Der Leiter der Melanchthon-Akademie, Dr. Martin Bock, mit der Referentin, Dr. Christiane Tietz, zu "Karl Barth: Ein Leben im Widerspruch"



„Karl Barth: Ein Leben im Widerspruch“

In diesem Jahr gilt es, mit Karl Barth einen der in vielerlei Hinsicht schillerndsten und wirkmächtigsten Theologen der vergangenen Jahrzehnte zu ehren. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat für 2019 ein Karl-Barth-Jahr ausgerufen. Reformierte wie Lutheraner fühlen sich dem Lebenswerk des Schweizers gleichermaßen verbunden. In der Melanchthon-Akademie wurde mehr als deutlich, dass er die Menschen immer noch anspricht. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, Stühle wurden auf den Flur gestellt und die Türen geöffnet beim Vortrag „Karl Barth: Ein Leben im Widerspruch“ von Dr. Christiane Tietz, die eine gleichnamige Biografie über den Theologen veröffentlicht hat und als Professorin für systematische Theologie an der Universität Zürich lehrt. Sie warf einen umfassenden Blick auf das Leben von Barth, der am 10. Mai 1886 in Basel geboren wurde.

Prägende Einflüsse

Karl Barths Familie zog 1889 von Basel nach Bern, wo sein Vater, Fritz Barth, an der Universität Bern als Theologieprofessor lehrte. Schon während seiner Schulzeit beschäftigte sich der junge Barth im Konfirmandenunterricht mit dem Gottesbeweis von Thomas von Aquin. Auch der liberale Theologe Adolf Harnack beeindruckte ihn während seines Theologiestudiums. Sein Vikariat absolvierte Barth in Genf. „Dort vertrat er die Auffassung, der Pfarrer müsse nicht nur über Gott predigen, sondern auch über das, was er selbst hat“, sagte Tietz. Barth sah in Genf die bittere Armut der Arbeiterinnen und Arbeiter und erlebte dort den Klassengegensatz hautnah. Seither wurde die soziale Frage zu einem wichtigen Bestandteil seiner Gemeindearbeit. Barth nannte die Ziele Jesu und die der Sozialdemokratie identisch. Jesus und der Kapitalismus hingegen, seien jedoch nicht vereinbar.

Der 1. Weltkrieg – Ein Krieg, der die Welt radikal entgöttert hat

Erschüttert hat Barth der Erste Weltkrieg. Dazu Tietz: „Aus seiner Sicht hat sich die Ethik in die Schützengräben begeben. Der Krieg hat die Welt radikal entgöttert.“ Entsetzt sei Barth gewesen, dass seine von ihm hoch geachteten Lehrer, wie zum Beispiel Harnack, das „Manifest der 93“ unterschrieben hätten, in dem ausschließlich den Gegnern des Deutschen Kaiserreiches die Schuld am Krieg zugewiesen worden sei. „Wie können Wissenschaftler so schnell und eindeutig Position beziehen ohne den Sachverhalt gründlich zu erforschen?“, habe Barth gefragt. Und: Wie könne das religiöse „Erlebnis“ noch christlichen Glauben begründen, wenn deutsche Christen den Krieg als heilig „erleben“ müssten? „Wenn die Lehre diese theologischen Positionen einnehme, könnten die Positionen nicht richtig sein. Es gelte jetzt, die Bibel neu zu lesen und mal zu gucken, was passiert“, hat Barth laut Tietz gefolgert.

Römerbriefkommentare

1919 veröffentlichte Barth seine Kommentare zu Paulus‘ „Der Römerbrief“, mit denen er berühmt wurde. Dem ging eine lange Beschäftigung mit dem Bibeltext voraus. Barth folgerte aus seinen Studien: „Die Theologie soll nicht nur über den Menschen und die Welt sprechen, sondern auch von Gott. Aber: Wir sind Theologen und sollen Gott reden. Und wir sind Menschen und können es nicht.“ Für diese Dialektik in der Theologie gebe es keine Synthese, so Tietz: „Diese Spannung muss man aushalten.“ Das sei laut Barth eine Gratwanderung: „Man darf nur gehen, nicht stehen. Sonst fällt man runter.“ Ohne promoviert und sich habilitiert zu haben, wurde Barth 1921 Honorarprofessor in Göttingen, 1925 ordinierter Professor für „Dogmatik und neutestamentliche Exegese“ in Münster. Damit war Barth, der mit seiner Frau Nelly fünf Kinder hatte, materiell abgesichert. Doch sein Privatleben entwickelte sich tragisch-turbulent.

Tragisch-turbulentes Privatleben

Er ging eine Beziehung zu Charlotte von Kirschbaum ein, die seine Geliebte und lebenslange engste Mitarbeiterin wurde. Charlotte lebte fortan mit der Familie Barth unter einem Dach. 2008 veröffentlichten die Kinder Barths dessen Briefwechsel mit von Kirschbaum. „Angesichts des Geschwätzes möchten wir ans Licht bringen, welche wunderbare Liebe unseren Vater mit unserer Tante Lollo verband“, hätten sie das damals begründet. Barths Frau habe das alles mitgetragen, auch wenn alle Drei unter der Situation sehr gelitten hätten, berichtete Tietz, wären aber sehr ernst und verantwortlich mit dem und der jeweils anderen umgegangen. „Es war ein Elend, wie sich die drei Menschen abgequält haben“, sagte Tietz. „Sie haben immer wieder neue Optionen diskutiert, aber es blieb alles, wie es ist. Barth hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie schuldig er sich gefühlt hat.“ Angenähert haben sich die Eheleute Barth, nachdem Charlotte wahrscheinlich an Alzheimer erkrankt war. Sie starb 1975.

Barths Position im 2. Weltkrieg

1930 ging die Familie nach Bonn. Barth war schon früh eine führende Figur der Bekennenden Kirche. „Die Kirche kann auch im totalitären Staat keinen Winterschlaf halten“, habe der Theologe gesagt. Mit ironischer Freundlichkeit und Höflichkeit habe sich Barth vor dem Rauswurf der Nazis zunächst schützen können. An der Barmer Erklärung hat Barth maßgeblich mitgewirkt. Dass darin der Umgang der Evangelischen mit den Juden nicht thematisiert wurde, nannte der Theologe später eine „Schuld meinerseits“. Den Hitlergruß zu Beginn seiner Vorlesungen verweigerte Barth. Wie auch den Schwur auf Hitler. Begründung: er könne diesen Schwur nur leisten, „soweit ich es als evangelischer Christ verantworten kann“. Im November 1934 wurde Barth endgültig vom Dienst suspendiert.

Barths Bücher werden verboten

Sogar Hitler selbst hatte dessen Akte zur Einsicht angefordert. Andere Mitglieder der Bekennenden Kirche haben den Schwur auf den „Führer“ geleistet. Als die Universität Basel Barth 1935 eine Professur anbot, nahm der das Angebot an. Trotz schwerer Bedenken, die Bekennende Kirche in ihrer dramatischen Situation zu verlassen. Ab 1938 waren Barths Bücher im damaligen Deutschen Reich verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Barths Einsatz der Versöhnung mit den Deutschen. Dr. Christiane Tietz zitierte ihn: „Her zu mir, ihr Schuldigen und Mitschuldigen, denen nun widerfährt und widerfahren muss, was eure Taten wert sind! Her zu mir, ich kenne euch wohl; ich frage aber nicht, wer ihr seid und was ihr getan habt; ich sehe nur, dass ihr am Ende seid und wohl oder übel von vorne anfangen müsst; ich will euch erquicken, gerade mit euch will ich jetzt vom Nullpunkt her neu anfangen!“

„Gott will nicht ohne uns Menschen sein, und der Mensch soll nicht ohne Gott sein“

Bei seinen Reisen nach Deutschland setzte er sich dafür ein, dass die „Deutschen ihre Schuld bedingungslos anerkennen“, so Tietz. Barth setzte sich ein gegen die Wiederbewaffnung, gegen Atomwaffen und gegen Antikommunismus. In jenen Jahren entstand sein Hauptwerk, die 13 Bände der „Kirchlichen Dogmatik“. „Die wurden wegen ihrer weißen Einbände ,Der weiße Wal‘ genannt“, berichtete Tietz aus dem Universitätsleben. „Gott will nicht ohne uns Menschen sein, und der Mensch soll nicht ohne Gott sein“, zitierte die Biografin den Theologen. Die Liebe Gottes schlage immer eine Brücke über den Abgrund. Barth starb hochgeehrt in Basel am 10. Dezember 1968.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann