarrer Josef Metternich zurückzuführen. Der krempelte auch die Gottestracht um und gab ihr einen Inhalt. Zu Zeiten der Massenentlassungen beispielsweise zog die Prozession zu den Fabriktoren und machte dort Station“, erzählt Grütjen auch aus eigener Erfahrung.

Heute Tradition einer Minderheit
Im 19. Jahrhundert war es auch durchaus üblich, das Schmücken der Häuser zur Gottestracht in den Mietverträgen festzuschreiben. Was natürlich protestantische Mieter auf die Palme brachte. „Das hat sich mittlerweile stark geändert“, stellt Grütjen fest. Kaum ein Haus entlang des Prozessionsweges ist geschmückt, und auch, als die Prozession am Kohlplatz eintrifft und das Schiff besteigt, stehen kaum Schaulustige am Ufer. „Früher säumten Zehntausende das Ufer und die Brücke“, erinnert sich der Stadtführer. Doch in den vergangenen zehn bis 15 Jahren sei das Interesse zurückgegangen. „Die Tradition wird heute aufrecht erhalten von einer Minderheit“, stellt Grütjen fest. Von den etwa 40.000 Einwohnern Mülheims seien nur noch 11.000 katholisch. „12.000 sind muslimisch, 5500 protestantisch, der Rest ist nicht gläubig“, listet Grütjen die Kräfteverhältnisse auf. Als das Prozessionsschiff, die MS „Stolzenfels“, dann aber ablegt und, begleitet von vielen anderen Schiffen und Booten, stromaufwärts bis zur Zoobrücke fährt, dann ist das schon ein imposanter Anblick. Der macht vielleicht nicht selig, bleibt aber in Erinnerung.