„Die Kirche soll Stellung zu den fundamentalen Fragen beziehen“

„Die Kirche soll Stellung zu den fundamentalen Fragen beziehen“

Er nennt sich einen „freischaffenden Liberalen“. Und er ist mit den Jahren politisch immer eigenständiger geworden, wie er über sich selbst sagt: Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum war der Festredner beim Jahresempfang des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region in der vollbesetzten Kartäuserkirche.

Themen des Abends waren globale Krisen vom Klimawandel bis zur Finanzkrise, von den politischen Umstürzen in den arabischen Staaten bis zur wachsenden Verantwortung der Völkergemeinschaft für die Befriedung von Kriegen in der Welt – und die Frage, welchen Beitrag die Kirchen zur Bewältigung dieser Krisen leisten können und leisten sollen. Baum bemerkte, dass sich die Evangelische Kirche in den vergangenen Jahren oft zu diesen Problemen geäußert habe, sie sei dafür aber auch häufig kritisiert worden. Ein Argument, das auch der Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf wiederholt anführte: Die Kirche solle sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren, auf die Verkündigung. Und eines schrieb auch Gerhart Baum den Kirchen gleich zu Beginn seiner Rede ins Stammbuch: „Gesellschaftspolitik ist nicht primäres Handlungsfeld der Kirchen.“ Zum Beispiel bestehe zwischen den Kirchen und der Gesellschaft derzeit ein Konsens über den Ausstieg aus der Atomenergie. „Aber hat man auch von Kirchenseite aus ehrlich über die Konsequenzen diskutiert?“ fragte Baum, „über den Ausbau der Stromnetze, den Bau von Stauseen? Der Klimaschutz stehe nicht mehr an erster Stelle“, stellte der Redner fest.

Grundrechte können nicht relativiert werden
Baum erinnerte an Artikel 1 des Grundgesetzes, in dem die Würde des Menschen für unantastbar erklärt wird. „Wir haben hier zum ersten Mal in unserem Land eine Verfassung, die nicht der Idee der Nation folgt, sondern der Idee der Grundrechte und der Menschenwürde“, erklärte Baum. Diese Grundrechte könnten nicht relativiert werden. Trotzdem würden alltäglich die Menschenwürde verletzt. So etwa bei dem Hochsicherheitsgesetz, das Abschüsse von entführten Flugzeugen erlauben wollte und letztlich vom Bundesverfassungsgericht für nichtig erklärt wurde. „Das Gericht hat das Grundrecht auf Leben betont. Auch zur Abwehr von Gefahr darf kein Leben geopfert werden. In solchen Auseinandersetzung ist die Stimme der Kirche allerdings gefragt.“ Aus seiner eigenen aktiven Zeit als Politiker in Regierungsverantwortung erinnerte Baum auch an das Ringen um eine neue Ostpolitik, die schließlich das Ende des ‚Kalten Krieges‘ bedeutete: „Da war uns der Impuls der Kirchen mit ihrem Appell zur Versöhnung damals eine sehr wichtige Leitlinie unseres Handelns, die wir gehört und berücksichtigt haben.“

„Muslime müssen die Rechtsordnung anerkennen, nicht aber die deutsche Werteordnung“
Zugewanderte Muslime müssten die deutsche Rechtsordnung anerkennen, nicht aber die deutsche Werteordnung, so Baum weiter. Es gelte, einer latent wachsenden Ausländerfeindlichkeit entgegenzuwirken. Gerade unter Menschen mit höheren Einkommen nehme die Ausländerfeindlichkeit zu. Da müsse man nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Mordserie mit rechtsextremem Hintergrund sehr wachsam sein: „Wir müssen unsere Werte noch offensiver vertreten.“ Baum kritisierte auch die Gleichgültigkeit gegenüber der Abschiebung von Flüchtlingen. Die Schere zwischen Arm und Reich öffne sich zusehends immer weiter. „Es gibt viele Bereiche, in die Kirche sich einmischen sollte. Dort, wo Kirche sich auf fundamentale Fragen der Menschheit bezieht, überzeugt sie die Menschen“, erklärte der ehemalige Innenminister. „Wir brauchen selbstbewusste Staatsbürger auf christlicher Grundlage. Freiheit schenkt sich nicht, Menschenwürde schenkt sich nicht. Die gibt es nur, wenn man sie aktiv lebt.“
Hier der gesamte Beitrag von Gerhart Baum.

