Dr. Felix Klein und Stadtsuperintendent Rolf Domning beim Jahresempfang im Haus der Evangelischen Kirche in Köln



„Der Kampf gegen Antisemitismus als Lackmustest für unsere Gesellschaft“ – Jahresempfang des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region

Rund 200 Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher gesellschaftlicher Gruppen hat  Stadtsuperintendent Rolf Domning zum Jahresempfang des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region in der bis auf den letzten Platz besetzten Kartäuserkirche am Montagabend begrüßt. Namentlich nannte er den Kölner Stadtdechanten Monsignore Robert Kleine und Monsignore Achim Brennecke, Kreisdechant im Rhein-Erft-Kreis, Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorstand der Kölner Synagogen-Gemeinde, die Bundestagsabgeordneten Professor Dr. Heribert Hirte (CDU), Karsten Möring (CDU), Dr. Hermann-Josef Tebroke (CDU), die Landtagsabgeordneten Andreas Kossiski (SPD), Oliver Kehrl (CDU) und Bernd Petelkau (CDU) sowie zahlreiche Kölner Ratsmitglieder, Bernhard Ripp, stellvertretender Landrat im Rhein-Erft-Kreis, Ulrike Lubeck, Dezernentin im Landschaftsverband Rheinland, Dr. Felix Klein aus Berlin und Susanne Beuth, Vorsitzende des Arbeitskreises Christlicher Kirchen in Köln.

Hauptredner des Abends war Dr. Felix Klein, seit Mai 2018 Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. Er referierte zum Thema „Der Kampf gegen Antisemitismus als Lackmustest für unsere Gesellschaft“. Domning erinnerte in seinen Begrüßungsworten an den Angriff auf zwei Kippa-Träger am Prenzlauer Berg, die „Echo“-Verleihung an die Rapper Kollegah und Farid Bang, deren Texte antisemitisch geprägt seien, und an den Mord an einer französischen Holocaust-Überlebenden. Zahlen aus dem Bundesinnenministerium zeigten, dass die Zahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland steigt. „Antisemitismus wird heute oft verpackt mit Humor oder mit dem Hinweis ‚Man wird ja wohl noch sagen dürfen‘. Manchmal tarnt sich der Antisemitismus auch als Israelkritik. Aber wo endet die Kritik an Israel, und wo beginnt der Antisemitismus?“, fragte der Stadtsuperintendent. Auch die evangelische Kirche dürfe da nicht an Selbstkritik sparen.  Die Täter der NS-Zeit würden in absehbarer Zeit gestorben sein, Generationen nach ihnen würden fragen „Was geht uns das noch an?“ „Das ist eine Herausforderung. Beim Thema Antisemitismus ist viel mehr Sensibilität vonnöten. Wir müssen den Jüdinnen und Juden mit einem beherzten ‚Nein‘ zur Seite stehen, wenn sie bedrängt werden“, schloss Domning.

Der Kölner Bürgermeister Hans-Werner Bartsch richtete ein Grußwort an die Gäste des Jahresempfangs. „Antisemitismus hat in Deutschland und auch in Köln viele Gesichter. Er ist auf der politischen Bühne zu Hause, manchmal getarnt als Israel-Kritik oder als Eintreten für die Menschenrechte ausschließlich der Palästinenser.  Kritik an der Politik der israelischen Regierung wird vermischt mit den Stereotypen der gemeinen Judenfeinde oder der Wortwahl des Dritten Reiches. Eine Rhetorik, die eigentlich längst vergessen war. Der Antisemitismus speist sich manchmal aus Gedankenlosigkeit genauso wie aus blankem Hass“, sagte Bartsch in Vertretung der Oberbürgermeisterin. Er appellierte, die christlichen Werte wie Glaube, Hoffnung, Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit wieder in den Blick zu nehmen. „Denn jeder, der seinen  Nächsten so liebt wie sich selbst, wird sicherlich von jeder Art der Diffamierung absehen.“

Dr. Felix Klein bei seinem Vortrag in der Kölner Kartäuserkirche

Dr. Klein erinnerte zu Beginn seines Vortrags an die fast 1700-jährige Geschichte der Juden in Köln. 321 nach Christus habe Kaiser Konstantin ein Dekret erlassen, nach dem Juden in den Stadtrat berufen werden durften. Danach richtete er den Fokus auf den aktuellen Antisemitismus in der Gesellschaft: „Die Angriffe auf Schüler, Passanten oder jüdische Einrichtungen wie jüngst in Chemnitz machen mir große Sorge. Jüdische Menschen fühlen sich zunehmend wieder bedroht, während 80 Prozent der nichtjüdischen  Deutschen meinen, das Thema sei nicht so wichtig. Dabei hat etwa ein Fünftel unserer Bevölkerung  judenfeindliche Einstellungen, quer durch alle Schichten, Religionen und Gruppen.“ Antisemitismus äußere sich in Deutschland in zwei Hauptformen: Die Abwehr der Erinnerung an den Holocaust und bezogen auf Israel. Zurzeit gebe es kein zuverlässiges System zur Erfassung antisemitischer Vorfälle. Dr. Klein will deshalb ein bundesweites dezentrales Meldesystem für diese Vorfälle einrichten, um eine verlässliche Datenlage zu schaffen. Hemmungen, Vorfälle zu melden, sollen abgebaut werden. „Wenn, wie kürzlich in Wuppertal, ein Brandanschlag auf eine Synagoge nicht als antisemitisch gilt, weil er mit dem Nahostkonflikt ‚erklärt‘ wird, dann ist das Ausdruck eines größeren Problems, was die Wahrnehmung und Beurteilung von Antisemitismus angeht.“ Antisemitismus sei eine Bedrohung für die gesamte Gesellschaft, weil damit auch anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit die Tür geöffnet werde. Darüber hinaus gehe Antisemitismus in den meisten Fällen einher mit einem antimodernistischen und antidemokratischen Weltbild. Die Leipziger Autoritarismus-Studie habe gezeigt: „Ein Drittel der Deutschen ist offen ausländerfeindlich, im Osten Deutschlands sogar fast die Hälfte. Und dabei wird eher selten nach der Staatsbürgerschaft gefragt. Nein, feindselig, aggressiv und ausgrenzend ist man denen gegenüber, die man als anders wahrnimmt und deshalb abwertet.“

Dr. Klein rief auf zu mehr Wachsamkeit und mehr Zivilcourage angesichts der Angriffe auf die offene, tolerante und menschliche Gesellschaft. Die Rolle der Erinnerungskultur nannte er in diesem Zusammenhang „immens“. „Alle, die in Deutschland leben, tragen eine  Verantwortung dafür, die Vergangenheit dieses Landes wach und die Erinnerung an den Holocaust und die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft lebendig zu halten. Das hängt nicht davon ab, wo genau die Großeltern im Nationalsozialismus waren, sondern allein davon, wie wir gemeinsam dieses Land gestalten wollen.“ Eine überwältigende Mehrheit der Deutschen halte Umfragen zufolge ihre Vorfahren für Opfer des Nationalsozialismus oder gar für Widerständler. „Das ist psychologisch zwar verständlich. Eine solche verzerrte Sicht wird der geschichtlichen Realität aber nicht gerecht. Schlimmer noch, sie verhindert, dass wir wirklich aus der Geschichte lernen können.“ Es habe eben viel mehr Täter gegeben, als viele heute wahrhaben wollten. Aber es gehe heute nicht mehr in erster Linie um die Frage, wer Schuld auf sich geladen habe. „Lebendige Erinnerungskultur wird stattdessen von Menschen getragen, die Verantwortung übernehmen: Verantwortung für ihre eigene, heutige Gesellschaft mit deren Vergangenheit.“

Antisemitismus sei auch heute noch in christlichen Milieus anzutreffen. Es gehe um Einzelpersonen und Gruppen, die häufig sogar aus gutem Willen antisemitisch sprächen, schrieben und handelten. Das betreffe so genannte „Palästina-freundliche“ Initiativen. Israel sei der einzige demokratische Staat im Nahen Osten, der den Minderheiten wie Drusen, muslimischen und christlichen Arabern die gleichen Rechte einräume wie den Juden. Zum Existenzrecht Israels gehöre es auch, sich zu verteidigen. „Was würden wir wohl tun, wenn hier täglich Hunderte Raketen einschlügen und unsere Kinder damit aufwachsen müssten, sich täglich in Bunkern verstecken zu müssen? Aus unserer deutschen, seit über 70 Jahren befriedeten Lage heraus über Israelis und Palästinenser urteilen zu wollen, zeugt von Hybris, und leider oft von antisemitischen Einstellungen.“ Auch Dr. Klein richtete einen Appell an die Gäste des Jahresempfangs: „Stehen Sie auf, wenn jemand antisemitisch beleidigt wird, erheben Sie Einspruch, wenn er oder sie als Jude oder Jüdin attackiert wird – oder als Israeli. Wir brauchen Wachsamkeit und Zivilcourage auf allen Ebenen.“ Viel Gesprächsstoff für den anschließenden Empfang im Haus der Evangelischen Kirche, zu dem Stadtsuperintendent Domning herzlich einlud.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann