You are currently viewing Erster KölnDialog des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentages zum Thema „Das Zusammenleben der Kulturen“

Erster KölnDialog des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentages zum Thema „Das Zusammenleben der Kulturen“

Mit einer Stereotype, die einiges an Brisanz in sich barg, eröffnete Arnd Henze den ersten „KölnDialog“ in der Kölner Antoniterkirche: „Die dürfen sich wohl alles erlauben.“ Über „die Angst vor Überfremdung und das alltägliche Zusammenleben der Kulturen“ sprachen Bekir Alboga, Dialogbeauftragter der „Türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion“ (DITIB), Bascha Mika, Chefredakteurin des „tageszeitung“, Dr. Jürgen Schmude, ehemals Bundesjustizminister, und Winrich Granitzka, Fraktionsvorsitzender der CDU im Kölner Stadtrat und früher leitender Polizeidirektor in Köln. Der „KölnDialog“ ist als Reihe konzipiert und soll in die Themen des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentages vom 6. bis 10. Juni in Köln einführen.


Schmaler Grat zwischen Dialog und Gewalt
Der einleitende Satz solle provozieren, machte Gesprächsleiter Henze zu Beginn deutlich. Es sei ein schmaler Grat zwischen Dialog und Gewalt. Granitzka erklärte, die Angst in der Gesellschaft könne nicht geleugnet werden. Die Moschee in Ehrenfeld etwa oder die Gewalt von ausländischen Jugendlichen würden von manchen Politikern der rechten Szene missbraucht, um mit Angst Politik zu machen. Fakt sei, dass ein Anstieg der Gewalttaten zu verzeichnen sei und dass die Täter immer brutaler handelten. Gleichwohl müsse man einräumen, dass 20 Prozent der jugendlichen Gewalttäter nach Köln reisten, um Verbrechen zu begehen. Alboga von der DITIB, die die Moschee in Ehrenfeld an der Ecke Innere Kanalstraße/Venloer Straße bauen möchte, bedankte sich für die Unterstützung der Baupläne durch Oberbürgermeister Fritz Schramma, durch die Parteien und die Verwaltung. „Seit 45 Jahren gibt es Muslime in Köln, seit 25 Jahren nutzen wir dieses Haus in Ehrenfeld. Wir brauchen die Moschee.“

„Multi-Kulti ist doch kein ideologisches Konzept“
Schmude kritisierte, dass ein Moscheebau für die Muslime häufig zu einem juristischen Hindernislauf werde, weil viele Seiten versuchten, den Bau auf dem Rechtsweg zu verhindern. Dabei würden die Muslime gegenüber den christlichen Kirchen benachteiligt. „Aber nirgends“, so der Ex-Minister, „hat man erlebt, dass es nach dem Moscheebau zu Konflikten gekommen ist.“ Auf die Frage, ob „Multi-Kulti“ gescheitert sei, entgegnete Bascha Mika: „Mulit-Kulti ist doch kein ideologisches Rezept. Das Zusammenleben der Kulturen ist Realität.“ Und deshalb müsse man ohne jegliche Ressentiments mit einander reden.

„Wir müssen die türkischen Eltern erreichen“
Granitzka wies darauf hin, dass sich auch die Parteien vor Ort verändert hätten. In seiner CDU sei die Unterstützung für die DITIB einheitlich. Auch wenn mancher vor 20 Jahren noch anders gedacht habe. „Wir leben zusammen und müssen das Beste daraus machen“, sagte der Kommunalpolitiker. Aber es gebe noch viel zu tun: „Wir finden Döner gut und freuen uns auf den Türkei-Urlaub. Was fehlt, ist der Dialog auf Augenhöhe.“ Oft habe man sich getroffen und geredet, um die Verhältnisse zu verbessern. Und ein Jahr später habe man feststellen müssen, dass sich nichts geändert habe. Es gebe Viertel in Köln, in denen es so gut wie kein Jugendlicher mit Migrationshintergrund einen Job habe. Das liege nicht zuletzt daran, dass ihre Chancen im deutschen Schulsystem sehr schlecht seien. „Wir müssen uns um diese Kinder bereits im Kindergarten kümmern“, forderte Granitzka: „Und wir müssen die türkischen Eltern erreichen.“ Denn man habe „20 Jahre nicht gemerkt, was sich da abspielt“.

Alboga setzt große Hoffnungen auf die Zuwanderungspolitik
Alboga entgegnete, dass an deutschen Hochschulen 50.000 Studenten und Studentinnen muslimischen Glaubens studierten. Dazu kämen bundesweit 100.000 muslimische Untenehmer. Ob die dritte Generation der türkischen Einwanderer schlechter integriert sei als ihre Eltern, wurde Alboga gefragt. Das hänge mit der Ausländerfeindlichkeit in den 90er Jahren zusammen, antwortete der Dialogbeauftragte. Damals hätten sich viele Kinder und Jugendliche in die türkische „Community“ zurückgezogen. Alboga setzt große Hoffnungen auf die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung. Deren Ergebnisse könne man aber in etwa zehn Jahren beurteilen, wandte Schmude ein. Wer länger türkische Staatsbürger gewesen sei, tue sich schwer, Deutscher zu werden: „Das ist ein Prozess, der länger dauert.“ Im Übrigen, so Schmude, gelte natürlich immer und für jeden das Gesetz: „Jugendliche Straftäter dürfen sich nicht alles erlauben. Deutsche genauso wenig wie ausländische.“ Schmude wies darauf hin, dass in Deutschland keine Ausländer unterwegs seien, die rächten, was Ausländern angetan wurde, weil sie Ausländer sind.

Deutschkurse im Kindergarten und Hilfe bei den Hausaufgaben
„In Köln gibt es Stadtteile mit einer Wahlbeteiligung von unter 25 Prozent. Nur 40 Prozent der Menschen dort haben Wahlrecht, weil sie Deutsche sind“, benannte Henze einen weiteren Aspekt des Zusammenlebens. Granitzka bezog eine eindeutige Position: „Ich bin dafür, dass Ausländer, die zum Beispiel zehn Jahre hier leben und integriert sind, das kommunale Wahlrecht bekommen.“ Aber es gibt ja auch noch die anderen. Bascha Mika hat eine „Lost generation“ bei jugendlichen Migranten beobachtet: „Die haben von sich ein verqueres Rollenbild und eine ebenso verqueres Frauenbild.“ Eine ähnlich „verlorene Generation“ gebe es ebenso unter Deutschen. Die Gewaltbereitschaft sei ähnlich. „Wir müssen einen Weg zu diesen jungen Männern finden“, so die taz-Chefin.
„Die Zukunft für Türken in diesem Land sieht nicht rosig aus“, erklärte Alboga. Gebildete Türken wüssten um dem Wert von Bildung, andere nicht. Er befürwortet Deutschkurse im Kindergarten und Hilfe bei den Hausaufgaben im Grundschulalter. „Die Großväter sind verantwortlich für ihre Enkel. Sie können als Vorbilder dienen“, ergänzte Granitzka.

„Wort zum Freitag“ für Muslime?
Mit einem im ZDF oder im SWR geplanten „Wort zum Freitag“, das sich in Anlehnung an das „Wort zum Sonntag“ an die Muslime richten soll, hat Bascha Mika „kein Problem, solange wir eine säkulare Gesellschaft bleiben“. „Die Verfassung ist die Basis unseres Zusammenlebens“, erklärte Alboga und versicherte, nur mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die das genauso sehen. Schmude erinnerte daran, dass der Staat über Mittel verfüge, muslimische Organisationen zu sanktionieren, wenn sie etwa ein veraltetes Frauenbild aufrecht erhielten. „Wir gewähren denen keine Zuschüsse und verweigern ihnen des Körperschaftsstatus. Die Religionsfreiheit gilt eben nur bis an die Grenze des verfassungs- und strafrechtlichen Unzulässigkeit.“ Alboga erklärte, die Mehrheit der Muslime in Deutschland wollten hierzulande kein islamisches Recht einführen sondern stünden fest auf dem Boden der Verfassung. Dann verabschiedete er sich vorzeitig vom Podium, da er seiner Gattin versprochen hatte, früher nach Hause zu kommen: „Ich muss leider gehen“, sagte er lächelnd, „sonst verletze ich die Rechte meiner Frau.“

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann