„Ich wollte mehr spüren, was die Menschen bewegt“ – Kai Pleuser in Wesseling zum Pfarrer ordiniert

„Ich wollte mehr spüren, was die Menschen bewegt“ – Kai Pleuser in Wesseling zum Pfarrer ordiniert

„Vertraut den neuen Wegen“ war das Lied, mit dem der Ordinationsgottesdienst für Pfarrer Kai Pleuser in der Wesselinger Kreuzkirche begann. Doch es ist gar nicht einfach zu beurteilen, ob von „neuen Wegen“ in diesem Fall so ganz die Rede sein kann. Zwar war der in Buxtehude geborene Pleuser mehrere Jahrzehnte lang als Fundraiser, PR- und Kommunikationsexperte in einem ganz anderen Bereich tätig, doch die Theologie gehört ebenfalls zu seinem Fundament: Ein entsprechendes Studium schloss er 1992 in Hannover ab. „Ursprünglich wollte ich tatsächlich Pfarrer werden, aber weil es damals wenig Stellen für das Vikariat gab und auch die Zukunft nach einem Vikariat ungewiss gewesen wäre, habe ich mich nach Alternativen umgesehen“, erklärt er. So begann er einen Weg in der Kommunikationsbranche. Über seine Erfahrungen dort sagt er heute: „Je weiter man dort kommt, desto weiter ist man weg von den Menschen.“

Genau das war es jedoch, was er suchte: „Ich wollte mehr spüren, was die Menschen bewegt.“ Zuerst habe er an den Seelsorgebereich gedacht, doch dann kam es anders: Als Pastor in Ausbildung verbrachte er zwei Jahre in der evangelischen Gemeinde in Wesseling. „Der Pfarrberuf bietet eine sehr weite Palette von Möglichkeiten. Ich empfinde diesen Schritt nicht als ein Schritt zurück, sondern als einen voran; die Fortentwicklung meiner Laufbahn. Ich bringe viele Erfahrungen aus den letzten Jahrzehnten mit, die ich für unterschiedliche Aufgaben von der Seelsorge bis zur Verkündigung nutzen kann. Es hat sich gezeigt, dass das für die Gemeinde wertvoll ist – gerade, weil es andere Erfahrungen sind, weil Kompetenzen aus verschiedenen Bereichen zusammenkommen“, so Pleuser.

Für seinen Neuanfang gebühre Kai Pleuser Hochachtung, sagte Superintendent Bernhard Seiger in seiner Ordinationsansprache: „Wenn jemand das Gespür hat: ‚Ich habe da noch einen Auftrag‘, und ihm dann folgt, dieser Mut verdient viel Respekt.“ Auch auf die Losung des Tages, „Ein hörendes Ohr und ein sehendes Auge, die beide mache der Herr“, nahm Seiger Bezug: „Die Stimme dessen zu hören, der unsere Welt schuf, das ist Kunst. Ihr Auftrag ist es, von der Kirche hören zu lassen und auch selber hinzuhören, das Hören einzuüben.“ Sein Eindruck sei, dass in der Seelsorge eine von Pleusers besonderen Gaben liege.

In seiner Predigt sprach Pleuser von der Kirche als einem Ort, an dem sich Phantasie und Kreativität entwickeln können. Hier könne das Kreuz, das doch eigentlich als ein erniedrigendes Folterinstrument konstruiert sei, zum Symbol der Freiheit werden. Als Sinnbild dafür hatte er das Foto eines Kreuzes mitgebracht, das er in seinem letztjährigen Sommerurlaub in Luckow am Stettiner Haff entdeckt hatte und dessen Bild nun die Liedblätter zierte: ein Kreuz aus alten Hölzern und Metallteilen mit sichtbaren Spuren anderer Funktionen, die sie zuvor einmal hatten – etwa als Tür- oder Fensterrahmen.

„Das strahlt Freude am Gestalten aus, da ist Geist drin, ein Symbol für freie Lebensgestaltung. So etwas Schönes entsteht nur aus innerer Freiheit“, so Pleuser. Zugleich sprach er an, dass Folter nicht nur zur Zeit der Kreuzigung praktiziert wurde, sondern auch heute noch: „Ich habe vor einigen Wochen einen Bericht aus einem syrischen Foltergefängnis gehört. Das war so schrecklich, dass ich den ganzen Abend nichts Vernünftiges mehr machen konnte.“ Gerade, um auf solche Missstände reagieren zu können, sei es wichtig, bei der Arbeit nicht bis zum Letzten zu gehen, bis man ausgebrannt sei: „Gott erwartet nicht restlose Aufopferung. Er braucht Menschen mit freiem Atem und Reserven, denn die Folterknechte sind noch lange nicht fertig.“

Pläne für die Zeit nach seinem Dienst in Wesseling hat Pleuser, doch ganz spruchreif sind sie noch nicht. Wahrscheinlich wird sein Weg in eine neue Gemeinde führen. „Aus Wesseling nehme ich die Erfahrung mit, dass es toll ist, als Pfarrer Menschen zu bestärken und lebensdienlich zu sein. Außerdem Dankbarkeit für die Schritte, die ich hier machen konnte: Ich fühle mich gestärkt für meine weitere Tätigkeit.“