„Jürgen Becker und Rango Bohne. Texte und Collagen“

„Jürgen Becker und Rango Bohne. Texte und Collagen“

Beide betätigen sich künstlerisch. Beide sind in Köln geboren. Und beide vollenden 2012 ihr 80. Lebensjahr. Der eine ist Jürgen Becker, vielfach ausgezeichneter Verfasser von Lyrik, Prosa und Hörspielen. Die andere ist Rango Bohne, bildende Künstlerin. Beide sind seit 1965 ein Ehepaar. Anlässlich des demnächst zu feiernden hohen runden Geburtstages von Jürgen Becker werden ihm unter anderem die Stadt Köln, die Stadtbibliothek und das Literaturhaus Köln Feierlichkeiten und Veranstaltungen ausrichten. Schon jetzt gratulierte der Evangelische Kirchenverband Köln und Region – und zwar beiden, Becker und Bohne, mit Einladung zu einer Lesung beziehungsweise einer Ausstellung. Die künstlerische Kooperation kann inhaltlich begründet werden. Denn Becker schreibt Texte, die inspiriert sind von Collagen und Radierungen seiner Frau. Texte, die laut Becker „durch das Betrachten, durch das Umgehen mit dem Motiv, das Freisetzen eigener Assoziationen“ entstehen. Und beide haben bislang vier Bücher gemeinsam gestaltet: „Fenster und Stimmen“ (1982), „Frauen mit dem Rücken zum Betrachter“ (1989), „Korrespondenzen mit Landschaft“ (1996) und „Häuser und Häuser“ (2002). Ein fünftes, „Scheunen im Gelände“, ist in Vorbereitung und wird noch in diesem Jahr erscheinen.

Collagen, die irritieren


Im Rahmen des Kulturprogramms in der Kölner evangelischen Trinitatiskirche wurde nun eine Ausstellung mit Arbeiten der Künstlerin im Kontext einer Lesung des Autors eröffnet. Die Schau umfasst Werke in verschiedenen Techniken aus den Jahren 1959 bis heute. Dabei wird deutlich, dass die Absolventin der Kunstakademie Düsseldorf und der Hochschule für Bildende Künste Berlin insbesondere die Collage favorisiert. Die Werke wirken auf den flüchtigen Blick häufig gar nicht als Collagen. Bohne bedient sich Fundstücken und Resten, in der Hauptsache aber fremden und seit einiger Zeit eigenen Fotografien, die variantenreich übermalt, anderweitig als multi-materiale Reliefs gestaltet und neu arrangiert werden. Ihre Bilder mit landschaftlichen und oder architektonischen Motiven rufen unterschwellige oder sehr direkte Irritationen hervor. Landschaften beispielsweise, die wir erblicken, erscheinen einerseits vertraut. Andererseits drängt sich bald der Eindruck von Imaginationen auf. Etwa wenn der Altenberger Dom in ein fremdes Ambiente versetzt ist.

Das Foto zeigte eine Collage von Rango Bohne aus ihrer Reihe
Stolz, Becker und Bohne in der Trinitatiskirche begrüßen zu dürfen


In der Lesung zur Vernissage brachte Becker Texte aus den mit Bohne gestalteten Publikationen zu Gehör. Einige der Arbeiten der Künstlerin, auf die sich die Texte des Autors beziehen, wurden synchron entweder auf die Wand der Apsis projiziert oder Becker verwies „zwischen den Zeilen“ auf den Hängeort innerhalb der Ausstellung. Eingeleitet hatte den vom Literatur- und Kulturwissenschaftler Dr. Anselm Weyer moderierten Abend Günter A. Menne: Namens des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region und seines Vorstandes begrüßte der Leiter des Amtes für Presse und Kommunikation des Kirchenverbandes rund fünfzig Gäste. Man sei nicht wenig stolz, dass die beiden Künstler „uns schon heute gemeinsam die Ehre geben“, so Menne, bevor diese in Köln, München und weiteren Orten gewürdigt würden. „Das Zusammenleben zweier Künstler bringt es mit sich, dass man sich beeinflusst“, so der studierte Literaturwissenschaftler und Kunsthistoriker. Zwar arbeiteten Bohne und Becker nicht direkt zusammen. Wenn aber Bohne etwas gemalt habe, geschehe es unweigerlich, dass ihr Ehemann das Bild sehe und dann eben zuweilen durch dieses inspiriert werde. Das Ergebnis seien wohlgemerkt „nicht bloße Bildbeschreibungen, sondern etwas ganz Eigenes“, erläuterte Menne, „und zwar in einem wechselseitigen Erkenntnis- und Schaffensprozess.“

„Korrespondenz von Lyrik, Prosa und bildender Kunst“


Dr. Konrad Schmidt-Werthern übermittelte Grüße von Oberbürgermeister Jürgen Roters. Künstlerpaaren, so der Leiter des Kulturamts der Stadt Köln, werde stets eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Die Beziehung Becker-Bohne sei aber nicht (wie etwa bei Christo und Jeanne-Claude) durch eine Symbiose geprägt, sondern durch und durch von Korrespondenz, meinte Schmidt „aus großer Distanz“ erkennen zu können. Er stellte in dem gemeinsamen Werk der Künstler eine besondere Form der Kommunikation zwischen Lyrik, Prosa und bildender Kunst fest. „Und die Trinitatiskirche ist ein besonders geeigneter Bau für die Präsentation dieser Korrespondenz.“ Sie lasse den Künstlern und der Kunst genügend Raum, dankte Schmidt-Werthern dem Evangelischen Kirchenverband Köln und Region für die Öffnung des Sakralgebäudes auch für vielfältige kulturelle Veranstaltungen.

Bekanntes und Vorgriff auf Neues


„So viel Einführendes ist treffend gesagt, so dass ich nicht viel kommentieren muss“, setzte Jürgen Becker ein und griff sogleich zum ersten Textband seines Vortrags. Er hatte auf einem der beiden Stühle im Altarraum Platz genommen. Dort tat er zunächst einen „Vorgriff auf etwas, was noch nicht da ist“. „Scheunen im Gelände“ heißt die nächste gemeinsam mit seiner Gattin gestaltete Publikation. Aus dem Manuskript las er zehn Gedichte, die von Bohnes Gruppe der „Landreihen“ motiviert worden ist. In der Folge trug er Auszüge aus den vier bereits erschienen Titeln vor: „Fenster und Stimmen“ „Frauen mit dem Rücken zum Betrachter“ „Korrespondenzen mit Landschaft“ und „Häuser und Häuser“. Wie es angefangen habe, dass ihn Arbeiten Bohnes inspirierten, „weiß ich gar nicht mehr“, bekannte Becker. „Es kamen aus diesen Bildern Impulse.“ Die Malerin habe das zunächst gar nicht mitbekommen, dass ihr Mann auf der Suche nach Motiven „in nächster Nachbarschaft“ fündig geworden sei.

Das Foto zeigt zwei Arbeiten aus
Getrennte künstlerische Tätigkeiten


Bevor Becker abschließend aus seiner Erzählung „Der fehlende Rest“ (1997) eine längere Passage vortrug, in der sein Alter Ego Jörn Winter Begegnungen mit seinem Onkel, dem Maler Erich Schuchardt, in seiner Kindheit erinnert, die Aufenthalte in dessen Arbeitsräumen, wo das frühe Erleben des Geruchs von Farbe und Lösungsmittel wohl Beckers Interesse für die Malerei entfacht hat, setzte sich Moderator Dr. Anselm Weyer an seine Seite – und entlockte mit kundigem und humorvollem Fragen dem Schriftsteller Erhellendes insbesondere über das eigene Arbeiten wie das seiner Gattin, die selbst ungern auf dem Podium Platz nehmen wollte. „Sie arbeitet in Räumen, die ich, während sie arbeitet, nicht betrete“, so Becker. Er stellte klar, dass ihrer beider künstlerische Tätigkeiten sehr voneinander getrennte Bereiche darstellten. „Wir reden auch nicht täglich über Kunst, Bilder und Texte.“ Für das Arbeiten ziehe jeder sich in seine Räume zurück. „Ich sehe allenfalls das Ergebnis, und dann kann es passieren, dass ich an der Wand vorübergehe, an der ein neues Bild hängt, und ich sehe es zunächst nicht.“ Indem Rango Bohne auf das Übersehen dann mitunter mürrisch reagiere, werde ihm dieser Umstand dann aber rasch bewusst.

Beide setzen Vorliegendes neu zusammen, erfinden Neues


„Es ist also ein sehr getrenntes Arbeiten. Eine direkte gegenseitige Befruchtung findet nicht statt, eher eine indirekte“, machte der Autor deutlich. „Mitunter, ja“, erwiderte er auf Weyers Frage, ob beide nach einer ähnlichen Arbeitsmethode verführen, indem sie Vorliegendes neu zusammensetzen und Neues erfinden würden. Für eigene Collagen, so Becker, bediene er sich aus der vorhandenen Sprache, der öffentlichen und Verwaltungssprache. Das sei verwandt mit Bohnes Vorgehen, bestehendes Bildmaterial zu bearbeiten. Das Ergebnis verstelle die Wirklichkeit, die dahinter zu entdecken sei. Bohne arbeite mit vor allem eigenen Fotografien, die sie auf vielfache Weise gestalte und übermale. Schließlich stehe ein unmittelbarer, authentischer Ausdruck, der nichts mit der vorgefunden Bilderwelt zu tun habe, „vergleichbar mit meinem Arbeiten“, so Becker.

„Ich schreibe sehr autobiographisch“


„Sie erzählen aus einer sehr privaten, intimen Lebenswelt, die aufgrund der Verfremdung nicht als solche wirkt“, stellte Weyer fest. „Beim Schreiben kommt es auf Bewusstseinsvorgänge an. Was bringt diese Wirkung an Sprache“, entgegnete Becker, der mehrmals betonte, wie sehr er Maler beneide, weil sie in Handarbeit mit Material, mit Leinwand und Farbe hantieren könnten. Es bestehe dabei ein interessantes „Transportproblem“, flocht er ein fremdes Zitat ein: „Wie kriege ich die Farbe von der Palette auf die Leinwand.“ Am Malen, am bildkünstlerischen Tun, fasziniere ihn das konkrete, handwerkliche Arbeiten, und dass dabei das Denken in die Hände übergehe. „Ich schreibe sehr autobiographisch“, so Becker und stellte Bezüge her: „Malen ist nicht anekdotisch.“ Das Gedicht weise über sich hinaus. Schreiben sei ein „archäologischer“ Vorgang, verschüttete Erinnerungen hervorholen. Eigene und beim Leser.

Öffnungszeiten der Ausstellung


Die Ausstellung als Teil der Gesamtveranstaltung „Jürgen Becker und Rango Bohne. Texte und Collagen“ in der Kölner Trinitatiskirche, Filzengraben 4, ist bis einschließlich 1. April zu besuchen. Sie ist geöffnet mittwochs von 10 bis 12 Uhr, donnerstags 16 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 13 Uhr. Außerdem im Rahmen der bis dahin terminierten Veranstaltungen.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich