156 Reiterinnen und Reiter sowie 250 Fußpilger beim Gymnicher Ritt



Großprozession an der Erft – Gymnicher Ritt

Man lehnt sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man sagt, dass Superintendent Dr. Bernhard Seiger noch nie vor so vielen Pferden gesprochen hat. 156 waren es an der Zahl. Die hatten sich mitsamt Reiterinnen und Reitern zum Schluss-Segen auf dem Rittplatz in Gymnich eingefunden.

Die Legende um Ritter Arnold von Gymnich

Anlass war der Gymnicher Ritt, eine alljährliche Prozession im gleichnamigen Ort. Neben den Pilgerinnen und Pilgern hoch zu Ross erinnerten noch rund 250 Unberittene an den Ritter Arnold von Gymnich, der während des Kreuzzugs von Damiette Anfang des 13. Jahrhunderts in große Schwierigkeiten geriet. Er drohte mit seinem Pferd im Morast zu versinken. In höchster Not gelobte er, im Falle seiner Rettung, Gott ewiglich dankbar zu sein und in jedem Jahr einen Dankes-Ritt an der Erft bei Gymnich anzutreten.

„Wenn Du, o Herr, mich rettest aus dieser großen Not, dann will ich hoch zu Roß mit allen meinen Mannen jedes Jahr am Feste Christi Himmelfahrt eine Prozession über die Fluren meines Heimatdorfes Gymnich halten, und meine Nachfahren sollen es so halten und tun bis in fernste Zeiten!“, soll er gesagt haben, so die Legende.

Partikel vom Kreuz Jesu

Und seine Nachfahren haben sich seit 1227 über die Jahrhunderte bis heute daran gehalten. Immer mit dabei ist der Kreuzpartikel, ein winziges Stück Holz vom Kreuz Jesu, das Ritter Johann von Gymnich im 15. Jahrhundert im Heiligen Land entdeckt hat. Der Partikel wird immer aus der Schatzkammer des Kölner Doms nach Gymnich gebracht. Während der NS-Zeit wurde der Ritt als „heidnischer Brauch“ und wegen des Tragens von Uniformen verboten. Das wollten sich die Gymnicher aber nicht gefallen lassen. Und so trugen sie hoch zu Ross statt der auch heute noch üblichen Schützenuniformen Frack und Zylinder und erklärten der örtlichen Polizei, man reite nur aus, um nach dem Stand der Feldfrüchte zu schauen. Heute herrscht auf den Straßen rund um die Pfarrkirche St. Kunibert beim Gymnicher Ritt ein buntes Markttreiben. Zahlreiche Händler und Schausteller laden zum Bummeln und Feiern ein.

Das Gelübde

Auch der Superintendent war überrascht. Er erinnerte in seiner Ansprache an Arnold von Gymnich. „Ich stelle mir vor, mit welchem Gefühl der Befreiung er den langen Ritt zurück ins heimische Reich erlebt hat. Er wird heiter gewesen sein. Daran knüpfen Sie in Treue an.“ Während der Prozession und danach: „Ich frage mich und ich frage Sie und frage euch“, fuhr der Superintendent fort: „Kennen wir das, dass wir dankbar sind und gerne etwas zurückgeben? Wir nennen das heute wohl nicht mehr ,Gelübde‘. Vielleicht Versprechen. Vielleicht einfach Dankbarkeit oder das Gefühl: ,Es ist dran, sich einzusetzen!‘: Etwas von dem zurückgeben, was wir empfangen haben.“

Etwa den Eltern, die einen durch dick und dünn geschleust hätten, oder einem Freund, einer Freundin, die mit einem eine Krise durchgestanden hätten. „Gerade die Krisen helfen uns, klar zu sehen, was wichtig ist. Ich glaube, fast jeder erlebt im Lauf seines Lebens so etwas wie ,Sumpf‘. Eine Lage, die uns an unsere Grenzen bringt und in der es keine einfachen Auswege gibt. Und wenn es überstanden ist, dann fühlen wir: Ich bin aus dem Sumpf heraus gekommen. Ich habe wieder festen Boden unter den Füßen. Und die Hufe meines Pferdes auch. Ich bin wieder frei – und ich freue mich über mein Leben. Und ich setze mich ein für eine gute Sache. Ich gebe etwas von meiner Zeit und meiner Energie.

Für meinen Verein, für mein Dorf, für einen Menschen, der es braucht, für Verständigung, für unsere bedrohte Schöpfung. Das sei doch ein Gelübde. Lieben und sich einsetzen aus Dankbarkeit. Wissen, wie viel einem geschenkt ist, das nicht vergessen, und fragen, was kann ich zurückgeben. Darauf liegt Segen.“

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann