Gedenkveranstaltung für Dorothee Sölle: Es war ihr heißes Herz, das die Menschen berührte.



Gedenkveranstaltung für Dorothee Sölle: Es war ihr heißes Herz, das die Menschen berührte.

„Viele Menschen erlebten Dorothee Sölle zum ersten Mal auf dem evangelischen Kirchentag 1965“, erinnerte der Architekt Peter Busmann. „Sie prägte dort die Begriffe manifeste, latente Kirche, und für mich war es so, als wenn jemand das Licht anmacht.“ In den 1968 von ihr mit einem Freundeskreis gegründeten „Politischen Nachtgebeten“ habe sie den Sprachlosen Sprache gegeben. „Der Blick auf Christus allein war ihr nicht genug, der Blick auf die leidenden Menschen und ungelösten Fragen gehörte dazu. Wir lernten von ihr, dass Glaube und Politik nicht im Widerstand leben müssen.“

Liebevoll, besinnlich, trotzig
Am Ort dieser monatlich durchgeführten Nachtgebete, in der Antoniterkirche, luden einige Mitglieder ihres Freundeskreises fünf Wochen nach Sölles Tod zu einer sehr gut besuchten Gedenkveranstaltung. Liebevoll, besinnlich, trotzig erinnerten Weggefährten und andere an die gebürtige Kölnerin. Mit persönlichen Noten versehen blickten sie auf Stationen und Themen ihres Lebens und Wirkens zurück. „Die Zusammenarbeit mit ihr kam in einem Moment, als ich an der Kirchensprache verzweifelt bin“, sagte der Theologe Klaus Schmidt. „Es war eine befreiende Sprachenschule.“

Elend kann nur von betroffenen Menschen selber bekämpft werden
Die von ihr mit anderen ins Leben gerufene Gruppierung „Christen für den Sozialismus“ sei in jener Zeit ein wichtiger Beitrag zu den Befreiungsbewegungen in Südamerika, in Nicaragua gewesen. Sie habe eine internationale, ökumenische Vernetzung unterschiedlicher Partner gefordert und praktiziert. Dabei eine kritische Haltung gegenüber allen real existierenden Systemen eingenommen. „Ihr war klar, das Elend kann nicht durch die finanzstarken Großmächte, sondern die betroffenen Menschen selber bekämpft werden.“ Als Blasphemie hätten manche ihren Ausspruch „Vietnam ist Golgatha“ empfunden, der sie schwesterlich verbinde mit Rosa Luxemburg, die einst vom „Golgathaweg des Proletariats“ gesprochen habe.

Glück ist nicht möglich ohne Glück für alle
Mit einer Mischung aus Neugier und Kritik, so ein befreundetes Ehepaar, sei sie 1975 auf Bitten von Feministinnen nach New York gegangen, wo sie bis 1985 Theologie lehrte. „In das Land, das den Vietnam-Krieg geführt hatte, in die Stadt, die sie Babylon nannte und die sie schätzte wegen ihrer vielschichtigen Kultur.“ In Lateinamerika habe sie Gespräche mit den Leidenden gesucht und gefunden. „Sie wurde eine begeisterte Freundin dieser Menschen.“ Ihr Weg von der politischen Theologin zur Befreiungstheologin habe sich durch Solidarität und tiefe Verbundenheit mit diesen ausgezeichnet. „Glück ist nicht möglich, ohne Glück für alle, für die gesamte Schöpfung.“ Nach Sölles Verständnis stünden die Armen im Zentrum der Befreiungstheologie, in der wiederum die „Hoffnung“ eines der wesentlichen Themen sei.

„Es war ihr heißes Herz, das die Menschen berührte“
Angesprochen wurde weiter Ihre Beschäftigung mit Mystik und Meditation. Ihr Verständnis von Widerstand: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt – das ist auch eine religiöse Aussage. Wer sich nicht wehrt, glaubt nicht an die Liebe oder traut ihr zumindest nichts zu.“ Kirche sei nur dann wirklich Kirche, wenn sie Widerstand leiste. „Im Widerstand leben, das heißt, gegen alle Hoffnung auf Hoffnung hin glauben.“ Hoffnung, Freiheit und Frieden seien laut Sölle „keine Gratisgeschenke, aber sie sind zu bewerkstelligen“. Sie selbst habe vehement für den Frieden gestritten, sich mit Wort und Tat eingesetzt. „Es war nicht nur ihre Rhetorik, ihr Intellekt, es war ihr heißes Herz, das die Menschen berührte.“

Immer politisch – etwa die Kritik an den „Weltbesitzern“
„Ich wurde durch das ´Politische Nachtgebet´ politisiert“, erinnerte sich eine weitere Rednerin. „Mit diesem wunderbaren Vierer-Schritt: Information, Meditation, Diskussion, Aktion.“ Sölle habe sich offen zu einer politischen, auch feministischen Theologie bekannt. Stets sei es ihr um die Schöpfung gegangen und die Praxis. Sie habe sich immer gegen die herrschenden Wirtschaftsstrukturen ausgesprochen, die den Armen die Zukunft verbaue. Stets die Globalisierung von oben durch „die Weltbesitzer“ kritisiert. Auch in ihrem letzten „Politischen Nachtgebet“, an dem sie teilgenommen habe: „Das Leben auf der von Gott erschaffenen Welt steht nicht zum Verkauf an, nicht das Leben, nicht das Wasser.“

Persönlich verbunden
Viele der Teilnehmenden der 100-minütigen Veranstaltung, in der Vreneli Busmann Sölle-Gedichte rezitierte, Organist Michael Otto und Sängerin Agnes Erkens den musikalischen Part übernahmen, hörten nicht nur konzentriert zu. Auf Wunsch der Veranstaltenden tauschten sie Gedanken zu Sölle aus und erklärten in kurzen Stellungnahmen was sie persönlich mit ihr verbindet.: „Ich fand sie sehr mutig“, zeigte sich ein älterer Herr von ihrem Einsatz bei Demonstrationen beeindruckt. „Sie war für uns eine Ikone“, fügte ein Friedensaktivist an.
„Sie hat eine Riesenbresche für die Frauen allgemein geschlagen“, meinte eine Geschlechtsgenossin.. „Ich schätze Sölle“, sagte ein „bekennender Atheist“, „nicht weil sie eine glühende Christin, sondern eine glühende Sozialistin war.“
Ein Theologe, der bei ihr studiert hat, bekundete, dass sie im Gegensatz zu anderen mitgegangen sei mit seinen Bedenken. „Selbst wenn sie meine Zweifel nicht teilte, habe ich mich nicht allein gefühlt, sondern verstanden.“
Bewunderung löste bei einer weiteren Teilnehmerin Sölles „Unfähigkeit“ aus zu akzeptieren, dass man sie auch belügen und betrügen könne. „Das war ein Ausdruck ihrer unverbrüchlichen Hoffnung in das Vertrauen der Menschen.“

Text: Engelbert Broich
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