„Ich bin Hirte, aber auch ein Schaf“ – Verabschiedung von Pfarrer Tom Hennig



„Ich bin Hirte, aber auch ein Schaf“ – Verabschiedung von Pfarrer Tom Hennig

Pfarrer Tom Hennig von der Evangelischen Gemeinde Hürth geht nach 36 Dienstjahren in den Ruhestand. Im Sonntagsgottesdienst Trinitatis am 16. Juni wurde er von seinem Amt entpflichtet.

Die Friedenskirche in Hürth-Efferen platzte schier aus allen Nähten, wie ein Weihnachtsgottesdienst im Sommer. Selbst die Treppe zum Altar war besetzt, vom Baby bis zum Greis waren alle Altersstufen dabei, um sich von ihrem Pfarrer zu verabschieden.

„Ihr seid ja nur gekommen, um zu gucken, ob ich wirklich gehe“, scherzte Pfarrer Tom Hennig gleich zu Anfang und strahlte, denn die Wunschformation für seinen letzten Gottesdienst als amtierender Pfarrer war wahr geworden: Die Vorschulkinder der Kantorei-Spatzen waren dabei, die Kölner Klinik-Clowns und die katholische Bläsergruppe St. Ursula.

Der Pfarrer ist ein Glied, mehr nicht

In seiner Predigt zeichnete Tom Hennig das Idealbild eines Pfarrers: Er lächelt immer, gibt Schlüssel raus, hat zwar von Tuten und Blasen keine Ahnung, ist aber immer Bauherr, seine Predigten sind intellektuell und gehen ans Herz, er macht jeden Tag 15 Hausbesuche, ist aber auch immer in seinem Büro erreichbar. Sein Fazit: Das alles ist für einen Menschen nicht zu leisten, sondern immer nur im Zusammenspiel mit den Gemeindegliedern im Sinne des Apostel Paulus: „Ihr braucht einander, verbunden durch die Kraft der Liebe“.

Er selbst hat sich immer als „Dorfpfarrer“ verstanden, der die Menschen von der Wiege bis zur Bahre über Generationen begleitet „und das ist eigentlich das Schöne, es gibt keine Hemmschwellen mehr, man kennt sich und man lacht mit den Fröhlichen und weint mit den Traurigen“. Seine Gemeinde stand auch hinter ihm, als ihn 2016 eine schwere Krankheit überraschte, er sich komplett zurückzog und nur seine Familie und zwei Gemeindeglieder an sich heranließ. Unzählige Briefe und Karten erreichten ihn und machten ihm wieder Mut, seit einem Jahr übernahm er wieder kirchliche Handlungen.

Nah an den Menschen

Nun wurde der beliebte langjährige Hirte der Efferener Gemeinde von Pfarrer Rüdiger Penczek als stellvertretendem Superintendenten des Kirchenkreises Köln-Süd von seinem Amt als Pfarrer entpflichtet. „Wo und wie hat Tom euer Leben leichter gemacht?“, fragte der dann auch in seiner Ansprache die Gemeinde.

„Tom ist nahbar und nah an den Menschen“, fasste er das Wirken des Pfarrers zusammen, seine Seelsorge fand nicht nur in der Kirche, sondern auch im Supermarkt, auf dem Fußballplatz oder auf der Karnevalssitzung statt. Seit seiner Studienzeit begleiten Tom Hennig dabei Sprüche und Weisheiten von Hanns Dieter Hüsch, so auch seine Version des Psalm 216 „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.“

„Lachen ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen“

Dorfpfarrer Tom Hennig war nicht nur in seiner Kirche anzutreffen, sondern auch mal in der seiner katholischen Schwestern und Brüder. Das Thema Ökumene begleitete ihn von Anfang an. Er war oft mittendrin, als Vater auf dem Fußballplatz oder Mitglied in einem Karnevalsverein. Als Pfarrer und Patient lernte er auch die Kölner Klinik-Clowns kennen und ist von ihrem Wirken so begeistert, dass er ihnen die Kollekte im Gottesdienst widmete und sie zu seinem Abschied einlud.

Bunt, laut und mit Humor begeisterten sie sowohl kleine als auch große Gottesdienstbesucherinnen und -besucher und setzten sogleich den Vernetzungsgedanken aus der Predigt in die Tat um: Ausgehend von der Hand des Pfarrers flogen bunte Wollknäuel durch den Raum und erreichten sogar die Leute auf der Empore mit dem Ruf „Du gehörst auch dazu“.

Nach einem langen, fröhlichen Gottesdienst mit viel Musik und Gesang strömte die Gemeinde nach draußen in die Sonne, wo Getränke und Häppchen warteten. Etliche Grußworte und Verabschiedungen später fand auch Tom Hennig Zeit für eine persönliche Rückschau und einen Blick in die Zukunft.

Mit Gott über Mauern springen

Geboren wurde er in Düsseldorf, aufgewachsen ist er in Neuss. Sein Weg zum Pfarrer war nicht vorgezeichnet, sondern beruhte auf einem Irrtum. Einen Hang zum Fach Religion hatte er schon immer und wollte mit der Fächerkombination Deutsch-Sport-Religion Lehrer werden. Bei der Studienberatung wurde dann die Religion vergessen und ihm vom Studium abgeraten. Also probierte er es direkt mit der Theologie und studierte in Wuppertal und Bonn.

Seine Mutter war Küsterin und so kannte er sich mit Pfarrerinnen und Pfarrern schon ganz gut aus. Auf seinem Weg habe ihn immer sein Konfirmationsspruch begleitet, den sowohl sein Pfarrer als auch sein Religionslehrer mit Bedacht ausgesucht hätten: 2.Korinther 3,17 „der Herr ist der Geist und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“.

Über einen großen Freiheitsdrang verfügte Tom Hennig schon als Jugendlicher und „es hat mir immer gut getan, zu wissen, Gott geht mit mir und mit meinem Gott kann ich gelegentlich auch über Mauern springen.“ Nach dem Vikariat in Köln wurde er im September 1983 in Efferen ordiniert und im Mai 1985 als Pfarrer eingeführt.

Ein Blick zurück

„Die ersten 11 Jahre waren die besten“ erinnert sich Tom Hennig. Als Pfarrer fand er eine sich verändernde Gemeinde mit vielen zugezogenen jungen Familien vor. Mit seiner Frau Heike zog er ins Pfarrhaus, ein Sohn und zwei Töchter wurden geboren.

Die ökumenische Arbeit blühte. Die evangelische Kirche in Efferen war eine der ersten Dorfkirchen, die nach dem Krieg errichtet wurden. 1953/54 wurde sie fertiggestellt. Inzwischen erwiesen sich jedoch die hölzernen Kirchenbänke als zu klobig, der junge Pfarrer ließ sie durch passende Stühle ersetzen und ersetzte den stinkenden Kohleofen durch eine moderne Zentralheizung. Doch immer noch war die Kirche an manchen Tagen zu klein, das Presbyterium beantragte einen Anbau. Der wurde 1994 endlich fertig gestellt und damit erhielt das Gebäude auch den Namen „Friedenskirche“.

Trotz all dieser Aufgaben und Herausforderungen und als Familienvater absolvierte Tom Hennig nebenberuflich noch eine psychoanalytische Ausbildung. Die seelsorgerische Kompetenz aus seinem Studium erschien ihm zu wenig. Zwölf Jahre lang setzte er sich infolgedessen auch als Notfallseelsorger im Rhein-Erft-Kreis ein.

Ein Blick nach vorne

2016 ließ ihn die eigene Schwererkrankung an allem zweifeln. Sein Glaube, seine Familie und die Gemeinde trugen ihn zurück ins Leben und in seinen Beruf. Für seinen Ruhestand wünscht sich der vierfache Großvater mehr Zeit für seine Familie, und dass sich sein gesundheitlicher Zustand nicht verschlechtert.

Er wohne weiterhin gerne in Efferen, gehe im Dorf einkaufen und müsse noch lernen, sich jetzt etwas zurückzuhalten. Sein Amt übernimmt nun Pfarrerin Franziska Boury, die ihn schon seit zwei Jahren vertreten hat und ob er als ewiger Pfarrer später mal etwas übernehme, „das ist ne andere Geschichte, das werden wir dann sehen.“

Text: Jutta Hölscher
Foto(s): Jutta Hölscher