Zeitzeugin Henny Franks und Schulreferent Dr. Rainer Lemaire



Gedenkstunde am Löwenbrunnen mit der Zeitzeugin Henny Franks

Henny Franks ist 96 Jahre alt. Die zierliche Dame wohnt in London. Aber als ihr Zuhause empfindet sie Köln. Unverändert. Von hier emigrierte „dat kölsche Mädchen“, wie sie sich gerne bezeichnet, im Februar 1939 in Begleitung ihrer Schwester mit einem Kindertransport aus Nazi-Deutschland nach England. Das war die Rettung für die beiden Jüdinnen Henny und Grete Grünbaum. Seit vielen Jahren reist Henny Franks, heute mehrfache Großmutter, regelmäßig in ihre Geburtsstadt. Dann begegnet sie Kindern und Jugendlichen, erzählt Schülerinnen und Schülern über ihr Leben. So besuchte sie allein in der ersten Novemberwoche sechs Schulen und sprach mit rund 500 jungen Menschen.

Löwenbrunnen

Nun stand sie in der Gedenkstunde am Kölner Löwenbrunnen auf dem innerstädtischen Erich-Klibansky-Platz und gab im Gespräch mit Dr. Rainer Lemaire einmal mehr Auskunft über viele Erlebnisse. „Das ist ganz besonders für uns, vielen Dank, dass Du da bist“, hatte Lemaire für den veranstaltenden Arbeitskreis Lern- und Gedenkort Jawne die Zeitzeugin begrüßt. Herzlich hieß er ebenso den ehemaligen Jawne-Schüler Alfredo Klayman, Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes sowie Schülerinnen und Schüler von zwei Klassen des 10. Jahrgangs der Johannes-Gutenberg-Realschule in Bergisch Gladbach-Bensberg willkommen. „Auch heute wollen wir gemeinsam erinnern, ein Zeichen gegen das Vergessen setzen, aber auch nach vorne schauen“, so Lemaire, Schulreferent im Evangelischen Kirchenverband Köln und Region.

Die Kinder-Gedenkstätte Löwenbrunnen befindet sich unmittelbar an einem ehemaligen Zentrum jüdischen Lebens und Lernens in Köln. Es umfasste die jüdisch-orthodoxe Synagoge, das jüdische Reformrealgymnasium Jawne, eine jüdische Volksschule und das Jüdische Lehrerseminar.

Gedenkort Jawne

Vorab hatten die Realschülerinnen und -schüler von Arbeitskreis-Mitgliedern angeleitet im benachbarten Lern- und Gedenkort Jawne sowie außerhalb zu verschiedenen Themen recherchiert. Nun gestalteten sie die Gedenkstunde mit eigenen Beiträgen mit. In kleinen Gruppen trugen sie ihre Ergebnisse und Eindrücke, Fragen und Wünsche vor. Sie berichteten über Erfahrungen jüdischer Kinder in der NS-Zeit. Von deren schrecklichem Gefühl des Ausgeschlossen-Seins von gewohnten (Vereins)Aktivitäten. Von der schleichenden bis plötzlichen Ausgrenzung durch Gleichaltrige, die sie mit judenfeindlichen Liedern provozierten und Steinen bewarfen.

„Wir haben viel über die Geschichte erfahren“, stellte ein Schüler fest. Durch die Beschäftigung mit Biographien bekomme die Geschichte Gesichter. Über 1100 Namen von jüdischen Kindern und Jugendlichen aus Köln und Umgebung seien am Brunnen verzeichnet. „Sie wurden deportiert und ermordet, weil sie jüdisch waren. Woher kam dieser Hass?“ Und wie könne es sein, dass dieser Hass, diese Feindseligkeit heute wieder da seien, beklagten Schüler die aktuell erfolgten antisemitischen Taten. Weshalb werde angefeindet und gemobbt, wer eine Kippa trage. Aus Angst vor Diskriminierung würden viele jüdische Schüler ihre Religion nicht angeben.

Die Geschichte der Kindertransporte handle von vielen mutigen Menschen, äußerten die jungen Referierenden ihren großen Respekt. Da sei der Initiator der Kölner Kindertransporte, Dr. Erich Klibansky, der sich selbst und seine Familie nicht gerettet habe. Da seien die Eltern, die ihre Kinder hätten fahren lassen. Besonders mutig seien die Kinder selbst gewesen. „Wir wünschen uns, den Mut zu haben zu handeln, wenn jemand ausgegrenzt wird, aus welchen Gründen auch immer“, sprach eine für alle.

Grußwort der Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes

Die Teilnahme sei ihr ein sehr persönliches Anliegen, leitete Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes ihr Grußwort im Namen der Stadt ein. Sie betonte wie wichtig es sei, an die Verbrechen der Nationalsozialisten, an die Schicksale der Verfolgten, Ermordeten und auch Geretteten zu erinnern. „Ich bin froh, dass sich so viele Schülerinnen und Schüler damit auseinandersetzen.“ Nur wenige der damals verfolgten jüdischen Menschen könnten heute noch über diese Zeit sprechen, dankte sie Henny Franks für ihr außergewöhnliches Engagement.

In den Morgenstunden des 10. Novembers 1938 seien Truppen der SA und SS mit Unterstützung der HJ durch die Stadt gezogen. Sie hätten auch die Synagoge der jüdisch-orthodoxen Gemeinde an der St. Apern-Straße zerstört und in Brand gesetzt. Schaulustige hätten sich begeistert gezeigt, Kritik sei nicht geäußert worden, jedenfalls nicht laut.

Es gebe immer wieder Stimmen, die sagten, nach so langer Zeit müsse es mal gut sein mit dem Erinnern und Gedenken. „Nein“, sagte Scho-Antwerpes entschlossen, „wir sind dankbar, dass diese Veranstaltung im Gedenken an die Opfer und als Mahnung stattfindet. Wir alle tragen eine Verantwortung, dass das niemals mehr passiert.“

Boykottaufruf

Vehement schloss sie sich dem Aufruf unter anderem der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit an, ein Konzert des deutschen Rappers Kollegah in einer Kölner Konzerthalle zu boykottieren. Für dessen homophobe und antisemitische Äußerungen dürfe kein Raum sein. Es sei wichtig, Haltung zu zeigen. Gestiegen sei die Zahl der Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund, so die Bürgermeisterin: „Keiner will es gesehen, keiner gewusst haben.“ Köln sei bekannt für seine Toleranz, brach sie eine Lanze für die Kölnerinnen und Kölner. Sie würden sich, ebenso wie der Rat als oberstes Gremium, immer wieder gegen Rassismus und Antisemitismus aussprechen.

Da die Synagogen-Gemeinde Köln in ihrem Gotteshaus in der Roonstraße parallel eine Gedenkveranstaltung durchführte, hatte sie ein Grußwort an den Arbeitskreis und die Anwesenden formuliert, das Lemaire verlas. „Wir finden es großartig, dass sie auch eine Gedenkstunde abhalten.“ Man sei gedanklich miteinander verbunden. Man erinnere an die Menschen, die Opfer des Pogroms geworden seien. Ebenso daran, dass Menschen aus der Nachbarschaft diese Gräueltaten ausgeführt und alle anderen geschwiegen hätten. Auch heute müsse man aufstehen gegen Antisemitismus und Rassismus und Widerstand leisten. Aufzustehen gegen Gewalt erfordere Mut. „Wir bauen auf die junge Generation“, hieß es im Grußwort weiter. „Wir freuen uns über die Solidarität, die sie uns entgegenbringen.“ Und es gelte Lehren aus der Geschichte zu ziehen: „Nie wieder!“

Aus dem Leben Franks

Im abschließenden Gespräch mit Lemaire erzählte Franks, dass ihr die brutale Vorgehensweise der NS-Schergen noch vor Augen stehe. Sie hätten weder Menschen noch deren Eigentum geschont. So hätten sie ein von ihr sehr geschätztes Familienbild aus der Wohnung des Großvaters auf die Straße geschmissen und zertreten. Sie selbst habe sich auf dem Dach im Duffes, im Taubenhäuschen versteckt. Keiner habe das gewusst, sagte sie mit nachvollziehbarer Freude. Nach dem Pogrom habe sie jahrzehntelang regelmäßig ein Alptraum gequält. „Der Abschied aus Köln war nicht einfach“, berichtete Franks auch von guten Erfahrungen ihrer Familie in der Domstadt. In England sei sie zunächst von der Familie ihres Onkels aufgenommen worden und früh zur Armee gegangen. „Ich sehe euch wieder nächstes Jahr“, verabschiedete Franks sich fast ungehört, da sie das Mikrofon schon beiseitegelegt hatte. Lemaire wiederholte laut ihren Gruß, der mit zustimmendem Applaus erwidert wurde.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich