Die Historie der Protestanten im rechtsrheinischen Köln
Dietrich Grütjen führt über den evangelischen Friedhof in Köln-Mülheim, das älteste sichtbare Zeugnis der Protestanten im rechtsrheinischen Köln

Die Historie der Protestanten im rechtsrheinischen Köln

Mehr evangelische Kirchengeschichte als in Köln-Mülheim geht im Rheinland eigentlich nicht. Und so war es nur folgerichtig, dass der „Verein für rheinische Kirchengeschichte“ Mülheim als Ort auswählte, um tief einzutauchen in die Historie der Evangelischen im rechtsrheinischen Köln. Das Motto des historischen Streifzugs: „Von der Schönen Freiheit zur Rubble Church“.

„Alles hat seine Zeit“, stellte der Mülheimer Pfarrer Johannes Vorländer seine Andacht unter ein Bibelwort. Er erzählte von der Luthernotkirche der Mülheimer Gemeinde, die von der Jugendkirche „geistreich“ genutzt wird. Die Jugendlichen haben den Kirchraum nach ihren Vorstellungen umgestaltet. „Das gefällt vielleicht nicht jedem. Aber alles hat eben seine Zeit“, erklärte Vorländer. Weiter ging es mit Pfarrer i.R. Dietrich Grütjen zur zweiten Station, zum evangelischen Friedhof  in Mülheim. Der ehemalige Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim am Rhein ist ein profunder Kenner der Gemeindegeschichte. Eingerichtet wurde der Friedhof 1610 „mitten auf der grünen Wiese“, berichtete er. Denn dank der Privilegien, die Graf Adolf V. von Berg den Mülheimern zugestanden hatte, konnten sich Protestanten dort unbehelligt ansiedeln. Ihren ersten Gottesdienst feierten sie 1610. Schulen und Kirchen wurden gebaut.

„Wer kennt den Vogel auf dem Grabstein?“
Die Führung über den Friedhof startete beim zweitältesten Grabstein. Er stammt von 1622 und erinnert an die „dugendsame Fraw Berber Schwarz gnant Newkirchen“. In diesem fünften Jahr des Dreißigjährigen Kriegs kamen spanische Truppen nach Mülheim und gingen grausam mit der Bevölkerung um. Auf Intervention des Kölner Rates wurden die neuen Befestigungsanlagen geschleift, die evangelischen Einrichtungen zerstört. „Wer kennt den Vogel auf diesem Grabstein?“, fragte Grütjen beim Grabmal der Familie Richters. Schweigen in der Runde. „Jugendliche erkennen ihn sofort“, fuhr Grütjen fort. „Die haben nämlich Harry Potter gelesen. Das ist der Phönix, der alle 500 Jahre sich selbst verbrennt und dann aus der Asche aufsteigt. Auf diesem Grabstein wird die Auferstehung Jesu Christi illustriert. Auch wir gehen nach dem Tod auf eine Verwandlung in die ,Herrlichkeit‘ zu.“

Familie Andreae siedelte sich an
Der historische Streifzug führte weiter zur Grabstätte der protestantischen Familie Andreae, die 1714 wegen Repressionen durch den Stadtrat Köln verließ und sich außerhalb in Mülheim ansiedelte. Die Familie, die in großem Stil Samt und Seide produzierte, war über Jahrhunderte prägend für die protestantische Gemeinde. Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts standen die Firmengebäude an der Windmühlenstraße. „Christoph Andreae der Jüngere war ein lutherischer Pietist. Und ein echter Patriarch“, beschrieb Grütjen den Fabrikanten, der die Produktion enorm ausweitete und 1500 Samtweber in Mülheim beschäftigte.

„Kein Protestant kann selig werden“
1837 erfolgte der Zusammenschluss der lutherischen mit der reformierten Gemeinde in Mülheim. Daran erinnerte Grütjen vor den Grabsteinen der Pfarrer Johann Gustav Burgmann und Dr. Johann Wilhelm Reche. Reche war der Nachfolger von Burgmann. Beide unterschieden sich wesentlich voneinander: Burgmann war geprägt von pietistischer Frömmigkeit. Er stand im Mittelpunkt eines erbitterten Konfessionsstreits. Ein Jesuitenpater hatte während einer Predigt bei der Mülheimer Gottestracht erklärt „Kein Protestant kann selig werden“. Nachfolger Reche war ein Anhänger der Aufklärung. Jesus Christus war für ihn der Lehrer einer aufgeklärten Religion, die die moralische Entwicklung des Menschen zum Ziel hatte. Reche verfasste 72 Lieder, die er in einem „neuen“ Gesangbuch vorstellte, das radikal mit den Traditionen brach. „Ein feste Burg“ etwa kam nicht mehr vor.

Die Evangelischen in Mülheim stimmten ab, ob sie das Gesangbuch wollten. Es gab eine Spalte mit Ja-Stimmen und eine mit Nein-Stimmen. „Als Christoph Andreae mit Ja gestimmt hatte, hat sich niemand mehr unter Nein eingetragen“, beschrieb Grütjen den Geist jener Jahre zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das Andreae-Haus an der Gustav-Adolf-Straße erinnert an die Stifter. Darin befinden sich Büros der Diakonie und ein Gemeindesaal, in dem heute noch Gottesdienste gefeiert werden.

Er wollte nicht flüchten
Eine Tafel auf dem Friedhof erinnert an Moritz Weißenstein, der 1944 im sogenannten „Judenlager“ in Köln Müngersdorf starb. Weißenstein wurde in Wien als Sohn jüdischer Kaufleute geboren, konvertierte und übernahm 1925 als Diakon die „Judenmission“ im „Westdeutschen Verein für Israel“ an der Moltkestraße 80. Er kümmerte sich um Juden, die zum Christentum konvertierten. 1935 wurde der Verein von der Gestapo aufgelöst. Weißenstein lehnte eine Flucht ab und konnte den bedrängten Juden weiterhin Räume an der Moltkestraße zur Verfügung stellen. Schließlich wurde er verhaftet und starb während der Internierung. In der nazifizierten Kölner Kirche war niemand bereit, Weißenstein zu beerdigen. Pfarrer Wilhelm Heynen aus Mülheim, dessen Gemeinde sich zur Bekennenden Kirche bekannt hat, übernahm die Beisetzung. Seit 1987 erinnert in Mülheim eine Gedenkplatte an den Diakon.

Spende amerikanischer Lutheraner
Nach der Friedhofsführung besichtigte die Gruppe die Luthernotkirche, die nach dem Zweiten Weltkrieg dank einer Spende amerikanischer Lutheraner gebaut werden konnte. Die Mülheimer Gemeindeglieder verbauten damals die Trümmersteine der zerbombten Lutherkirche in der Notkirche. Nach der Mittagspause stellte Kantor Christoph Spering die Woehl-Orgel in der Friedenskirche mit einigen beeindruckenden musikalischen Kostproben vor. Pfarrer i.R. Hartmut Schloemann stellte die Homepage der Gemeinde vor. Der Tag klang aus mit der Betrachtung von Schautafeln, auf denen Archivalien der Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim am Rhein dargestellt wurden.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann