„Evangelische Erwachsenenbildung ist Bildung im öffentlichen Raum“: Pfarrer Dr. Martin Bock, der neue Leiter der Melanchthon-Akademie, im Gespräch

„Evangelische Erwachsenenbildung ist Bildung im öffentlichen Raum“: Pfarrer Dr. Martin Bock, der neue Leiter der Melanchthon-Akademie, im Gespräch

Dr. Martin Bock ist seit dem 1. Oktober 2008 neuer Leiter der Melanchthon-Akademie des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region. Zuvor war er sieben Jahre Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Pulheim, seit 1. Oktober 2005 mit einer halben Stelle Ökumenepfarrer des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region. Bock wurde 1966 in Köln geboren und machte 1985 in Essen sein Abitur. Da sein Vater Bundeswehrsoldat war, zog die fünfköpfige Familie, Bock hat zwei ältere Geschwister, häufig um. Schon in der Schulzeit entwickelte Bock Interesse für das Judentum. Im Gespräch äußert sich der Akademieleiter dazu und noch zu vielem mehr.



Wer oder was war der Auslöser für Ihr Interesse am Judentum?
Zunächst mein Deutschlehrer, der mit uns intensiv unter anderem die Bücher von Franz Kafka las, dessen Existenz ja in ständiger Auseinandersetzung mit seinem eigenen Judentum stand. Darüber hinaus gab es auch bei uns zu Hause viele Gespräche über die deutsche Geschichte und ihre Verantwortung. Mein Vater war ja noch Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen.

Sie waren auch in Israel?
Ja, während des Studiums hatte ich dank eines Stipendiums die wunderbare Möglichkeit, ein Jahr in Jerusalem zu verbringen, das mich stark geprägt hat. Dort habe ich das Spannungsfeld Christen – Juden vor Ort erlebt. Gelebt habe ich mit katholischen und evangelischen Theologinnen und Theologen in einem Benediktiner-Kloster einen Steinwurf von der Altstadt Jerusalems entfernt. Ein Benediktiner hat diese Einrichtung gegründet, die heute noch besteht. Er wollte, dass regelmäßig deutschsprachige junge Leute die Chance haben, in Jerusalem Theologie zu studieren – und damit konfrontiert zu werden mit der Realität des Judentums, des Staates Israel, aber auch der historisch gewachsenen innerchristlichen Ökumene. Geweckt wurde ich regelmäßig vom Ruf des Muezzin. Diesen ‚interreligiösen‘ Höreindruck, zu dem im Laufe des Tages, natürlich noch viele andere Geräusche der Religionen und Konfessionen kommen, habe ich für immer in mich aufgenommen. In Jerusalem lernt man schnell, dass es ganz viele verschiedenen Weisen gibt, von Gott zu sprechen und ihn zu bezeugen.

Gelebte Ökumene?
Das bunte Gewirr und die dezierte Konfessionalität sind dort einfach Gegebenheit. Bedingt durch die Geschichte der Stadt ist es so, dass sich dort viele Religionen treffen. Und natürlich auch in Konkurrenz treten. Man trifft dort auf moderne Vertreter des Judentums, die den Dialog mitdenken und reflektieren. Man trifft aber auch orthodoxe Patriarchen, deren Denken maßgeblich beeinflusst wird von Fragen des 3. und 4. Jahrhunderts nach Christus. Uralte Bekenntnisse sind Tagesgespräch. Wir evangelische Christen sind da zunächst ganz anders gepolt. Ich habe in Jerusalem aber auch mit armenischen Priesteramtskandidaten Fußball gespielt, wir haben uns gegenseitig in den Gottesdiensten besucht.

Was haben Sie mitgenommen?
Ich habe das Judentum besser verstanden. Ich habe Land und Volk Israel in mein Herz geschlossen. Ich habe aber auch den scharfen Schnitt zwischen Judentum und Christentum erlebt. Aus jüdischer Sicht – jedenfalls in der Regel – ist unser Christentum etwas, das sich häretisch aus dem Judentum heraus entwickelt hat. Was machen wir damit? Lässt das christliche Theologie unberührt? Nach meiner Rückkehr habe ich in Tübingen Vorlesungen von Jürgen Moltmann gehört. Er sprach ständig vom „Messianischen“ im Christentum. Die Christen müssten die Erwartung und die Hoffnung wieder stärker zur eigenen Sache machen. Das Judentum sei dem Christentum da voraus. Das Messianische sei den Christen verloren gegangen. Das alles mündete in meine Doktorarbeit in Bonn mit dem Titel „Christologie im christlich-jüdischen Gespräch nach 1945“, in der ich mich mit den Veränderungen in der christlichen Theologie beschäftigt habe, die vor allem durch Impulse aus dem Gespräch mit dem Judentum entstanden sind und hoffentlich noch weiter entstehen.

Dann begann der Einstieg ins Berufsleben.
Ja, 1996 habe ich mein Vikariat in Bad Godesberg angetreten. Ein Jahr später war meine heutige Frau Referendarin in Nippes und ich hatte am zufällig Chlodwigplatz zu tun. Die Melanchthon-Akademie kannte ich nur vom Hörensagen und von den „Rheinreden-Heften“, in denen der damalige Akademieleiter Pfarrer Marten Marquardt regelmäßig über den christlich-jüdischen Dialog schrieb. Diesen Mann wollte ich kennenlernen und habe einfach an seine Bürotür geklopft. Er war da, wir haben uns unterhalten. Das Resultat: Ich habe von 1998 bis 2001 in der Melanchthon-Akademie das Laienstudium namens „STARK“ aufgebaut. Gleichzeitig war ich Pfarrer zur Anstellung in Bilderstöckchen. 2001 wurde ich dann Gemeindepfarrer in Pulheim-Sinnersdorf.

Was haben Sie beim Amtsantritt als Leiter der Melanchthon-Akademie vorgefunden?
Ich habe hier die Arbeit meines Vorgängers Marten Marquardt übernommen. Die Akademie ist hervorragend organisiert. Die Fusion mit dem Sozialwerk ist gelungen und es gibt ein äußerst motivertes und kreatives pädagogisches und Verwaltungs-Team. Ich übernehme also im wahrsten Sinne des Wortes ein gut bestelltes Feld. Von dem, was in den vergangenen Jahren bereits angestoßen wurde, kann ich gut ausgehen.
Evangelische Erwachsenenbildung ist Bildung im öffentlichen Raum. Unsere Stärke als evangelische Stadtakademie und als Bildungswerk für die Gemeinden ist, dass wir sowohl öffentliche Diskurse in Stadt und Region mitgestalten können und sollen – zum Beispiel durch die Radiowerkstatt, durch das Engagement in Migrationsfragen, im interreligiösen und ökumenischen Dialog.
Zugleich wollen und können wir auch präsent sein in und für die evangelischen Gemeinden. Hier hat sich in den vergangenen Jahren die innerkirchliche Weiterbildung als ein enormes Potential herausgestellt.
Die Presbyterfortbildung „Fit für’s Presbyterium“, deren erster Durchlauf gerade abgeschlossen ist, hatte einen enormen Zulauf. Wir haben wieder gemerkt: Menschen im Presbyterium, die zum Teil schon seit Jahren, viel Verantwortung übernommen haben, sind sehr interessiert und wissbegierig. Hier verfügt die Kirche über einen echten Schatz von Leuten, und es ist auch für die Gesellschaft wichtig, dieses ehrenamtliche Engagement mit unseren Mitteln zu fördern. Vielleicht können wir in Zukunft auch die Pfarrerinnen und Pfarrer stärker ansprechen. Meine Idee ist, regelmäßig eine „Predigtwerkstatt“ anzubieten. Dort können die Kollegen und Kolleginnen sich gemeinsam auf die konkrete Sonntagspredigt vorbereiten – begleitet mit einem fachlichen Impuls, der immer wechseln kann. Wofür haben wir so gute Universitäten in unserer Nachbarschaft? Mit solchen Kooperationen auch in der poltischen Bildung haben wir bisher gute Erfahrungen gemacht.

Werden Sie besondere christlich-jüdische Akzente setzen?
Der Dialog ist für uns ein durchlaufendes Thema. Doch wir werden im Mai zum Beispiel zu einem jüdisch-christlichen Bibelgespräch mit dem neuen Rabbiner der Synagogengemeinde einladen. Der Bibeltext stammt aus Genesis 2 und nimmt die Losung für den nächsten evangelischen Kirchentag im kommenden Jahr in Bremen auf: „Mensch, wo bist Du?“ Natürlich werden wir natürlich weiterhin unsere guten Kontakte zur Christlich-Jüdischen Gesellschaft pflegen. Auch zu den russischen Juden in Köln haben wir gute Beziehungen, um die sich in erster Linie Pfarrerin Dorothee Schaper kümmert.
Darüber hinaus werden auch weiterhin die ökumenischen Themen und Kontakte, die bisher zu meiner Arbeit als Ökumenepfarrer gehörten, zum Profil der Akademie gehören.

Wohin führt der Weg der Akademie?
Wir wollen weiterhin evangelische Bildungsarbeit leisten im Kontext der gesellschaftlichen Verantwortung unserer Kirche. In diesem Sinn sind wir Teil der öffentlich geförderten Weiterbildung. Dieses Profil, zu dem auch die vielfältigen Angebote der politischen, der Medien- und der Persönlichkeitsbildung gehören, werden wir weiter vertreten – auch bei geringer werdenden Mitteln. Deshalb müssen wir immer wieder erfinderisch sein und neue Initiativen öffentlicher Förderung aufgreifen – durchaus im Sinn unserer Arbeit.
Zugleich werden wir im Blick auf das Personal auch kleiner werden. So wird im Juni meine Kollegin Christina Wohlfahrt in den Ruhestand gehen. Ihre Stelle kann aus finanziellen Gründen nicht mehr besetzt werden. Ihre Arbeit aber versuchen wir durch innere Umstrukturierungen aber aufrecht zu erhalten. Der große Bereich der Persönlichkeitsbildung, den Frau Wohlfahrt aufgebaut hat, ist aus ideelen Gründen, wegen der hohen Nachfrage und wegen der garantierten Refinanzierung zu wichtig, um ihn einfach schrumpfen zu lassen.

Wird der Standort im MediaPark weiter bestehen?
Das KOMED mit dem Studio ECK ist für uns ein wichtiger Standort, der sich in den letzten 10 Jahren sehr bewährt hat. Unsere sehr erfolgreiche Radiowerkstatt mit vielen Ehrenamtlichen wäre ohne diesen Ort einfach nicht denkbar. Im Angebot der Medienbildung ist die Akademie ein vorrangiger Anbieter. Insofern werden uns unbedingt bemühen, diesen Standort und unsere Angebote dort zu erhalten – und weiter inhaltlich auszubauen. Vor wenigen Monaten hat sich zum Beispiel die „Musikfabrik NRW“, ein renommiertes Ensemble für zeitgenössische Musik, im KOMED angesiedelt. Weitere Einrichtungen und Netzwerke für Neue Musik werden folgen. Das ist – nachdem jahrelang der Popsender VIVA im Haus war – ein regelrechter Paradigmenwechsel, bei dem es ausdrücklich um Bildungs- und Vermittlungsarbeit geht. Neue Musik ist eine von vielen Menschen noch nicht entdeckte Sinnwelt auch für philosophische und theologische Themen. Denken Sie nur an Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel oder auch an Oliver Messiaen! Schon im kommenden Semester bieten wir zusammen mit der Musikfabrik eine Reihe „Musik neu hören“ an.