Geschenk des Preußenkönigs: Die Evangelische Kirche Delling feiert in diesem Jahr 175-jähriges Bestehen

Geschenk des Preußenkönigs: Die Evangelische Kirche Delling feiert in diesem Jahr 175-jähriges Bestehen

Das 175-jährige Bestehen ihres Gotteshauses feierte die Evangelische Kirchengemeinde Delling am 23. August mit einem Festgottesdienst. Auch das Erntedankfest wird im Zeichen des Jubiläums stehen. In den vergangenen zwei Jahrhunderten mauserte sich die ursprünglich kleine Diaspora-Gemeinde zum aktiven Faktor im kirchlichen Leben des bergischen Landes.

Protestantische Gemeinde ist wesentlich älter
Auch wenn ihre Kirche „nur“ 175 Jahre auf dem Buckel hat: Die protestantische Gemeinde in Delling ist wesentlich älter. Wanderer finden in Delling einen der idyllischen bergischen „Flecken“, in denen der Ortsname und der Name der einzigen Straße identisch sind. Dass in der Gegend rund um Olpe auch die ersten protestantischen Christinnen und Christen des bergischen Landes ihre Gottesdienste feierten, ist nur wenig bekannt.

Reformation von oben verordnet
Im Einflussgebiet des Erzbischofs von Köln hatte die Reformation kaum eine Chance. Erst 1582, als der Olpener Lehnsherr von Delling seinen Untertanen, wie damals üblich, die Reformation von oben „verordnete“ und einen protestantischen Pfarrer anstellte, entstand eine Gemeinde. Gegenreformation und 30-jährigen Krieg im 17. Jahrhundert überlebte das Häuflein Protestanten, das sich auf Initiative des damaligen Pfarrers der reformierten Bewegung Calvins angeschlossen hatte, versteckt: Eigentlich hätten alle protestantischen Bauern, die nicht zum katholischen Glauben zurück kehren wollten, das Land verlassen müssen. „Die meisten waren lehensabhängige Bauern, für die das nicht möglich gewesen wäre“, weiß Pfarrer Ralph Knapp. Außerdem galt der Augsburger Religionsfrieden, der evangelisches und katholisches Bekenntnis gleichberechtigt behandelte, nicht für reformierte Gemeinden. Ein ebenfalls protestantischer Gutsherrr gab den wenigen, die sich weiter zur Reformation bekannten, die Möglichkeit, geheime Gottesdienste in seinem Gutshaus zu feiern. Erst 1672 wurde der protestantische Glauben offiziell zugelassen und die Gemeindeglieder konnten aus ihrer Versenkung auftauchen.

Eine „Normalkirche“ als königliches Geschenk
Trotz Legalität ging für die protestantische Gemeinde das Leben in der Diaspora weiter, mit den Beschwerlichkeiten, die dazu gehörten. Zum Beispiel durften die Protestanten erst im Zuge der Franzosenherrschaft 1802 einen eigenen Friedhof anlegen, auf dem nach protestantischem Ritus beerdigt wurde. Den dafür nötigen Grund und Boden, das Gut Delling, konnte die Gemeinde bereits im 18. Jahrhundert mit Unterstützung wohlhabenderer Gemeinden erwerben. Eine weitere „Fremdherrschaft“ bescherte der Gemeinde schließlich die eigene Kirche: Der preußische König, der 1815 die Herrschaft über die so genannte „preußische Rheinprovinz“ übernahm, förderte die Protestanten. Müssen heute rheinische Bundesbeamte ins preußische Berlin, so ging die Entsendung damals umgekehrt: Der Preußenkönig schickte evangelische Lehrer und Beamte an den Rhein und unterstützte die evangelischen Gemeinden auch finanziell. Auch der Kirchsaal der gewachsenen evangelischen Gemeinde in Delling wurde so langsam zu klein und der damalige Pfarrer schrieb König Friedrich Wilhelm III. um Unterstützung an. Der zögerte auch nicht lange und sagte eine Geldspende zu. Verbunden war damit die Auflage, die Kirche als sogenannte „Normalkirche“ zu bauen. „Dieser Kirchentyp war gedacht für kleine evangelische Kirchen auf dem Lande“, erklärt Pfarrer Ralph Knapp. Wurden diese kostensparenden „Einheitskirchen“ in schlichtem, neoklassizistischem Baustil zunächst in Brandenburg erprobt, fanden sie sich bald auch in den preußischen Rheinprovinzen. Die ersten dieser „Normalkirchen“ entwarf der Architekt Karl Friedrich Schinkel, den Entwurf für Delling fertigte sein Schüler Carl Friedrich Thiele. 1831 erfolgte die Grundsteinlegung, 1834 konnte die neue Kirche, damals aus Kostengründen noch ohne Turm, eingeweiht werden.

