Gedenken in Köln an die Opfer des Nationalsozialismus am Löwenbrunnen und in der Antoniterkirche
Stadtdechant Monsignore Robert Kleine (v. l.), Rabbiner Yechiel Brukner, Kantor Mordechay Tauber, Vorstandsmitglied Isabella Farkas (alle drei von der Synagogen-Gemeinde Köln), Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Stadtsuperintendent Dr. Bernard Seiger, Pfarrerin Ulrike Gebhardt und Schulreferent Dr. Rainer Lemaire.

Gedenken in Köln an die Opfer des Nationalsozialismus am Löwenbrunnen und in der Antoniterkirche

Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz gedachte man auch in Köln der Opfer des Nationalsozialismus. An der Kindergedenkstätte Löwenbrunnen auf dem Erich-Klibansky-Platz fügten sich anschaulich-eindringliche Stellungnahmen der Veranstaltenden und ebensolche Schülerbeiträge sowie Gebete zusammen. Ein genauso bemerkenswertes Netz der Erinnerung, Information und des Aufrufs zu Wachsamkeit und Zivilcourage heute wurde in der evangelischen Antoniterkirche auf der Schildergasse aus Ansprachen, Texten, Musik und Bildern geflochten.

Die Gedenkstunde für die aus Köln und Umgebung deportierten und ermordeten jüdischen Kinder fand erneut in Kooperation von Synagogen-Gemeinde Köln, Katholischem Stadtdekanat und Evangelischem Kirchenverband Köln und Region in Verbindung mit dem Arbeitskreis „Lern- und Gedenkort Jawne“ statt. Schülerinnen und Schüler von vier Lehranstalten gestalteten sie mit. Unter den Teilnehmenden befanden sich unter anderem der Zeitzeuge Alfredo Klayman, einst Schüler des jüdischen Gymnasiums Jawne, sowie Superintendent Markus Zimmermann.

Evangelische Kirche

Es sei gut, „hier am Löwenbrunnen zu sein und diese Stunde gemeinsam zu verbringen: Im Zuhören, Nachdenken und Spüren. Im Zurückschauen und Spüren, was heute dran ist“, sagte Pfarrer Bernhard Seiger, Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region. Auch aus Köln seien Kinder deportiert und ermordet worden. „1100 Namen hier am Brunnen erinnern an sie. Hier an der ehemaligen Jawne-Schule gingen viele von ihnen täglich zur Schule wie ihr. Viele konnten nach England in Sicherheit gebracht werden.“ Die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland Mitte Januar habe erinnert an „40 Jahre rheinischer Synodalbeschluss“.

Daran, „dass wir als Kirche erkannt haben, dass das antijüdische Reden vom christlichen Glauben in Jahrhunderten eine der Ursachen für Antisemitismus war“. Wir hätten „gelernt, dass das Volk Israel Gottes erwähltes Volk ist und bleibt. Wir lesen als Christen die Bibel daher neu. Seit Jahren lernen wir, neu zu sehen und zu hören, mit jüdischen Augen und Ohren.“ Abraham Lehrer vom Vorstand der Kölner Synagogen-Gemeinde habe in seiner Rede auf der Landessynode betont: „Der intensive Dialog zwischen Juden und Christen ist heute wichtiger denn je.“ Uns eine die Sorge um den zunehmenden Radikalismus von Rechts, die Sorge vor neuem Antisemitismus, betonte Seiger.

Manche Menschen seien wirklich verirrt, andere wüssten oft einfach zu wenig. „Dafür sind wir hier. Wir wollen wissen, was damals geschah, wir wollen hinsehen und lernen, dankte der Stadtsuperintendent den Schülerinnen und Schülern. „Ihr seid hier, um uns Anteil zu geben an dem, was Ihr entdeckt, gefunden und gelernt habt. „Wir lernen alle immer wieder neu, und Ihr helft uns heute dabei. Das ist viel.“, sagte Seiger. „Uns verbindet, wofür dieser Ort steht: gedenken und lernen.“

Stadt Köln

Oberbürgermeisterin Henriette Reker erinnerte daran, dass den deportierten Kindern ihr Leben gestohlen worden sei. Sie hätten keine Chance gehabt, etwa einen Beruf zu erlernen. Wie habe es auch in Köln dazu kommen können, dass Menschen sehenden Auges ihre Nachbarn in den Tod schickten, fragte Reker. „Aus Gedanken werden Worte, aus Worte Taten“, bat sie die Heranwachsenden wachsam zu sein gegenüber antisemitischen, rassistischen, fremdenfeindlichen Äußerungen. Damit das nie wieder geschehen könne. „Tragt diese Verantwortung in euren Herzen“, schloss Reker.

Synagogen-Gemeinde Köln

„Niemand, fast niemand, der heute lebt, ist verantwortlich für die Vergangenheit“, stellte Isabella Farkas fest. Aber jeder von uns habe die Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft, so das Mitglied des Vorstandes der Synagogen-Gemeinde Köln. 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und 81 Jahre nach der Pogromnacht sei psychisch und physisch geäußerter Antisemitismus wieder alltäglich geworden. Manche der jüdischen Kinder gingen aus Angst mit Bauchschmerzen zur Schule.

Rabbiner Yechiel Brukner von der Synagogen-Gemeinde Köln erklärte, dass er „nach nicht so schönen Erlebnissen“ statt öffentlicher Verkehrsmittel nun einen Dienstwagen nutze. Er habe seit Beginn seiner Tätigkeit in Köln auch hier gute Erfahrungen mit dem interreligiösen Dialog gemacht, betonte er dessen Notwendigkeit. Schließlich sagte Brukner über den in Auschwitz befreiten Vater seiner Frau, dass dieser nie den 27. Januar gefeiert habe. Der Grund: Mit anderen ehemaligen Gefangenen sei er bis Mai 1945 im Lager geblieben, um Massengräber zu öffnen und die Toten in einzelne Gräber zu legen. Er habe ihnen etwas Würde geben wollen. „Das weiß ich nur aus seiner Erzählung, habe nie darüber gelesen.“ In ihrem Alltag könnten die Schüler jederzeit Zivilcourage üben. „Interessiert euch, tut etwas“, bat er sie. Es helfe schon, dem Opfer zu sagen, „das tut mir für dich weh. Es ist nicht in Ordnung.“

Schulreferat

Dr. Rainer Lemaire, evangelischer Schulreferent, engagiert im Arbeitskreis „Lern- und Gedenkort Jawne“ und Mitorganisator der Gedenkstunde, moderierte und kommentierte einfühlsam die Beiträge der engagierten Heranwachsenden. Aus der Auseinandersetzung mit dem Judentum und dem Holocaust im Religionsunterricht setzten Schüler der Gesamtschule Mechernich auch sichtbar ein einfallsreiches Zeichen ihres Gedenkens. Mit Diskriminierung, Verfolgung, Mord, Ausgrenzung, Entrechtung und Unmenschlichkeit benannten sie zunächst Verbrechen der Vergangenheit. Für jedes platzierten sie einen entsprechend beschrifteten grauen Baustein auf den Brunnenrand. „Wir wollen die Zukunft besser machen durch Frieden“, führten sie fort. Diese solle geprägt sein von Empathie, Austausch, Respekt, Freundschaft, Liebe und Menschlichkeit. Nacheinander positionierten sie entsprechend beschriftete gelbe Bausteine auf die grauen Exemplare. Im Bewusstsein der „verbrecherischen Bausteine“ der Vergangenheit wolle man auf diese gelben Steine aufbauen: „Es liegt an jedem einzelnen von uns.“

Jüdisches Gebet zum Gedenken

Ganz still wurde es unter den Zuhörenden, als Mordechay Tauber, Kantor der Synagogen-Gemeinde Köln, das jüdische Gebet „El Male Rachamim“ („Gott voller Erbarmen“) mit Ergänzungen zum Gedenken an die Opfer der Shoa vortrug. Abschließend bat Stadtdechant Monsignore Robert Kleine Gott, dass er die deportierten Menschen niemals in Vergessenheit geraten lasse, den heute Missachteten helfe und für die Verfolgten Schutz schaffe. Er bat darum, dass wir Menschlichkeit auch durch Taten bezeugen und einen respektvollen empathischen Umgang miteinander pflegen könnten.


Zentrale Gedenkstunde in der Antoniterkirche

An der zentralen Gedenkstunde „Erinnern – eine Brücke in die Zukunft“ am Abend in der Antoniterkirche nahmen gut 300 Menschen teil. Die das „breite gesellschaftliche Bündnis der Veranstalter“ vertretende Projektgruppe Gedenktag, u. a. gehören ihr Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN) sowie des Kölner Frauengeschichtsvereins an, legte in diesem Jahr den Schwerpunkt auf das Wirken und die Schicksale von Frauen in der NS-Zeit.

Ina Gschlössl

So ging Pfarrer Mathias Bonhoeffer von der gastgebenden Evangelischen Gemeinde Köln in seiner Begrüßung auf die in Köln geborene evangelische Theologin Ina Gschlössl ein. Sie kämpfte früh für die Zulassung von Frauen zum vollen evangelischen Pfarramt. Ihre intensive Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie kostete das SPD-Mitglied ihre Stelle als Berufsschullehrerin. Seit 1938 betreute sie als Fürsorgerin für die Innere Mission verurteilte Frauen im Gefängnis Klingelpütz und unterstützte eine jüdische Familie. Der nach der Vikarin Gschlössl benannte Weg an der Antoniterkirche werde mit der Einweihung des AntoniterQuartiers wieder geöffnet, so Bonhoeffer.

Sieg über Hass und Rassismus

Auschwitz stehe für unsagbares Leid, sagte Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Damals seien nicht Dämonen am Werk gewesen, sondern Menschen. Schon früh habe sie sich entschlossen, bewusst mit der deutschen Vergangenheit umzugehen. „Ich will das Gedenken an die Opfer in Erinnerung halten, will junge Menschen aufklären.“ Lernen aus der Vergangenheit könne nur der, der sie kenne. Die Opfer sollten aus ihrer Anonymität geholt werden. „Wir sollten ihnen ihre Würde zurückgeben, ihre Menschlichkeit.“ Dies gelinge beispielsweise auch durch das „Stolpersteine“-Projekt von Gunter Demnig. „Treten wir ein für eine Kultur des Respekts“, appellierte Reker. „Mischen wir uns ein, wenn wir glauben, die Menschenwürde wird angetastet.“ Es sei für sie ein Wunder, dass nach dem Holocaust Juden in Deutschland, in Köln lebten. Das sei ein Sieg über Hass und Rassismus.

Die in der Weimarer Republik sich entwickelnden Freiheiten von Frauen seien mit der NS-Diktatur geendet. Diese habe ein rückschrittliches Bild der Frau durchgesetzt. Ihre Möglichkeiten der Bildung und politischen Mitwirkung seien deutlich beschnitten worden, trugen die Sprecherinnen Maria Ammann und Doris Plenert sowie Sprecher Markus Andreas Klauk vor. Schon 1933 habe man Frauen aus ganzen Berufszweigen ausgeschlossen, die Zahl der Neuimmatrikulationen von Frauen auf eine Quote von zehn Prozent limitiert und die Anzahl der Mädchengymnasien reduziert. Ab November 1933 habe keine Frau mehr dem Kölner Stadtrat angehört. „Hitler bezeichnete Emanzipation als ein vom jüdischen Intellekt erfundenes Wort – oder wahlweise als marxistischen Geistes. Die einzige Funktion der ´gesunden, arischen Frau´ war die Mutterschaft“, informierten die SprecherInnen.

Drei unterschiedliche Biographien

Drei in Köln geborene Frauen wurden ausführlicher vorgestellt: die kommunistische Arbeiterin und Widerstandskämpferin Gertrud Hamacher, die im KZ Ravensbrück tätige grausame Ärztin Herta Oberheuser und die Jüdin Renée Duering, die in Auschwitz schreckliche gynäkologische Experimente über sich ergehen lassen musste. In ihren Beiträgen hatten Bonhoeffer wie Reker die aus den USA angereiste Tochter von Renée Duering, Nomi Harper, herzlich willkommen geheißen. „Viele Frauen, die im Widerstand aktiv waren, sind selbsttätig handelnde Personen. Sie finden es selbstverständlich, dass etwas getan werden muss“, so die SprecherInnen. Nach dem Krieg hätten sie als Landesverräterinnen gegolten. Durch den Antikommunismus sei ihre Rolle in der NS-Zeit kaum anerkannt.

Zwischen den längeren Textpassagen interpretierten der von Artur Rivo geleitete „Chor bewegt“ und Martina Neschen zeitgenössische und von der Kölner Sängerin Neschen selbst verfasste Lieder. Bewegend und eindringlich klangen die musikalischen Vorträge. Darunter das Lied in Romanes über das Leid in Ausvicate (Auschwitz). Ebenso „Shtil, di nakht iz oysgeshternt“ (Still die Nacht ist voller Sterne), das Hirsch Glik 1942 nach einer erfolgreichen Aktion jüdischer PartisanInnen nahe Wilna gegen einen deutschen Waffentransport verfasste. Mit dem ergreifenden „Wiegela“ erinnerte man an ein Wiegenlied der tschechischen, deutschsprachigen jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber im KZ Theresienstadt verfasstes. 41-jährig wurde sie im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet.

Mit auf die Leinwand projizierten Fotografien von in Köln verlegten Stolpersteinen und im gleichzeitigen Vortrag wurde an einige in der NS-Zeit verfolgte, deportierte, ermordete und geflüchtete Frauen erinnert. Der abschließende Mahngang endete vor dem Deichmann-Haus am Bahnhofsvorplatz. Dort ist 2012 eine gläserne Stele für die politisch hoch engagierte, auch in der Opposition zum Nationalsozialismus mutige Protestantin Freya von Moltke eingeweiht worden. Die Kölnerin war verheiratet mit dem Widerstandskämpfer Helmuth James Graf von Moltke. „Es lohnt sich immer etwas zu tun, was man nicht für sich tut. Das ist auf dieser Erde fast für jeden zu finden“, lautet ein Gedanke Freya von Moltkes. Er ist zu lesen auch auf der Stele.