Das Kölner N.N.-Theater begeisterte mit dem Luther-Stück



Das Kölner N.N.-Theater begeisterte mit dem Luther-Stück

Kaum zu glauben, dass auf der Bühne in der evangelischen Kartäuserkirche nur zwei Schauspielerinnen, Aisha-Lina Löbbert und Irene Schwarz, und drei Schauspieler, Michl Torbecke, Oliver Schnelker und Bernd Kaftan, zu sehen sind, es aber 35 Figuren gibt. Mit blitzschnellem Einsatz von wenigen Requisiten verwandeln sich die Akteure vom gebückt schleichenden Satan zum trippelnden Kleinkind, von der obrigkeitshörigen Nonne zum mächtigen Papst. Irene Schwarz bewältigt gleich 14 verschiedene Charaktere, gefolgt von Michl Thorbecke mit zehn.

Die säulenartigen Bühnenelemente sehen schwer aus, sind aber mit Stoff bespannte Leichtgewichte, die wahlweise zur Kutsche werden oder der zierlichen Aisha-Lina Löbbert die nötige Leibesfülle als gefräßigen Papst verleihen. Der lässt es sich mit dem Geld aus dem Ablasshandel sichtlich gut gehen. „Die Kassen sind leer, aber wir haben die Angst“, grunzt dieser unsympathische Charakter mit zwei Leckerbissen zwischen den Zähnen und auch noch „Vatikan first“. Als Musical-Ballett kommen mittelalterliche Instruktionen zum Geldmachen daher: „Jeder Tölpel versteht: Fugger machen Geld“, lautet der Refrain des Songs. Da darf dann auf der Bühne auch mal deftig geflucht werden: „Verdammte Furzpipischeiße“. Luther macht seiner Wut Luft: „Dieser Papst ist eine antichristliche Sau in einer Tiara.“

Witz und Humor in der Aufführung
Luthers Thesen kommen mittels eines Anarcho-Sprayers auf die Bühne, die Figur des Malers Cranach erinnert an Heidi Klum. Thomas Müntzer fordert die Abschaffung der Leibeigenschaft in einer reformatorischen Talkshow, Nonnen im Kloster fegen in einer eigenen Choreographie über die Bühne. Mit diesen Gags schafft es das N.N.-Theater immer wieder, Witz und Humor in die Aufführung zu bringen und eine Brücke von den historischen Ereignissen in die heutige Zeit zu schlagen. Engelsgleich schwebt Irene Schwarz in einem weißen Kostüm auf einem Hoverboard über die Bühne: Ein toller Effekt! Als Figur der Botin, welche die Zeit repräsentiert, ist sie die Klammer im Stück. Sie erklärt dem Publikum historische Zusammenhänge und fordert seine Aufmerksamkeit mit philosophischen Sprüchen aus den „Confessiones“ von Augustinus: „Ihr seid die Zeit und seid ihr gut, sind auch die Zeiten gut.“

Ein ambivalenter Luther
Für seine Rolle als Luther hat sich Oliver Schnelker intensiv mit dem Menschen Luther in seiner ganzen Ambivalenz befasst und ihn als zornigen Sterblichen dargestellt, der für seine Überzeugungen eintrat, leidenschaftlich für sie kämpfte, aber auch seine Schattenseiten hatte – zum Beispiel den Judenhass. Den erklärt sich Schnelker aus der Tatsache, dass Luther ein halbes Leben versucht habe, Überzeugungsarbeit zu leisten: Christus sei der Messias. Er will Luther als Mensch zeigen und „vor all dem Historischen und den Interpretationen zurücktreten, sodass man sich selbst ein Stück weit wiedererkennt“.

Eine starke Käthe
Aisha-Lina Löbbert gibt der Figur der Katharina von Bora einen ganz eigenen Charakter. Ob sie nun so stark war, wie sie immer beschrieben wird, konnte sie für sich gar nicht abschließend beantworten. Während der Proben wurde Löbbert klar, dass sie die Katharina anders spielen wollte und „da haben wir uns dann lieber für einen Kontrapunkt zu Luther entschieden, als für die historische Katharina“. Ihrer Katharina geht der Luther zugesprochene Spruch „Ich fürchte nichts!“ mehrmals überzeugend über die Lippen. Sie hat ein großes Herz, packt zu, ist handfest und weiß, was sie will. Sie wird nicht von Zweifeln geplagt und steht ihrem Gatten in allem treu zur Seite.

Ein Satan als „Alter Ego“
Der Satan wird im Stück von Michl Thorbecke gespielt und ist quasi das „Alter Ego“ von Martin Luther. Er triezt und verfolgt ihn und verhöhnt ihn mit den Worten: „Du hast dein geliebtes Deutschland und die ganze Welt in Glaubenskriege gestürzt, deine Bibel hat sie nicht gerettet, Martin!“ So ist er kein personifizierter, eigenständiger Satan, sondern ein Teil von Luther. „Am Ende stirbt er mit Luther, das würde der Satan im christlichen Sinne nicht tun.“

Ein Projektchor extra für die Aufführung
„Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes. Sie vertreibt den Teufel und macht den Menschen fröhlich.“ Dieser Ausspruch von Martin Luther bekam im Theaterstück noch eine ganz besondere Bedeutung. Es gab für die Kirchenchöre der Gemeinden das Angebot, musikalisch und als Statisten in der Aufführung mitzuwirken. Dazu gehörten Proben und die Bereitschaft, sich auf die Stücke des Musikers und Ensemblemitglieds Bernd Kaftan einzulassen. Der machte zum Beispiel aus einer Choralvorlage von Claudio Monteverdi ein dissonantes Stück, das gleich zu Anfang „einen gebrochenen Blick auf die Ereignisse und Personen ankündigen sollte“.

Das alles war kein Problem für den Projektchor 1102017, den Kantor Thomas Frerichs extra für die Luther-Inszenierung gründet hatte. Der Chor meisterte auch die weiteren sechs anspruchsvollen Stücke und konnte sich zum Schluss mit dem Gospel „Packing up“ noch einmal so richtig austoben.

Luft nach oben
Für Matthias Bonhöffer, Pfarrer in der Kartäuserkirche, der selbst ein großer Theaterfreund ist, war es keine große Frage, das Lutherstück des N.N.-Theaters auch in die Kartäuserkirche zu holen. Ihm gefällt, dass auch die kritischen Seiten Luthers nicht verschwiegen werden. Da wäre für ihn sogar noch „Luft nach oben“ gewesen, sagte er nach der Aufführung. Kurz, aber intensiv, wird im Stück Luthers Judenhass mit einem Besuch von Rabbi Feuerbach aufgegriffen. Sehr gelungen fand Bonhoeffer auch, dass die Figur der Katharina von Bora im Stück gleichberechtigt dargestellt wurde.

Wie war Luther als Mensch?
Als Grundfrage schälte sich aber heraus: „Wie war Luther als Mensch – als Reformator und in seinem sozialen Umfeld?“ Was folgte, war eine intensive Auseinandersetzung mit den historischen Zuständen und den agierenden Figuren. Wir haben bei dieser Produktion länger als sonst diskutiert, aber es geht am Ende doch immer alles gut übers Proben“, erklärt Schauspieler Michl Thorbecke den Findungsprozess. Herausgekommen ist eine berührende, mitreißende, tiefgründige und trotzdem witzige und humorvolle zweistündige Inszenierung, in der zu keiner Zeit Langweile aufkam.

Nachwirkungen und Ausblick
Auch bei den Künstlern des N.N.-Theaters hat die Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen zur Zeit der Reformation zum Nachdenken angeregt. Irene Schwarz fragt sich zum Beispiel, wie es jemandem wie Martin Luther geht, der für seine großen Ideale kämpft, aber nicht jung stirbt und als Märtyrer endet, sondern sich als älterer Mann den Realitäten stellen muss: „Gehe ich jetzt mit den Fürsten? Eigentlich will ich nur, dass die Bauern nicht auf dem Schlachtfeld umkommen, aber plötzlich bin ich auf der anderen Seite. Und das ist für mich eine Fragestellung, mit der ich mich weiter beschäftigen werde.“

„Ich fürchte nichts!“
Die Evangelische Kirche im Rheinland hatte das Reformationsstück anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 in Auftrag gegeben. Mitte Februar war die Premiere in Düsseldorf, dazwischen lagen bisher mehr als 40 Aufführungen quer durch das Gebiet der rheinischen Kirche und darüber hinaus. Gespielt wurde auf Marktplätzen, in Parks oder Gemeindehäusern – und eben auch in Kirchen.

Kirche als Theaterbühne
Die Kartäuserkirche stellte mit ihren baulichen Gegebenheiten und der Akustik besondere Anforderungen an das N.N.-Team, schließlich machen sie alles selbst. Aber sie verstehen sich ja als Volkstheater und sind es gewohnt, an unterschiedlichen Orten zu spielen. Kirchen hätten ja auch immer etwas ganz Besonderes, Theatrales und Mystisches, so Ensemblemitglied Irene Schwarz. „Uns hat es auch sehr viel Spaß gemacht, eine evangelische Kirche gleich in der ersten Szene mit Weihrauch einzuräuchern.“

Lutherstück als Auftragsarbeit
Das Kölner Theater ist dafür bekannt, klassische Theaterstücke auf die Bühne zu bringen. Die traditionellen Vorlagen gehen dabei durch die „typische N.N.-Mühle“, wie Irene Schwarz es nennt. Das bedeutet, die historischen Vorlagen werden intensiv diskutiert und mit der typischen Mischung aus Respekt, Biss, Humor, Slapstick und Musik auf die Bühne gebracht. Schließlich soll es alle bereichern und Spaß bereiten – den Schauspielern wie den Zuschauern. Das Lutherstück als Auftragsarbeit forderte das Ensemble ganz besonders heraus. Seitens der Rheinischen Kirche gab es keine Vorschriften und der hauseigene Theaterautor George Isherwood hatte eine Art Urfassung geschrieben, nachdem das ganze Ensemble Recherche-Reisen nach Augsburg und Eisenach unternommen hatte.

Botschafter Kölns
Das N.N.-Theater versteht sich als Volkstheater und bekam im Dezember 2012 den Kölner Ehrentheaterpreis. „Als Botschafter Kölns trägt das N.N.-Theater seit einem Vierteljahrhundert sein Theater in die Welt, das immer am Puls der Zeit ist. Seine besondere Kunst besteht darin, klassische literarische Vorlagen volksnah und mit Witz auf die Bühne zu bringen. Dadurch gelingt es dem N.N.-Theater auch, breite Bevölkerungsschichten für das Theater zu begeistern“, heißt es in der Begründung der Jury.

Letzte Aufführungen in der Lutherkirche
Mit dem Luther-Stück ist das Ensemble noch mehrere Mal unterwegs, die letzte Vorstellung ist am 9. November 2017 in der Lutherkirche in Köln-Nippes. Für die letzten Vorstellungen wünscht sich Aisha Löbbert, „dass da einfach noch dieser Spaß drinbleibt und diese Wachheit für vielleicht kleine Ideen, die jemand anderes plötzlich mit auf die Bühne bringt, denn das ist klasse und macht einfach Laune.“ Autor George Isherwood hofft, dass das Stück dazu beiträgt, „dass sich Menschen wieder mit Luther beschäftigen und ihn in einem neuen Licht betrachten. Wir sollten erkennen, dass auch die Frauen ein Teil der Reformation waren, und das womöglich Wichtigste überhaupt: Wir sollten uns vor Augen führen, dass die Reformation, die Luther angestoßen hat, noch nicht beendet ist.“

Text: Jutta Hölscher
Foto(s): Jutta Hölscher