Die TelefonSeelsorge war immer erreichbar
Annelie Bracke links und Dorit Felsch rechts

Die TelefonSeelsorge war immer erreichbar

20 Prozent mehr Anrufe während des Lockdowns im Frühjahr – Aktuell steigen die Zahlen wieder

Dass Corona Ängste schürt und einsam machen kann, überrascht niemanden. Da ist die Abiturientin, die sich zu Hause nicht konzentrieren kann, der Freiberufler, den Existenzängste plagen, die ältere Dame, deren Alltagsroutinen wie der Café-Besuch wegbrechen: Es gibt viele Gründe, in diesen Zeiten bei der TelefonSeelsorge (TS) anzurufen.

Annelie Bracke, Leiterin der katholischen Einrichtung, und Dr. Dorit Felsch, Leiterin der evangelischen TS, ziehen ein gutes halbes Jahr nach dem Lockdown ein Fazit. „Von März bis Mai ist die Zahl der Anrufe um 20 Prozent gestiegen“, berichtet Annelie Bracke. Corona sei damals in 40 Prozent aller Fälle das Haupt-Thema der Telefonate gewesen. „Wir waren damals wahrscheinlich die einzige Beratungs-Institution, die rund um die Uhr und immer geöffnet war. Wir helfen ja kontaklos“, wirft Dorit Felsch einen Blick zurück.

Angst vor einer Infektion

Im Sommer sank die Zahl der Anrufe wieder auf das normale Niveau. Corona war nur noch in 15 Prozent aller Fälle das vorherrschenden Thema. In den vergangenen Tagen ist wieder ein Anstieg der Anruferzahlen zu verzeichnen. Viele Hilfesuchende leiden unter Schlaflosigkeit, weil sie massive Angst vor einer Infektion haben. „Es tut gut, über die Sorgen zu sprechen. Dann bauschen die sich vor allem nachts nicht so auf. Für diese Gespräche sind wir da“, sagt Dorit Felsch.

„Leute, die sowieso allein sind, sind in diesen Zeiten noch mehr allein“, ergänzt Annelie Bracke. Dorit Felsch lobt den Einsatz der Ehrenamtlichen. Es habe keine Lücken im Dienstplan gegeben. Im Gegenteil: Da viele während des Lockdowns nicht gearbeitet hätten, seien mehr Dienste als sonst doppelt besetzt gewesen. „Es ist für die Ehrenamtlichen ein gutes Gefühl, in diesen Zeiten etwas Sinnvolles tun zu können“, erzählt Annelie Bracke. Jetzt lasse sich allerdings eine gewisse Erschöpfung beobachten. Nicht zuletzt, weil die Gruppenerlebnisse fehlen:

Ausbildung zur Telefonseelsorgerin/zum Telefonseelsorger

„Wir haben unser Sommerfest abgesagt. Auch die Supervisionen fanden lange Zeit nur telefonisch oder online statt.“ Aber es gibt auch einen positiven Aspekt von Corona. Während des Lockdown seien zahlreiche Menschen auf die TS zugegangen nach dem Motto „Ich habe gerade Zeit. Ich könnte drei Monate mithelfen“. „So geht das natürlich nicht“, sagt Dorit Felsch. Eine einjährige Ausbildung sei zwingend nötig. Etliche Bewerber hätten sich dann entschieden, die zu absolvieren.

Ein Ausbildungsjahr in der evangelischen TS beginnt Anfang nächsten Jahres. „Wir freuen uns sehr, dass viele von denen, die Kontakt zu uns aufgenommen haben, sehr gut geeignet sind, bei der Telefonseelsorge mitzuarbeiten“, erklärt Dorit Felsch. Die Finanzierung dieser außerplanmäßigen Ausbildung hat der Evangelische Kirchenverband Köln und Region möglich gemacht. Die katholische TS startet eine Ausbildung nach den Sommerferien 2021.

Bewerben kann man sich schon jetzt. Bewerberinnen und Bewerber sollten mindestens Mitte 20 sein. Ansonsten gibt es keine Altersgrenzen. „Wichtig ist, dass sie bereit sind, Nachtdienste zu leisten“, sagt Annelie Bracke. 15 Stunden sind die Ehrenamtlichen pro Monat in der TS tätig. 13 Stunden am Telefon, zwei in der Supervision. Je 40 Anrufe gehen pro Tag bei beiden Telefonseelsorgen ein. Ein Gespräch dauert im Schnitt 20 Minuten. Zur Zeit engagieren sich 65 Menschen bei der katholischen TS und 72 bei der evangelischen. Dorit Felsch benennt zwei grundlegende Prinzipien der Seelsorge am Telefon: „Ich bin da und versuche zu verstehen. Und ich werfe einen Blick von außen auf die Probleme. Das sind die Angebote, die wir immer machen.“

Kontaktdaten:

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann