Form in Bewegung: Von Architektur und Glaubenspraxis

Form in Bewegung: Von Architektur und Glaubenspraxis

Im September 2016 wurde die neue Christuskirche am Stadtgarten nach einem Um- und Neubau eingeweiht. Das alte Kirchengebäude zeigte sich für die Anforderungen der Evangelischen Gemeinde Köln als nicht mehr passend. Die Architekten Klaus Hollenbeck und Walter Maier gestalteten an seiner Stelle ein höchst spannendes Ensemble aus Sakralbau, Wohngebäude und historischer Bausubstanz. Die Architekturhistorikerin Dr. Ute Fendel stellte das Ensemble während einer Führung der AntoniterCityTours in der Reihe „Architektur-Sonntag“ vor.

Das Herzstück des Gesamtkonzepts ist der Kirchensaal der Christuskirche. Hier, wo bereits alle architektonischen Elemente der Anlage vorhanden sind, beginnt die Tour. Altes und Neues, sakrale und weltliche Nutzung treten schon im Innenraum in Erscheinung. Der besitzt kaum rechte Winkel, stattdessen sich verengende weiß verputzte Wände mit quadratischen Nischen, die auf die Fassaden der Gebäude-Flügel verweisen. Die Stirnwand hinter dem Altar neigt sich erst nach vorn in den Raum und knickt dann wieder nach hinten ab. Ganz oben öffnet sie sich zu einem schmalen Fensterstreifen, der mit dem einfallenden Tageslicht für eine stimmungsvolle Atmosphäre sorgt.

Zahlreiche Spuren neugotischer Ornamente
Die Orgelempore der alten Christuskirche mit ihrem Kreuzgratgewölbe und den marmornen Säulen mit floral verzierten Kapitellen ist erhalten geblieben. Auch ein beim Umbau wiederhergestellter Raum hinter der Empore gibt unter anderem zahlreiche Spuren auf neugotische Ornamente preis. Der Entwurf von Hollenbeck und Maier folgt in diesen eindrücklichen Details den Grundsätzen moderner Denkmalpflege: Spuren erhalten, aber nicht wiederherstellen.

Erinnerungen an Frank Gehrys „Tanzendes Haus“
Der Blick durch die den Altar flankierenden Fenster wirft Licht auf das Gesamtkonzept. Die Innenwände des Kirchensaals setzen sich als Außenwände der Gebäudeflügel zum Innenhof fort. Während sich die Flügel zum Turm hin schützend an das Kirchenschiff neigen, öffnen sie sich zum Stadtgarten zu den Außenseiten. Die dynamische Bewegung, in die das Gebäude so gerät, weckt unwillkürlich Erinnerungen an Frank Gehrys „Tanzendes Haus“ in Prag, das dem legendären Tanzpaar Fred Astaire und Ginger Rogers nachempfunden ist. Die Drehung in der Fassadenfläche der Christuskirche entstand dabei tatsächlich durch eine virtuell erzeugte Verzerrung am Modell, wie Stadtführerin Fendel anschaulich demonstriert.

Licht und Bewegung: Die Stirnwand hinter dem Altar neigt sich nach vorn und knickt dann wieder nach hinten ab. Von oben und von den Seiten fällt das Tageslicht ein.
Alle Apartments haben einen individuellen Grundriss
Die Anordnung der unterschiedlich großen Nischen aus dem Kirchensaal setzt sich bei den Fenstern und Loggien an den Seitenflügeln fort. So bleibt nach außen nicht ersichtlich, welche Fenster zu welcher Wohnung gehören und welche Funktion der dahinterliegende Raum jeweils besitzt. Bad, Küche, Wohnzimmer? Jedes der 21 bereits vermieteten Apartments hat einen individuellen Grundriss. Ihrer sozialen Verantwortung kam die Evangelische Gemeinde Köln mit der Vergabe von fünf der sehr begehrten Wohnungen in bester Lage an die Stadt Köln zur Unterbringung von geflüchteten Familien nach. In den sieben Gewerbeflächen haben unter anderem Firmen aus dem Messebau und dem Personalmanagement ein neues Zuhause gefunden.

Collage aus abstrahierten Fragmenten einer Weltkarte
Ein weiterer Höhepunkt ist der grüne Innenhof, dessen Zentrum die mit braun-rostigem Cortenstahl ausgekleidete Rückwand des Chors bildet. Eine auf den ersten Blick willkürliche Perforation aus kleinen Kreuzen dekoriert die Fassadenverkleidung. Erst nach längeren Erläuterungen Fendels wird klar, dass sich dahinter eine Collage aus abstrahierten Fragmenten einer Weltkarte verbirgt. Wenn man so will, eine abstrakte Visualisierung von Migration und kultureller Vielfalt, die schon jetzt in der Christuskirche praktiziert wird. Neben der Unterbringung von Geflüchteten und kostenlosem Deutschunterricht durch freiwillige Gemeindeglieder halten beispielsweise Gemeinden aus Afrika dort ihre Gottesdienste ab.

Afrika und Südamerika direkt nebeneinander. Die Kreuze auf der hofseitigen Fassade des Chors bilden die Umrisse einer Collage aus Fragmenten einer Weltkarte. Rechts im Bild: Dr. Ute Fendel
Neoklassizistische und neogotische Schmuckstücke in der Nachbarschaft
Die Nachbarschaft der Christuskirche zeichnet sich durch die beruhigte Wohnlage eines Carrés von alten Stadtvillen der Gründerzeit und die Nähe zum Stadtgarten, Kölns ältester Parkanlage, aus. Da finden sich neben den üblichen sachlich-sterilen Baudenkmälern der Nachkriegszeit auch neoklassizistische und neogotische Schmuckstücke. Bisweilen in eklektizistischer Kombination. Solche Zeugnisse alten Baugeschmacks sind anderswo selten geworden. Direkt gegenüber der Kirche blieb etwa das alte Pfarrhaus mit einer wilden Mischung aus klassischer Fenster- und Türgestaltung mit leichter Laibung in Backstein und einem anachronistischen Maßwerk-Fries unter der Traufe erhalten. Hier ist inzwischen der Kölner Flüchtlingsrat e. V. eingezogen, der zuvor seine Räume im Haus der Evangelischen Kirche in der Kölner Südstadt hatte. Mit der Verbindung aus historischer Bausubstanz und moderner Formensprache bildet die Christuskirche einen neuen architektonischen Höhepunkt des Belgischen Viertels.

Nächste Führung: „Kölner Konsumtempel“
Der nächste Architektur-Sonntag mit Dr. Ute Fendel steht am Sonntag, 29. April, 11 Uhr, unter dem Titel „Kölner Konsumtempel“, und dreht sich um die Kaufhaus-Architektur im Umfeld des Neumarkts. Highlights sind unter anderem der rekonstruierte Olivandenhof und das „Weltstadtkaufhaus“ von Renzo Piano.

Text: Felix Eichert
Foto(s): Felix Eichert