Transponierkünste des Organisten sind gefragt
Nach der Einweihung zeigte sich, dass man beim Weglassen des Turms am falschen Ende gespart hatte: „Die Glocken waren an einem Dachreiter befestigt, der die Unterkonstruktion so belastete, dass sich ein Balken löste. Das war für die seelsorgerliche Arbeit nicht förderlich“, berichtet Ralph Knapp. 1858 konnte auch ein stilechter Glockenturm eingeweiht werden. Große bauliche Veränderungen erlebte die Kirche erst wieder, als sie 1969 renoviert wurde. Was ehemals als Einheitsbau in preußischer Zweckmäßigkeit entstand, präsentiert sich jetzt, so Knapp, als „nettes, helles Kirchlein“. Damals wurde auch eine neue Orgel angeschafft, die bereits 1802 gebaut wurde, also älter ist als die Kirche, in der sie steht. Diese ist nicht nur ein besonderer Bautyp, sondern auch eine echte Herausforderung für die Organisten. „Es handelt sich um eine Orgel der Werkstatt Schöler aus Bad Ems, der eher den kleineren, süddeutschen Orgeltyp baute“, weiß Knapp. In ganz Deutschland gibt es, so Knapp, nur noch fünf davon. Weil sie einen halben Ton höher gestimmt ist, als herkömmliche Orgeln, sind die Transponierkünste des Organisten gefragt.

Wachstum und „Zusammenwachsen“
Ihre nächste Zäsur erlebten Kirche und Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg: Zahlreiche, ebenfalls protestantische, Ostflüchtlinge zogen ins Bergische Land. In Delling und Umgebung ließen sich mehrere Hundert Flüchtlinge aus einem schlesischen Dorf nieder. „Die waren ein Segen, weil sie auch für die ökumenische Öffnung sorgten. Katholische und evangelische Bevölkerung wuchsen so zusammen“ hat Knapp herausgefunden. Die Zuzügler kamen ebenfalls aus ländlichen Gebieten, verstanden einiges von Landwirtschaft und verschafften sich so bei den katholischen Alteingesessenen Respekt. Außerdem waren sie überwiegend lutherisch und kamen in eine Gemeinde, die, so Knapp, eher „Rest eines reformierten Versuchs“ war und die sich vorher von den lutherischen Gemeinden der Umgebung eher abgegrenzt hatte. „Die Geschichte unserer Gemeinde als reformierte Gemeinde ist für das bergische Land eher untypisch“, so Knapp. „Aber die evangelischen Christen waren jetzt keine kleine, leicht zu ignorierende Minderheit mehr“.

Ausstrahlungskraft der Kirche ins Umland ist groß
Heute sieht Knapp gerade die Dellinger Kirche als Mittelpunkt und auch emotionales Zentrum einer zersiedelten Kirchengemeinde. „Über den Nutzwert kann man sich zwar streiten“, kommentiert Knapp die abgelegene Lage, „aber sie ist ein altes Zentrum der Gemeinde und ein Identifikationsobjekt. Die Menschen haben ein positives Verhältnis zu dem Bau. Mit dieser Kirche sind ganze Familientraditionen verbunden, wenn mehrere Generationen hier getauft oder konfirmiert wurden.“ Die Ausstrahlungskraft der Kirche ins Umland ist ebenfalls groß, immerhin gehörte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auch die heutige Gemeinde Lindlar zum Einzugsgebiet. Auch aus Köln kommen die Menschen, um dort zu heiraten. „Wenn der Altenberger Dom ausgebucht ist, bekommen die Leute wohl den Tipp, dass es hier auch etwas Schönes gibt“. Dies wertet Knapp nicht als „Trauungstourismus“ ab: „Auch wenn es um scheinbare Äußerlichkeiten wie eine schöne Kirche geht, sehe ich darin eine Möglichkeit, die Leute anzubinden“.
Das Gemeindeleben ist geprägt von der starken Zersiedlung im Bergischen Land: „Viele kleine Ortschaften führen hier ihr Eigenleben, die Umgebung ist natürlich katholisch geprägt“. Die Arbeit von Knapp und seinen Kollegen erfordert Mobilität: Viele Fahrten zu Hausbesuchen um, wo nötig und möglich, vor Ort präsent zu sein. Aber auch die Gemeindemitglieder sind flexibel: Weil sie es gewohnt sind, zu allen möglichen Aktivitäten ins Auto zu steigen, tun sie dies auch für den Kirchgang. Trotz der Zersiedlung ist Knapp mit dem Gemeindeleben zufrieden und hat sich das Ziel gesetzt, die Gemeinde weiterhin zusammen zu halten, aber auch Kulturveranstaltungen zu fördern. Insgesamt sieht er die Umgebung mit ihren ländlichen Strukturen eher als „Insel der Seligen“. Damit die Kirche weiterhin nicht nur optisch präsent ist, hat die Gemeinde mit einer protestantischen Tradition gebrochen: Die Kirche ist ganztägig geöffnet und wird nur nachts geschlossen.

Zur Geschichte Dellings ist 1984 eine Publikation (Denst, Marie Luise „Die Delling“, Selbstverlag 1984) erschienen, von der bei Pfarrer Ralph Knapp gegen eine Gebühr von 10 Euro noch Exemplare erhältlich sind.