Kritische Haltung gegenüber Traditionen und Dogmen: Impuls und Erbe einer „Liberalen Theologie“
Stadtsuperintendent Rolf Domning stellte zu Beginn seiner Begrüßungsansprache und Vorstellung des Liberalen Gerhart Baum die Eingangsfrage, was wohl damit gemeint sei, wenn man von sich sage, man sei „ein liberaler Mensch“. Umgangssprachlich verstehe man darunter ein lockere Einstellung. In der Politik gelte als liberal, wer die Freiheit des Individuums betone. In der Wirtschaft betonten die Liberalen die „unsichtbare Hand des Marktes“, unter der alle zu Wohlstand kämen. Und in der Kirche? Der Theologe Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher habe im 19. Jahrhundert die „Liberale Theologie“ begründet, aber eine einheitliche Schule habe sich nicht entwickelt. „Was ,Liberale Theologie‘ jeweils bedeutet, hängt sehr von der Betrachtungsweise ab und ist auch einem ständigen Wandel unterworfen. Wenn ich trotzdem eine Definition abgeben müsste, dann diese: Die ,Liberale Theologie‘ zeichnet sich aus durch eine kritische Haltung gegenüber kirchlichen Traditionen und Dogmen. Diese seien ja lediglich Erklärungsversuche für die eigentliche religiöse Erfahrung eines Menschen. Wenn aber solche Traditionen und dogmatische Glaubenssätze von den Menschen nicht mehr verstanden würden, dann würden sie nutzlos und seien nur noch unverständlicher Ballast“, so der Stadtsuperintendent. Einer der Hauptvorwürfe gegen die ‚Liberale Theologie‘ laute, sich zu stark an den Zeitgeist anzupassen. Indem man alle in Frage stellen dürfe, werde die Substanz des christlichen Glaubens aufgegeben. Übrig bleibe ein beliebiges, harmloses Christentum, eine Art Humanismus mit „christlichem Anstrich“.

Domning: „Glaube und Verkündigung müssen beständig erneuert werden.“
Für die aktuelle Situation stellte Domning fest: „Es kann derzeit keine Rede davon sein, dass die protestantische Freiheit – auf jeden Fall im Rheinland und vor allem in Köln – von zuviel Dogmatismus bedroht wäre.“ Viele Gemeinden bemühten sich, nicht den Anschluss zu verlieren an die moderne Kultur und Gesellschaft. Der christliche Glaube müsse so formuliert werden, dass er verständlich bleibe unter den Bedingungen der Gegenwart. „Gleichwohl bleibt die Frage, wie angepasst Kirche und Verkündigung heute sein dürfen oder sein müssen.“ Die Kirche müsse ständig erneuert werden, so lautete ein Anliegen der Reformation. „Doch wohin soll reformiert werden? „So pluralistisch unsere Gesellschaft heute verfasst ist, so vielfältig sind offenbar auch die Erwartungen, die uns als Kirche entgegengebracht werden. Hinzu kommen die sogenannten Sachzwänge, die allein schon manche Strukturanpassung erfordern werden“, so Domning und weiter: „Dass andere Großorganisationen – Gewerkschaften, Parteien, Wohlfahrtsverbände – mit ähnlich komplexen Forderungen konfrontiert sind, ist nicht unbedingt ein Trost, verweist aber auch eine ähnliche Problemstellung.“

Roters fordert und würdigt Engagement einer liberalen Stadtgesellschaft gegen die aktuellen Nazi-Umtriebe
Oberbürgermeister Jürgen Roters erinnerte in seinem Grußwort an die „sehr intensive Diskussion im Rat“ über den rechtsradikalen Terror und den Anschlag auf der Keupstraße in Mülheim. Der Rat habe im Konsens seine Abscheu zum Ausdruck gebracht. „Die Stadtgesellschaft muss zusammenstehen, wenn sie gefordert ist.“ Das gelte auch für die Lösung der Probleme, die in den kommenden Jahren anstünden. Man müsse Antworten finden auf die Frage, was sich die Kommune noch leisten könne. Es würde zu herben Einschnitten kommen. „Das wird keine Schönwetterveranstaltung. Da müssen wir neue Leitlinien zusammenführen. Und das schafft nur eine pluralistische, liberale Gesellschaft.“

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann