Früher am Rand, heute mittendrin: die Pulheimer Gnadenkirche



Früher am Rand, heute mittendrin: die Pulheimer Gnadenkirche

Am 3. Oktober 1954 konnten die Protestanten in Pulheim zum ersten Mal Gottesdienst in ihrer eigenen Kirche feiern. Seitdem hat sich viel getan auf dem Gelände der Gnadenkirche an der Gustav-Heinemann-Straße. Zum 60-jährigen Bestehen blicken Pfarrerin Sabine Petzke und Pfarrer Johannes Böttcher zurück.

Es waren die Flüchtlinge aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern, die als erste Protestanten im Rheinland die evangelische Gemeinde in Pulheim bildeten. In den 1950er Jahren fanden sie Arbeit bei einem großen Automobilhersteller und eine Wohnung für ihre Familien in einer eigens errichteten Siedlung. Damals lag diese noch am Rande des Dorfes, das erst 1975 bei der Gebietsreform zur Stadt wurde. Bis 1954 gehörte die Gemeinde Pulheim noch zu Ehrenfeld.

Mit dem Rad von Ehrenfeld nach Pulheim
„Pfarrer Krümpelmann musste damals extra mit dem Fahrrad nach Pulheim kommen“, erzählt Petzke. Sonntags hielt er den Gottesdienst in der Barbara-Grundschule im Zentrum. Dafür wurde ein Klassenzimmer provisorisch umgerüstet und ein Kreuz aufgestellt. Beim Erwerb des großen Grundstücks an der Gustav-Heinemann-Straße wurde zunächst das Küsterhaus gebaut, wo anfänglich der Konfirmandenunterricht und die Seniorennachmittage stattfanden. Der Kirchbau erfolgte erst später. In den 70er Jahren wurde der weiße Kirchbau mit seinen knapp 100 Plätzen zu klein, und nebenan wurde ein Gemeindezentrum errichtet. In dem Mehrzwecksaal finden jetzt zu besonderen Anlässen wie Weihnachten oder Konfirmation bis zu 300 Personen Platz.

Sanierungsprozess zum 50. Jubiläum
Vor zehn Jahren feierte die Gemeinde ihr 50-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass wurden die Kirche und das Gemeindezentrum umfassend saniert. Nach den baulichen Instandsetzungen wie Leitungen und der Beleuchtung erhielt die Kirche in den folgenden Jahren eine künstlerische Handschrift. Den letzten Schliff brachte die Gestaltung des Altars durch den ortsansässigen Künstler Holger Hagedorn. Heute besticht die kleine Kirche im Stil der 50er-Jahre mit ihrer hellen und modernen Innengestaltung. Die Kirche sei mündig geworden, so die einhellige Meinung der Gemeindeglieder, sagt Böttcher.

Familienangebote werden immer beliebter
Für die seelsorgerliche Betreuung der heutigen 4.500 Gemeindeglieder stehen anderthalb Pfarrstellen zur Verfügung. Den Pfarrern zur Seite stehen rund 100 Ehrenamtler, die sich in der Jugendarbeit, Seniorenarbeit und bei Veranstaltungen engagieren. Besonders die Familienangebote erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. „Zum Kindergottesdienst kommen immer mehr Eltern mit“, freuen sich die Pfarrer. „Gemeinde wird von uns allen zusammen gestaltet“, so Böttcher und diese Denkweise sei ein wesentlicher Teil der protestantischen Geschichte.

In Zukunft „mehr Flagge zeigen“
Trotz eines großen Spektrums an Angeboten und aktiver Mitarbeit an der Pulheimer Gnadenkirche sei es nun an der Zeit „mehr Flagge zu zeigen“, sagt Sabine Petzke. Pulheim ist heute mit zahlreichen Neubauten ein Zuzugsgebiet, und die Stadtstruktur verändert sich. Künftige Aktivitäten müssten sich mehr auf die Ansprache und Gewinnung der Zugezogenen richten. „Wir sind zwar von unserer damaligen Randlage in eine zentrumsnahe Lage gerückt, doch müssen wir uns noch mehr zu erkennen geben“, meint auch Johannes Böttcher. Das jährliche Stadtfest im Juni sei beispielsweise eine gute Möglichkeit, Präsenz zu zeigen.

Dem Generationenwechsel begegnen
Insbesondere der Generationenwechsel bei den Senioren stellt eine große Herausforderung für die Gemeindearbeit dar. „Zu Veranstaltungen wie dem ökumenischen Seniorentreff können die einen im hohen Alter nicht mehr kommen, und die jüngere Generation wünscht sich neue Angebote“, so Sabine Petzke. Hier gilt es, künftig die Zielgruppe 60plus mehr in den Blick zu nehmen und „neue Zugänge zu den Silver Agern zu schaffen“. Vorstellen können sich die beiden Pfarrer etwa Bildungsreisen mit einer Mischung aus Aktivität und geistlicher Einkehr oder eine Dienstleistungstauschbörse in Form von „Kinder hüten gegen Rasen mähen“.

Großes Gemeindefest mit Konzert
Das 60-jährige Jubiläum feierte die Gemeinde mit mehreren rückblickenden Veranstaltungen. Mitte September fand eine literarische Auseinandersetzung mit der Nachkriegsgeschichte statt, Ende September berichtete der frühere Schulleiter der Dietrich-Bonhoeffer-Grundschule über die Geschichte der Schule und am 28. September feierte die Gemeinde ihr Jubiläum mit einem großen Gemeindefest mit Gottesdienst, Konzert und Mitmachaktionen.

Text: Anne Siebertz
Foto(s): Anne Siebertz