Manche Kapitel der Geschichte dürfen niemals in Vergessenheit geraten – die Herrschaft des Nationalsozialismus gehört dazu. Die multimedialen Möglichkeiten im Netz sorgen für eine neue Erinnerungskultur, die die dunklen Ereignisse der deutschen Geschichte ins Gedächtnis ruft.
Der sichtbare Beginn des Völkermordes
Vor 75 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, brannten in Deutschland, Österreich und in der Tschecheslowakei die Synagogen. Es ist der Tag, an dem tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden – der sichtbare Beginn des Völkermordes der Nationalsozialisten an den Juden. Es gab in dieser Zeit erschreckend viele Mitläufer und passive Mitmenschen. Vereinzelt aber gab es Widerstand gegen das mörderische Regime, Menschen engagierten sich für ihre jüdischen Mitbürger auf unterschiedlichste Weise, die wenigsten taten es aus christlicher Überzeugung – umso bedeutsamer ihr Einsatz.
Die erste kirchliche Online-Ausstellung
„Widerstand!? – Evangelische Christen im Nationalsozialismus“ ist die erste kirchliche Online-Ausstellung zu diesem Thema und führt die Besucherinnen und Besucher an die Biografien der Menschen heran, die aus innerer Überzeugung Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben. Dabei werden unterschiedliche Phasen des Widerstandes dargestellt und es wird nach den Motiven gefragt.
Christlicher Widerstand in allen Konturen
Die Ausstellung „Widerstand!?“ dokumentiert online die Geschichte des Widerstandes evangelischer Christinnen und Christen im Nationalsozialismus auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes im multimedial vielschichtigem Gewand. 26 im theologisch-historischem Forschungsbereich renommierte, bundesweit tätige Persönlichkeiten haben im Rahmen einer jahrelangen intensiven Recherchearbeit insgesamt 584 historische Dokumente in Form von Texten, Fotos, Audios und Videos zusammengestellt, die den christlichen Widerstand im Nationalsozialismus in all seinen Konturen und Ambivalenzen anschaulich werden lassen.
Was hätte ich getan?
Vier Ausstellungsbereiche geben der Erinnerungskultur damit online neue Impulse. Unter den Titeln „Zeiten“, „Regionen“, „Menschen“ oder „Grundfragen“ ordnen sie die Phasen der Vor- und Rezeptionsgeschichte des Widerstandes in die Jahre zwischen 1933 und 1945 ein. Die einzelnen Phasen untermauern jeweils die regional-lokale Verankerung der jeweiligen Aktivitäten christlichen Widerstandes, beleuchten die Lebensgeschichte einzelner Personen und geben Anstöße, um sich über die Bedeutung des christlichen Glaubens für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu informieren; wenn die Ausstellung es erreichen könnte, dass sich die Besucherinnen und Besucher selbst fragen, wie sie sich wohl verhalten hätten, wäre sie ein toller Erfolg.
Selbstlose Wesen
Eine solche Auseinandersetzung wünscht sich der Kölner Theologieprofessor Siegfried Hermle, einer der Wissenschaftler, der an „Widerstand!?“ mitgearbeitet hat. Neben seiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema rührte Hermle das selbstlose Wesen der damaligen Widerstandskämpfer wie etwa die in Baden-Württemberg lebende Pfarrersfrau Elisabeth Goes. „Für sie“, so Hermle, „war es ganz selbstverständlich, jüdischen Familien im Zweiten Weltkrieg in ihrem Haus zu beherbergen, obwohl sie damit gegen das Regime gehandelt hat, obwohl sie selbst drei kleine Kinder hatte, ihr Mann als Pfarrer im Krieg und sie alleine im Pfarrhaus war.“
Glaubens- und Gewissensgründe wogen schwerer als die Gefahr
Welches Motiv hat ein Mensch, sich für andere so einzusetzen, obwohl er sich damit selbst gefährdet? „Neben Wegweisung, Solidarität, Ehre und Vaterlandsliebe war es auch ihre eigene christliche Verwurzelung“, glaubt Professor Hermle. „Es war die Anlage der Nächstenliebe und das Leben des Gebotes ,Du sollst nicht töten‘, die viele zu ihrer Selbstlosigkeit bewegt hat. Vielen war bewusst, in welche Gefahr sie sich begeben haben.“ Aber Glaubens- und Gewissensgründe wogen für sie schwerer, „,da habe ich gar nicht lang zu fragen‘, mögen sie sich gedacht haben“, unterstreicht Hermle.
Geschichte wird am Bildschirm begreifbar
Konzipiert wurde diese erste kirchliche Online-Ausstellung von der Kölner Medienagentur Kerygma. „Zentrales Anliegen dabei war es, dass Besucherinnen und Besucher einerseits von eigener Neugier und Interessen geleitet Biografien entdecken können“, erläutert Geschäftsführer Michael Birgden, „auf der anderen Seite sollten sie auch eine historische Verortung vorfinden, indem widerständiges Verhalten in die größeren geschichtlichen Zusammenhänge gestellt wird. Ausstellungobjekte wie Originaldokumente können mit einer Lupenfunktion bis auf kleinste handschriftliche Notizen herangezoomt werden. So wird Geschichte auch am Bildschirm begreifbar.“
Regionaler Widerstand in Bayern und Württemberg herausgestellt
Die Online-Ausstellung, zu finden unter www.evangelischer-widerstand.de, ist einfach und übersichtlich zu bedienen: Sämtliche Ausstellungsbereiche sind über eine ein- und ausblendbare Navigation zugänglich. Nach einem Intro erreichen die Besucher eine Karte von Deutschland aus den Kriegsjahren. Aus der anonymen Masse der Mitläufer werden stilisierte Menschen hervorgehoben. Von dort gelangt man zum Beispiel zu der Gruppe „Widerständige Christinnen und Christen im Rheinland“ und dort zu „Georg Fritze“, Bekenntnispfarrer in Köln. In dem Bereich „Menschen“ können die User nun Dokumente und Texte zu Georg Fritze anschauen, wie zum Beispiel einen Ausschnitt auf dem Protokoll einer Presbyteriumssitzung aus den Archivbeständen des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region. Die Webschau hält ihre virtuelle Lupe auch über einzelne Regionen, wie Bayern und Württemberg, um die Besonderheiten des regionalen Widerstandes herauszuarbeiten. Der rheinische Regionalteil befindet sich derzeit noch in Vorbereitung. Die Ausstellung „Widerstand“ ist zudem auch für mobile Geräte und Tablet-Computer geeignet. So vermag „Widerstand!?“ das kulturelle Gedächtnis, wie es in den überlieferten Texten, Bildern und anderen Dokumenten gegenwärtig ist, für die individuelle Erinnerung zugänglich machen – anschaulich und lebendig.
Foto(s): kerygma
