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„Das Recht, die Menschenrechte zu verteidigen“, forderte Liliana Uribe für die „Corporación Juridica Libertad“ bei Verleihung der Georg-Fritze-Gedächtnisgabe 2010

„Ich bin sehr bewegt“ waren die ersten Worte von Liliana Uribe in der evangelischzen Lutherkirche der Kölner Südstadt, nachdem sie stellvertretend für die kolumbianische Menschenrechtsorganisation „Corporación Juridica Libertad“ die Pfarrer-Georg-Fritze-Gedächtnisgabe aus den Händen von Superintendent Rolf Domning entgegen genommen hatte.

10.000 Euro an kolumbianisches Anwaltskollektiv
Im November des vergangenen Jahres hatte die Synode des Evangelischen Kirchenkreises Köln-Mitte beschlossen, den mit 10.000 Euro dotierten Preis an das kolumbianische Anwaltskollektiv zu vergeben, dessen Mitglieder vor allem dadurch Aufmerksamkeit erlangten und erlangen, dass sie „extralegale“ Hinrichtungen dokumentierten und auch vor internationalen Gerichten anprangerten. Dafür werden sie in dem südamerikanischen Land nun selbst anonym mit Morddrohungen verfolgt.

Der Würde zu ihrem Recht verhelfen
„Die Geschichte der Menschenrechtsverteidiger und -verteidigerinnen geht Hand in Hand mit der Geschichte der Barbarei“, sagte Liliana Uribe, die sich intensiv mit der Person Georg Fritze auseinandergesetzt hat, nachdem sie von der Preisvergabe erfahren hatte: „Ich habe versucht zu verstehen, was die Georg-Fritze-Gedächtnisgabe bedeutet. Ich habe im Internet recherchiert und mit Freunden gesprochen. Er war ein Mann, der bereit war, das Leben zu verteidigen und der Würde zu ihrem Recht zu verhelfen. In dieser Tradition steht auch die Corporación Juridica Libertad“. Die Dankesrede zum Nachlesen hier.

Beispiellose Armut und beispiellose Dekadenz
Die Journalistin Gisela Marx hielt die Laudatio und beschrieb die Arbeit der Juristen und Juristinnen in dem südamerikanischen Terrorstaat. „Kolumbien ist das Land mit der höchsten Kriminalitätsrate weltweit. Auf der einen Seite gibt es beispiellose Armut, auf der anderen Seite beispiellose Dekadenz. Aber es gibt dagegen keinen lautstarken Protest. Die Katastrophe wird erlebt als Stummfilm.“ Hoffnung gäben nur die Menschenrechtsorganisationen, Menschen wie Liliana Uribe, die letzte Hoffnung auf Wahrheit und Gerechtigkeit. „Diese Gruppe will zeigen, dass unterdrücktes Leben nicht die einzige Lebensform ist“, so Marx: „Wir im Westen müssen die Arbeit von ,Corporación Juridica Libertad‘ und anderen wahrnehmen und unseren Regierenden eine neue Agenda in die Blöcke diktieren. Der Umgang unserer Politiker mit dem kolumbianischen Präsidenten muss sich ändern.“
Die ganze Laudatio von Marx zum Nachlesen hier.

„Mitunter tödliche Arbeit“ seit 1992
„Wir setzen uns ein, weil andere uns gezeigt haben, dass man sich für das Leben einsetzen kann“, sagte Uribe. Sie ist eine der Mitbegründerinnen der 1992 ins Leben gerufenen „Corporación Juridica Libertad“, die hauptsächlich in der Provinz Antiochia arbeitet und dort vor allem Landarbeiter vertritt. „Wir vertreten das universelle Ziel der Menschenrechte, der Achtung vor der Würde des Lebens.“ Diese Arbeit sei gefährlich und mitunter tödlich. Hunderte von Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidigern seien schon getötet worden: „Wir werden stigmatisiert, bedroht und festgenommen. manche werden gezwungen, ins Exil zu gehen. Der Geheimdienst hört unsere Telefongespräche ab und liest unsere E-Mails. Unser Einsatz für die Menschenrechte wird in Verbindung gebracht mit Terrorismus und aufständischen Gruppen.“ Einige Mitglieder der „Corporación Juridica Libertad“ hätten erst kürzlich Morddrohungen erhalten. Die Verleihung der Georg-Fritze-Gedächtsnisgabe sei wichtig, weil die „corporación“ eine neue Kampagne gestartet habe: „Dabei geht es um das Recht, die Menschenrechte zu verteidigen. Dabei geht es um bürgerliche, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte.“

Domning forderte „Kultur des Erinnerns“
Zu Beginn hatte Superintendent Rolf Domning die Gäste begrüßt. Er forderte eine „Kultur des Erinnerns“, die gerade angesichts der weiter existierenden Neo-Nazi-Szene weiterhin wichtig sei. Der Superintendent von Köln-Mitte – der gleichzeitig auch Stadtsuperintendent ist – erinnerte an die „spannende Diskussion“ in der Herbstsynode seines Kirchenkreises, an deren Ende aber der einmütige Beschluss gestanden habe, die „Corporación Juridica Libertad“ auszuzeichnen. Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes, die wenige Stunden zuvor noch in Wolgograd gewesen war, hatte es sich trotz „leichter Übermüdung“ nicht nehmen lassen, den Termin in der Lutherkirche wahrzunehmen. Sie würdigte Pfarrer Fritze als „Kämpfer gegen das Unrecht und die Verblendung durch die nationalsozialistische Ideologie“. Fritze war 1938 von der Evangelischen Gemeinde Köln aus dem Pfarrdienst entlassen worden, weil er sich geweigert hatte, einen Treue-Eid auf Adolf Hitler zu leisten. Anfang 1939 war der „rote Pfarrer von Köln“ gestorben. Erst 1980 wurde Fritze vom Presbyterium dieser Gemeinde rehabilitiert.

„Wir brauchen Deutschland als Vermittler“
Hans Mörtter, Pfarrer an der Lutherkirche, kennt Kolumbien zeimlich gut. Er erinnerte sich an eine Begebenheiten während eines Aufenthaltes dort. „Ich wurde eingeladen ins Auswärtige Amt der kolumbianischen Regierung. Dort traf ich auf die Beauftragte für den Dialog mit den Rebellen. Die sagte mir, dass Deutschland für Kolumbien ein wichtiger Partner sei. Auch wegen der Geschichte.“ Alexander von Humboldt, den großen Naturforscher, der Südamerika bereist habe, kenne in Kolumbien im Vergleich zu Deutschland jedes Kind. „Wir brauchen Deutschland als Vermittler. Wir werden Deutschland aber nicht darum bitten. Das ist unter unserer Würde“, hat Mörtter dort gehört. Als der Pfarrer deutschen Politikern von dieser Unterredung berichtete, habe man geantwortet: „Das können wir als deutsche Politiker nichts machen. Da müssen wir uns in der Europäischen Union abstimmen.“

Stichwort: Georg Fritze-Gabe
Seit 1981 verleiht der Evangelische Kirchenkreis Köln-Mitte im Gedenken an Pfarrer Georg Fritze alle zwei Jahre einen Ehrenpreis an Menschen und Organisationen, die sich dem Kampf gegen Diktatur und Gewalt und der Unterstützung der Opfer von Gewalt verschrieben haben.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Rahmann