(v.l.n.r.) Superintendent Andrea Vogel, Michele Lionetti, Michelle Euteneuer, Norbert Hörter, Uwe Schulz, Markus Melchers, Marten Pigrosch und Jessica Paas im Martin-Luther-Haus



Altenberger Forum: „Die zentralen Fragen sind immer die gleichen“

„Jugend forsch(t) – Wie junge Leute leben wollen“ war das Thema des 23. Altenberger Forums Kirche und Politik im Martin-Luther-Haus. Eingeladen hatte der Ökumeneausschuss im Rheinisch-Bergischen Kreis und der Landrat des Rheinisch-Bergischen Kreises.  Vorausgegangen war ein Gottesdienst im Altenberger Dom, den Andrea Vogel, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Köln-Rechtsrheinisch, Norbert Hörter, Kreisdechant des Kreisdekanants Rheinisch-Bergischer Kreis, und Christoph Becker, Pfarrer der Freikirchlich-Evangelischen Gemeinde Leichlingen-Weltersbach leiteten. Auf dem Podium im Martin-Luther-Haus saßen Marten Pigrosch, Mitgründer des Jugendrates in Bergisch Gladbach, Unternehmer in der Tiefbaubranche, Markus Melcher, Philosoph, Michelle Euteneuer, Mitarbeiterin des Kreisjugendamts und Vertreterin der Evangelischen Kirchengemeinde Altenberg, Jessica Paas, Evangelische Jugendarbeit Altenberg, und der katholische Jugendseelsorger Michele Lionetti. Moderiert wurde der Abend von Uwe Schulz, der tagsüber des öfteren bei WDR 5 am Mikrofon sitzt.

Jessica Pass möchte sich in ihrem Leben nicht von traditionellen Gedanken einschränken lassen. Marten Pigorschs Lebensmotto lautet „Tu, wozu du Lust hast, solange du niemandem schadest.“ Pfarrer Lionetti berichtete, dass ihm in der Kirche als junger Mann viele Menschen begegnet seien, die ihm geholfen hätten, sich zu entfalten. Auf einen ungewöhnlichen Lebensweg blickt Michelle Euteneuer mit Mitte 20 zurück. „Ich wusste schon mit 14, was ich werden wollte. Mit 16 habe ich dann die Ausbildung im Kreisjugendamt begonnen.“ Seitdem arbeitet sie dort. Das findet sie selber „untypisch“. Denn eigentlich gibt es sie nicht mehr, die „gerade Linie vom Abstillen bis zur Rente“, wie Moderator Schulz anmerkte. Heutzutage sei die Regel, dass man vieles ausprobiere, bevor man sich festlege. Markus Melcher hat festgestellt, dass sich unter Jugendlichen das Verhältnis zum Eigentum verändert. Aber es gäbe auch Egoismus. Pfarrer Lionetti hat in Gesprächen mit Jugendlichen erkannt: „Die Lebensfragen sind immer die gleichen.“

Dass es zwischen den Generationen möglicherweise mehr Verbindendes als Trennendes gibt, machten Interviews mit Studentinnen und Studenten deutlich, die als Einspieler die Podiumsdiskussion unterbrachen. Sicherheit war bei den jungen Leuten ein großes Thema. Jobs, die Spaß machen, Familie und Kinder. Und immer wieder wurde der Wunsch nach einem eigenen Haus geäußert. „Da ist eigentlich nichts Neues dabei“, fühlte sich Lionetti hinsichtlich der Lebensfragen bestätigt. „Es gibt eine große ökonomische Unsicherheit. „Kann ich mir das Leben leisten, von dem ich träume?“, fuhr der Pfarrer fort und erklärte, man müsse Antworten suchen auf Fragen, wie „Woran leidest Du? Wovor hast Du Angst?“

Philosoph Melchers hat festgestellt, dass die Jugendlichen heutzutage ihr Leben in Freiheit anders empfinden würden als ihre Eltern. Denn die Freiheit würde die Jugendlichen unter Druck setzen. Immanuel Kant habe von der „schrecklichen Freiheit“ gesprochen. Das Ausprobieren der Jugendlichen deutete Melchers als „halb davonlaufen und halb Zeit gewinnen“. Michele Euteneuer erklärte, dass ihr erst später bewusst geworden sei, dass sie es genieße, vor allem in ökonomisch sicheren Verhältnissen zu leben. „Bei Freunden sehe ich schon, dass die ganz schön unter Druck stehen.“ Auf Druck ganz anderer Art machte Lionetti aufmerksam. „Der Druck durch die sozialen Medien verfolgt die Jugendlichen überall.“ 38 Prozent der 14- bis 24-Jährigen sagten im Internet nicht mehr ehrlich, was sie dächten und glaubten, zitierte Schulz aus einer Studie und ergänzte: „Früher hatte man vielleicht Stress in der Schule. Dann ging man nach Hause, spielte Fußball mit den Freunden und der Stress war bis zum nächsten Morgen nicht zu spüren. Heute kann man in den sozialen Medien rund um die Uhr gemobbt werden.“ Jessica Paas hat ihr fünfjähriges Patenkind dabei beobachtet, wie es auf Youtube den Video-Blog eines anderen fünfjährigen Kindes anschaute. Im Publikum mischte sich Gelächter mit Erstaunen.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann