„Dir zu Liebe“ Stadtsuperintendent Bernhard Seiger zur Passionszeit 2021
Bernhard Seiger in der Reformationskirche in Köln-Bayenthal

„Dir zu Liebe“ Stadtsuperintendent Bernhard Seiger zur Passionszeit 2021

Hinsehen, nicht die Augen verschließen – achtsam sein für das, was unseren Nächsten widerfahren ist oder gerade widerfährt.

Wo haben wir als Christinnen und Christen blinde Flecken? Wo schaut Kirche und die, die Verantwortung tragen weg? Welche menschlichen Schicksale wollen wir nicht sehen? Und wo überlassen wir die Opfer der Vergessenheit? – Wohl immer da, wo wir nicht in der Liebe sind! Stadtsuperintendent Bernhard Seiger steht vor einer Dornenkrone, die sich im Vorraum der Reformationskirche in Köln-Bayenthal befindet. Ein Kunstwerk gefertigt aus Granatsplittern und Munitionsresten des Zweiten Weltkrieges.

„Diese Dornenkrone“, so Seiger „erinnert an das Leid, das Menschen durch Gewalt erfahren: an die Schmerzen und dann die Zerstörung. Beides kommt hier zusammen: Der Lebensweg Jesu und das Hinsehen auf das, was es in Wirklichkeit an menschlicher Bosheit und Gewalt wahrzunehmen gilt.“ Schauen wir hin in Liebe, oder wenden wir unsere Blicke ab in Zorn. Wir haben die Wahl, jeden Tag das Richtige oder Falsche zu wählen… „Dir zu Liebe“ – der Appell von Seiger ist eindeutig und lädt ein, zum Hinsehen und zum Handeln, in Liebe und Versöhnung!

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Der gesamte Text zum Nachlesen:

Die Passionszeit ist die Zeit, in der wir lernen hinzusehen und nicht die Augen zu verschließen vor Dingen, die unangenehm sind. Ich möchte gerne nachdenken über ein Wort, aus dem ersten Korintherbrief, aus dem Hohelied der Liebe: „Die Liebe ist langmütig und freut sich an der Wahrheit.“

Ich stehe hier in der Vorhalle der Reformationskirche in der Gemeinde Bayenthal. Diese Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört, dann wieder aufgebaut. Und zum Wiederaufbau gehört eben auch das Kunstwerk hinter mir: die Dornenkrone. Ein Symbol dafür, dass Jesus auf seinem Weg zum Kreuz Schmerz und Demütigung erlebt hat.

Diese Dornenkrone ist aus Metallstücken gefertigt. Aber nicht aus irgendwelchen Metallstücken, sondern aus Granatsplittern, also Waffenstücken aus dem Krieg. Diese Dornenkrone erinnert an das Leid, das Menschen durch Gewalt erfahren, an die Schmerzen und an die Zerstörung. Und beides kommt hier zusammen: Der Lebensweg Jesu und das Hinsehen auf das, was es in Wirklichkeit an menschlicher Bosheit und Gewalt wahrzunehmen gilt.

Ich lese Worte aus dem Hohelied der Liebe, aus dem ersten Korintherbrief Kapitel 13 die Verse 4 bis 6: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;“

„Die Liebe ist langmütig und freut sich an der Wahrheit.“ – Für mich steht dieses Kunstwerk hinter mir und diese Bibelstelle dafür, dass christlicher Glaube heißt: „wahrhaftig sein“. Ehrlich das angucken, was ist. Mir fällt in diesen Tagen besonders ein: Das Leid, dass viele Kinder und Jugendliche erleben. Es gibt verschiedene Formen von Leid, die Kinder und Jugendliche erleben. Aber eben, sie erleben auch in bestimmten Orten, Grenzüberschreitungen in Familien und sie haben auch in vergangenen Jahrzehnten und Jahren Grenzverletzungen im Raum der Kirchen erlebt. Ich erinnere auch an das Leid und die Gewalterfahrungen in von Kirchen getragenen Kinderheimen in der Nachkriegszeit. Es ist Zeit, dieses Leid anzuschauen, ihm Raum zu geben und auf die Lebensgeschichten der Menschen zu schauen, die in diesen Erfahrungen lange leiden. Es ist gut wahrzunehmen, so wie Jesus Gewalt und Schmerz wahrgenommen hat. Wahrzunehmen, dass es Gewalt und böse Taten gibt und dass es unsere Aufgabe ist, auf Opfer zu schauen und ihnen nahe zu sein. Die Liebe ist langmütig und sie freut sich an der Wahrheit.

Text: Bernhard Seiger/APK
Foto(s): APK