Ein Abend für Dorothee Sölle – Erinnerung an eine streitbare Theologin



Ein Abend für Dorothee Sölle – Erinnerung an eine streitbare Theologin

Vor zehn Jahren starb Dorothee Sölle. Eine Veranstaltung an der Kölner Antoniterkirche am 27. April gedachte mit persönlichen Erzählungen, Lesungen aus ihren Werken und altem und neuem Filmmaterial dem Wirken der Theologin, Feministin und Pazifistin, deren Erbe noch immer aktuell ist.

Alte Weggefährten kamen
Der Gemeindesaal an der Antoniterkirche platzte fast aus allen Nähten. Interessierte Besucher und alte Weggefährten aus den Zeiten des „Politischen Nachtgebetes“ waren gekommen, um Dorothee Sölle zu gedenken, die am 27. April 2003 verstorben ist. Die Schauspielerin Miriam Jansen las aus ihren Werken und der Kölner Verein „FilmInitiativ“ zeigte Filmmaterial aus den Anfängen des „Politischen Nachtgebets“. Abschließend wurde der Film „Mystik und Widerstand“ von Rüdiger Sünner über Dorothee Sölle gezeigt.

Leidenschaftlich, charismatisch, streitbar
Dorothee Sölle wurde 1929 geboren und wuchs in einer gut situierten Professorenfamilie in Köln auf. Literatur und Musik spielten eine große Rolle, christliches Gedankengut eher weniger. In ihren Jugendjahren las die junge Sölle Rilke und Hölderlin, und hörte die Musik von Bach und Beethoven. Ab 1949 studierte sie Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaft an den Universitäten von Köln, Freiburg und Göttingen. Nach ihrem Staatsexamen promovierte sie 1954 und habilitierte sich 1971 an der Kölner Universität. Die politische Theologie von Sölle war durch die Erfahrungen im Nazi-Deutschland geprägt. Sie kritisierte die Vorstellung von „Gott, dem Allmächtigen“ und versuchte in ihren Schriften alltägliche Lebenserfahrungen, insbesondere des Leidens, der Armut, der Benachteiligung und Unterdrückung mit theologischen Inhalten zu verknüpfen.

„Atheistisch an Gott glauben“
Christliche Dogmen wie die Jungfrauengeburt oder das leere Grab stellte sie vehement in Frage, die Figur Jesu interessierte und faszinierte sie. In der heutigen verfassten Kirche konnte sie die christliche Substanz nicht mehr erkennen, sprach von einer Theologie „nach dem Tode Gottes“ und versuchte „atheistisch an Gott zu glauben“. Damit lehnte sie ein veraltetes Gottesbildes ab, da sie nach Auschwitz nicht mehr ohne weiteres vom allmächtigen Gott sprechen konnte. Ende der 60erJahre des vorigen Jahrhunderts schloss sie sich einem ökumenischen Arbeitskreis von Friedensbewegten an, der in einer Kirche ein „Politisches Nachtgebet“ feiern wollte. Die katholische Kirche in Köln untersagte den politisch Aktiven ein Treffen in ihren Kirchen, die Gruppe fand „Asyl“ in der evangelischen Antoniterkirche.

Politische Nachtbeter in der Antoniterkirche der 60er Jahre
Mitgründer des „Politischen Nachtgebets“ waren neben Dorothee Sölle unter anderem der ehemalige Benediktinermönch Fulbert Steffensky, den sie später heiratete, die Journalistin Vilma Sturm, der Schriftsteller Heinrich Böll und die Professorin Maria Mies. Ein konkreter politischer Anlass der Friedensinitiative war der Vietnam-Krieg, den Sölle als „Golgatha von heute“ bezeichnete. Vier Jahre lang, von 1968 bis 1972, gab es die Politischen Nachtgebete – zum ersten Gebet am 1. Oktober 1969 kamen über 1.000 Menschen. Einmal im Monat fanden sie ab 20.30 Uhr in der Antoniterkirche statt und folgten einem einheitlichen Schema: Sie wurden gemeinsam von einer Gruppe vorbereitet, im Mittelpunkt stand immer ein politisches Thema, über das mit Flyern informiert wurde. In der Kirche wurde dann diskutiert, anhand einer Bibelstelle meditiert und abschließend eine gemeinsame Aktion verabredet.

Nachtgebet in Schwarz-Weiß
Aufmerksame und nachdenkliche Besucher zeigte ein zeitgenössisches Film-Dokument von einer der ersten Veranstaltungen in der Antoniterkirche. Der Kölner Verein „FilmInitiativ“ fand dieses Kleinod in seinem Archiv und stellte es den Veranstaltern zur Verfügung. Auf diese Weise konnte die Gedenk-Veranstaltung die besondere Atmosphäre dieser politisch brisanten Zeit wiedergeben. Die Nachtbeter verstanden sich als „Kirche der Tat von unten“ und behandelten Themen wie die Entwicklungshilfe, die Emanzipation der Frau, die Militärdiktatur in Griechenland oder den Putsch in Chile. Kritisiert wurde das von ihr formulierte „Credo“, ein Glaubensbekenntnis, welches sie oft bei den Nachtgebeten verwendet hatte. Auf der Gedenkveranstaltung anlässlich ihres 10. Todestages wurde es von Miriam Jansen gesprochen:

„Ich glaube an Gott / der die Welt nicht fertig geschaffen hat / wie ein Ding, das immer so bleiben muss. / Ich glaube an Jesus Christus, / der aufersteht in unser Leben, / dass wir frei werden / von Vorurteilen und Anmaßung, / von Angst und Hass, / und seine Revolution weiter treiben / auf sein Reich hin.“

Maria Mies: „Wir müssen handeln, sonst ist alles für die Katz“
Dorothee Sölle war davon überzeugt, dass das reine theologische Nachdenken ohne politische Konsequenzen Heuchelei sei, jeder theologische Satz müsse auch ein politischer sein. Seit den Anfängen in den 60er Jahren sind an vielen verschiedenen Orten Gottesdienste gefeiert worden, die sich an die Idee des „Politischen Nachtgebets“ anlehnen. Auch auf dem diesjährigen Evangelischen Kirchentag in Hamburg fanden wieder solche Veranstaltungen statt. Ihren Mitstreitern gab Dorothee Sölle mit auf den Weg: „Es ist noch nicht vollbracht“. Alle Kirchen müssten sich politisieren gegen die Liberalisierung der Märkte: „the world is not for sale“. Daran erinnerte auch Professorin Maria Mies, die gemeinsam mit Dorothee Sölle Nachtgebete organisiert hatte. Sie rief dazu auf, ein neues politisches Nachtgebet zum Thema Bangladesh zu veranstalten. Ein Wohngebäude in der Nähe von Dhaka stürzte ein und forderte mehrere hundert Opfer, überwiegend Näherinnen einer Fabrik, die Billig-Kleidung produzierte. Dort finde eine große Katastrophe statt, sagt Maria Mies „und wir können nicht hier Dorothee Sölle gedenken, ohne wieder ein politisches Nachtgebet zu machen. Es ist nicht genug, über Mystik zu reden, wir müssen handeln, sonst ist alles für die Katz, was wir hier sagen.“

Christ sein bedeutet, nach eigenen Möglichkeiten zu handeln
Für Dorothee Sölle als Theologin und Pazifistin waren mittelalterliche Mystiker Vorbilder des Widerstandes, zum Beispiel Mechthild von Magdeburg und Thomas Münzer. Davon handelt der Dokumentarfilm „Mystik und Widerstand“ von Rüdiger Sünner, der auf der Gedenkveranstaltung gezeigt wurde. Ihr Leben lang spürte Sölle dem Gott „in uns“ nach, wie ihn die Mystiker beschrieben, sie fand ihn in der Liebe, in den gelungenen Beziehungen zwischen Menschen. Ebenso war sie fest davon überzeugt, dass, wenn Jesus gekommen sei, um uns die Fülle des Lebens zu bringen, der Kapitalismus gekommen sei, um ihn uns zu nehmen. In ihren theologischen und politischen Standpunkten war sie provokant und kompromisslos, streitbar und leidenschaftlich. Auch mit ihrem zweiten Ehemann, dem ehemaligen Benediktinermönch Fulbert Steffensky, hat sie gestritten und diskutiert, wie er selbst im Film erzählt. Bis zu ihrem Tod war sie fest davon überzeugt, dass Christsein bedeute, nach dem Gottesdienst nach Hause zu gehen und zu überlegen, was man selbst ändern und mit seinen eigenen kleinen Möglichkeiten tun könne.

Freigeist statt Staatsbeamtin
In Deutschland blieb Sölle die akademische Anerkennung versagt, ihr wurde nie eine Professur angeboten. In den Vereinigten Staaten lehrte sie von 1975 bis 1987 am „Union Theological Seminary“ in NewYork, wie vor ihr schon Paul Tillich und Dietrich Bonhoeffer. Sie ging immer wieder nach Südamerika und inspirierte die dortige Befreiungstheologie. Für sie selbst wäre es als alleinerziehende Mutter vielleicht besser gewesen, in Lohn und Brot und mit einer sicheren Versorgung zu stehen, überlegte Dr. Anselm Weyer, der die Veranstaltung moderierte. „Für ihr Werk wäre es eventuell gar nicht so von Nutzen gewesen, weil sie ja somit ein sehr freier Geist geblieben ist.“

Bücher schreiben statt Bohnen einmachen
Für ihre vier Kinder war Dorothee Sölle eine liebevolle, wenn auch umtriebige Mutter, die lieber Bücher schrieb statt Bohnen einzumachen, erzählt ihr ältester Sohn Martin Sölle, heute Buchhändler in Köln. Bevor sie ihren zweiten Mann Fulbert Steffensky 1969 heiratete, war sie lange Jahre alleinerziehend. Mit ihren Kindern konnte sie sehr spielerisch umgehen, sie liebte Musik und hat den Kindern – und später ihren Enkeln – gern ihre Phantasiegeschichten vorgelesen. Ihr Lebensziel war es, liebesfähig zu werden, wobei Beziehungen auch immer einen Inhalt haben mussten. „Eine Beziehung, die nur aus gemeinsamem Konsum besteht, hätte sie als eine nicht wirkliche Beziehung empfunden oder als eine erkaltete oder tote Beziehung bezeichnet“, ist Martin Sölle überzeugt. Lachend erzählt er, dass seine Mutter als Protestantin auch ein Buch mit dem Titel „Lieben und Arbeiten“ geschrieben habe. In seiner Buchhandlung in Ehrenfeld hält er einen Vorrat ihrer Bücher bereit. Anlässlich ihres 10. Todestages ist zudem eine Biografie von Renate Wind erschienen sowie „Mystik des Todes“ als Taschenbuch.

Antoniterkirche als Ort politischer Positionierung
Seit 2010 ist Markus Herzberg Pfarrer der Antoniterkirche. Das Bild von Dorothe Sölle, dass Gott ohne unsere Hände in der Welt nicht wirken könne, gefällt ihm sehr. Christ sein heißt für ihn, Engagement zu zeigen und sich daran zu beteiligen, die Schöpfung zu bewahren. „Solange ich hier bin, stehe ich gern für dieses Bild, dass Kirche allen offene Arme bietet und jeden willkommen heißt, und man miteinander überlegt und guckt, was können wir machen.“ In einer evangelischen Kirche bestimme nicht der Pfarrer, wo es lang gehe, sondern „wir sind miteinander auf dem Weg und eine sehr demokratische Kirche, die gemeinsam überlegt, was wir heute tun, was wir veranstalten können.“

Text: Jutta Hölscher
Foto(s): Jutta Hölscher