Juden und Christen in der DDR – Zeitzeugengespräch mit dem Kölner Publizisten Günther B. Ginzel in der Melanchthon-Akademie
Günther Ginzel und Ursula Reuter im Gespräch

Juden und Christen in der DDR – Zeitzeugengespräch mit dem Kölner Publizisten Günther B. Ginzel in der Melanchthon-Akademie

„Der Anfang nach dem Ende: Jüdisches Leben an Rhein und Ruhr 1945 bis heute.“ Das ist der Titel einer Film-Triologie, die der Kölner Autor und Publizist Günther B. Ginzel im Auftrag des WDR erarbeitet hat. 1998 bereits wurde der Dreiteiler ausgestrahlt. In einer vierteiligen Reihe haben nun die Melanchthon-Akademie, das Katholische Bildungswerk Köln und die Bibliothek Germania Judaica Köln e.V. gemeinsam mit Günter B. Ginzel sich diesem wichtigen Zeitdokument gewidmet. Zunächst schauten die zahlreichen Teilnehmenden – pandemiebedingt in drei Zoom-Veranstaltungen – Ginzels Dokumentation und tauschten sich rege mit dem Autor und untereinander über das jüdische Leben in (West)Deutschland 1945 bis heute aus. Ginzel, Jahrgang 1946, wuchs in der Gemeinde der jüdischen Überlebenden auf.

Die abschließende vierte, fast zweistündige Veranstaltung bot wiederum als Zoom-Videokonferenz ein Zeitzeugengespräch mit Ginzel. Dieses fokussierten die Veranstaltenden thematisch auf das jüdische Leben und die christlich-jüdischen Beziehungen insbesondere in der DDR. Diese Aspekte seien ein viel zu wenig beleuchtetes Kapitel, stellte Dr. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, in seiner Begrüßung fest. Daher habe man für den Gesprächsabend auch den Gedenktag für den Arbeiter*innen-Aufstand in der DDR 1953 gewählt.

Ginzel, Jahrgang 1946, reiste erstmals in seiner Jugend in die DDR. „Es war pures Interesse daran, wie es da aussieht“, begründete er. Sein Interesse hielt an. Später reiste er auch als Publizist und Referent nach Ostdeutschland. Er lernte zahlreiche Akteure vor Ort kennen. Engagierte in Politik und Gesellschaft. Mitglieder jüdischer Gemeinden und christlicher Kirchen. Motoren des christlich-jüdischen Gesprächs und der sich formierenden christlichen Bürgerrechts- und Friedensbewegung. „Die Menschen dort waren an mir als Person interessiert“, betonte Ginzel, dass er im anderen Teil Deutschlands nicht ob seiner Funktionen etwa als Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen“ beim Deutschen Evangelischen Kirchentag oder Mitglied im „Gesprächskreis Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken unterwegs war.

„Welche Juden sind in die DDR gekommen?“, fragte Moderatorin Dr. Ursula Reuter, Geschäftsführerin der Germania Judaica – Kölner Bibliothek zur Geschichte des Deutschen Judentums e. V. „Es waren unter anderem jüdische Rückkehrer, die vorzugsweise in die sowjetisch besetzte Zone/DDR kamen“, so Ginzel. Die Re-Immigranten seien mit ganzem Herzen Sozialisten gewesen. Sie hätten mit dazu beitragen wollen, einen friedlichen, sozialistischen, neuen deutschen Staat zu gründen, von dem aus nie wieder eine Bedrohung ausgehen solle. Zu dieser enorm qualifizierten jüdischen Minderheit, für die das Religiöse mehrheitliche keine Rolle gespielt habe, hätten viele Wissenschaftler und Kulturschaffende gezählt. Es seien vor allem politisch Motivierte gewesen. Sie hätten sich als Antifaschisten begriffen und in der DDR die deutsche Alternative zum deutschen Nationalsozialismus gesehen. Helmut Eschwege, einer der bedeutendsten jüdischen DDR-Historiker, sei einer der wichtigsten Gesprächspartner Ginzels geworden.

Der Publizist erinnerte daran, dass in den 1950/60er Jahren in den Ostblock-Staaten eine regelrechte Verfolgung und (Schau)Prozesse gegen Juden stattgefunden hätten. Gleiches, jedoch ohne Todesurteile und Hinrichtungen, sei in der DDR geschehen. Die Sorge der Juden sei gewachsen. „Es war nicht harmlos. Es gab eine gefahrvolle Agitation gegen jüdische Menschen, die im Sozialismus geblieben sind, weil sie von einem neuen Staat geträumt haben. Es war für sie eine dramatische, zutiefst bösartige Angelegenheit.“ 1952/53 seien über 500 Juden in die Bundesrepublik Deutschland geflüchtet. Die ohnehin kleinen jüdischen Gemeinden in DDR seien dadurch weiter geschrumpft.

Reuter sprach die von Ginzel 1980 herausgegebene Publikation „Auschwitz als Herausforderung für Juden und Christen“ an. Auf sie habe es auch in der DDR Widerhall gegeben. Es sei immer nur so getan worden, als wäre Auschwitz eine Herausforderung allein für die Täter, so Ginzel. Aber bei den Nachfahren der Täter und der Opfer gebe es die gleiche Herausforderung. Das könne dazu führen, dass man gemeinsam nachdenke und zu Schlüssen komme. Bei verschiedenen Veranstaltungen in der DDR habe er erfahren, dass es für Christen fasziniert gewesen sei zu erleben, „dass ein Jude wie ich große Fragen an Gott hat“. Die Frage der Verantwortung Gottes für sein Volk und seine Schöpfung und wie sie wahrgenommen werde.

Ginzel erinnerte sich an phänomenale Bibelarbeiten, an ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl in Synagogen, an Massen von Menschen, die mit Zivilcourage Zustände in der DDR kritisiert hätten, ohne diesen Staat grundsätzlich infrage zu stellen. Und daran, dass die jüngere Generation auch in Kirchengemeinden, auf Kirchentagen und in jüdischen Gemeinden angefangen habe, öffentlich kontrovers über nicht aufgearbeitete Schuld im Nationalsozialismus, über die tabuisierte Geschichte der Juden, über Antisemitismus und Rechtsextremismus in der DDR zu diskutieren. Laut Ginzel waren die Kirchentage in der DDR ein ganz wichtiger Motor. „Dort tauchten die Generationenkonflikte mit jüngeren Juden und jüdischen Funktionären auf. Wenn die Älteren das antifaschistische Ruhmesblatt beschworen, widersprachen die Jüngeren mit Hinweis auf Friedhofsschändungen.“ In der DDR sei gar nichts aufgearbeitet worden, ging Ginzel auf die durchgängige Verdrängung der Verantwortung für die Nazi-Verbrechen ein.

In den 1980er Jahren hätten sich zunächst nur zwanzig, dreißig Menschen unangemeldet an ehemaligen Standorten von Synagogen versammelt und sich im Schein ihrer Kerzen der jüdischen Geschichte und Menschen erinnert. So seien Kerzen zum Symbol des christlichen Widerstandes und schließlich der gesamten Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR geworden. Das, was dort der christlich-jüdische Dialog geboten habe, habe man woanders nicht bekommen. Die engagierten Menschen seien wie durch ein Band verbunden gewesen. Sie seien regelrecht zu den Veranstaltungen gepilgert, berichtete Ginzel auch von zahlreichen eigenen Vortragsterminen und Begegnungen.

Um den christlich-jüdischen Dialog beispielsweise in Dresden habe sich der evangelische Pfarrer Siegfried Reimann sehr verdient gemacht, so Ginzel im Nachgespräch. Mit christlichen wie jüdischen Mitstreitenden habe er es fertiggebracht, an der Technischen Universität eine Ausstellung über Rechtsextremismus in der DDR auszurichten. Wohlgemerkt sei diese behördlich genehmigt worden. Dies zeige, was mit viel Engagement und Mut möglich gewesen sei.

Als erster deutscher Staat habe die Volkskammer der Noch-DDR eine Erklärung zur deutschen Schuld herausgearbeitet, so Ginzel. Sie habe die Tore aufgemacht für „jüdische Bürger“ der Sowjetunion, „denen Verfolgung oder Diskriminierung droht“. Gesetzliche Vorgaben seien beschlossen worden, um ihnen den Zuzug nach Deutschland zu ermöglichen. Diese großzügige Öffnung der DDR habe dem Westen zunächst nicht gefallen. Gleichwohl sei die Regelung in den Einheitsvertrag eingegangen. Bis zu 200.000 Menschen seien als „jüdische Kontingentflüchtlinge“ aus dem sowjetischen Bereich nach Deutschland gekommen. Weniger als 100.000 von ihnen seien in den jüdischen Gemeinden hierzulande angekommen, auch im Osten. Dadurch seien diese Gemeinden wiederbelebt, aber auch verändert worden. Leipzig gelte heute als eine Gemeinde mit etwa 95 Prozent russischen Juden. Es gebe auch im Osten Deutschlands die funktionierenden jüdischen Gemeinden mit Jugendarbeit und Pflege der Friedhöfe. Und es bestehe die gemeinsame Bedrohung durch den Antisemitismus und den offenen Rassismus. „Aber noch ist es nicht so weit, dass man dort sagt, ´wir hauen ab!´“, sagte Ginzel.

„Es ist sehr intensiv diskutiert worden“, zog Ginzel im Nachgespräch ein ungemein positives Fazit der vierteiligen Reihe. Er zeigte sich erfreut, dass diese Reihe virtuell möglich gewesen sei. Echos auf die sehr gut besuchten Veranstaltungen hätten ihn auch aus Jerusalem und London erreicht. Schließlich habe auch diese Reihe gezeigt, wie wichtig die beiden Bildungswerke für die Stadt und das Land seien.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich