Abraham Lehrer in der Melanchthon-Akademie



„Bewährte Verfassung oder Verfassung in Bewährung?“ – Abraham Lehrer über das Grundgesetz in Deutschland

Das Attentat in Hanau, die Regierungskrise in Thüringen und weitere aktuelle Geschehnisse beunruhigen viele Menschen – sicherlich ganz zu Recht. Anlass genug, sich einmal über das Grundgesetz zu unterhalten, denn dieses hat Deutschland über 70 Jahre lang ein festes Fundament gegeben.

Das Grundgesetz

Hält dieses Fundament weiter oder muss etwas geändert werden – über diese Fragestellung sprach Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, in einer Veranstaltung in der Melanchthon-Akademie. Der Abend fand in Kooperation mit dem Friedensbildungswerk Köln und Kölner Runder Tisch für Integration statt.

Abraham Lehrer schilderte eindringlich seinen Glauben an das Grundgesetz und sein Vertrauen in den Staat und dessen Einrichtungen. Er schilderte jedoch auch, dass schon in seiner Kindheit jüdische Einrichtungen von der Polizei geschützt werden mussten. „Inzwischen habe ich den Glauben daran verloren, dass dies eines Tages nicht mehr notwendig sein wird“, stellte er fest. Dennoch, so Lehrer, habe das Grundgesetz ihm und auch der gesamten jüdischen Gemeinschaft es ermöglicht, die eigene Religion frei auszuüben.

„Das ist mein Land”

„Ich bin sehr gläubig aufgewachsen und habe auch versucht, meinen Kindern den Glauben und das Vertrauen auf den Staat weiter zu geben – und ich denke, das ist gelungen, denn sie haben beschlossen, hier in Deutschland zu bleiben“, führte er aus. Dieser Wunsch, in Deutschland zu bleiben, sei keineswegs selbstverständlich. „Ich sage heute aus Überzeugung: Das ist mein Land“, betonte er. Andere Juden seien ausgewandert und hätten dabei auch rückblickend schon mal festgestellt, dass Deutschland eben nicht „ihr Land“ sei – dies aber ging ihm eben nicht so.

Er habe Vertrauen auch in die 75 Prozent, die nicht AfD wählen, dennoch müsse man überlegen, was falsch gelaufen ist und wie es soweit kommen konnte, dass die AfD von einer so hohen Prozentzahl Wähler angenommen wird. „Wo haben wir nicht aufgepasst?“, fragte er. Es sei schwierig, die einstigen Schrecken der Kriegszeiten der heutigen Generation zu vermitteln.

„Das Grundgesetz wird immer wichtiger”

„In meiner eigenen Lebens- und Arbeitswelt wird das Grundgesetz immer wichtiger“, stellte Roland Schüler, Geschäftsführer des Friedensbildungswerks, fest. Früher habe er sich vor allem als Kölner, als Rheinländer und als Europäer gefühlt. Wie wichtig jedoch gerade der erste Satz des Grundgesetz, „die Würde des Menschen ist unantastbar“, sei, erfahre er oft im Rahmen der Einbürgerungen, die er als stellvertretender Bezirksbürgermeister begleite.

„Aber ich habe immer mehr Probleme mit dem zweiten Absatz: „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt““, führte er weiter aus. „Woher kommt bei Ihnen das Vertrauen in die staatlichen Organe?“, fragte er Lehrer. Dieser wiederum betonte erneut, dass er immer gute Erfahrungen gemacht habe und sich dieses Vertrauen immer wieder als richtig erwiesen habe.

Flüchtlinge

Auch andere Besucher der Veranstaltung brachten Fragen und Überlegungen in die Runde ein. So war ein Gast vor Ort, der Anfang der achtziger Jahre aus Nigeria nach Deutschland eingewandert war. „Ich habe noch immer das Gefühl, dass es nach der Wende nicht gelungen ist, die beiden Systeme, die aufeinander prallten, zu einem System zu machen“, so seine Überlegung.

Lehrer fokussierte die Überlegungen dann auf die Flüchtlingswelle, die 2015 kam. Es habe schon zu früheren Zeiten immer auch rechtslastige Politiker und Parteien gegeben, doch erst in den letzten Jahren habe sich diese Politik „etablieren“ können. „Seitdem haben wir das nicht mehr im Griff“, so sein Eindruck.

Dabei sprach er zwei verschiedene Probleme an: Zum einen die Deutschen, die sich durch die Flüchtlingswelle „bedroht“ sehen. Zum anderen gebe es auch Flüchtlinge, in ihren Ländern stark antisemitistisch geprägt worden seien. „Ich denke mit Grauen daran, was passiert, wenn das erstmal ausgepackt wird“, schilderte er eine Sorge.

Die Begegnung miteinander

Gemeinsam kamen alle Beteiligten auf einen wichtigen und zentralen Punkt: Die Begegnung miteinander. „Wir versuchen wirklich jeden Termin wahrzunehmen, um dies zu ermöglichen. Aber wir sind viel zu wenige“, beschrieb Abraham Lehrer ein weiteres Problem. Man engagiere sich als jüdische Gemeinde in Schulen und biete Führungen durch die Synagoge in der Roonstraße an.

Lehrer berichtete von dem Projekt der drei großen Religionen für friedliches Zusammenleben in Deutschland: „Weißt du, wer ich bin“ ist ein gemeinsames Vorhaben der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, des Zentralrats der Juden, des Zentralrats der Muslime, der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion, des Islamrates und des Verbandes Islamischer Kulturzentren. Es sei faszinierend zu sehen, wie aufmerksam und aufnahmebereit sich die Kinder, die in diesem Rahmen erfahren, wie die Religion der „anderen“ aussieht, beobachten.

Am Ende kam die Runde noch einmal auf das Thema Grundgesetz zu sprechen: „Wir müssen vielleicht mal eine Bestandsaufnahme machen und genau hinsehen“, schlug Lehrer vor. Es gehe dabei um den Blick auf die eigenen Werte. Und wenn man dabei merke, dass diese Werte vielleicht nicht ausreichend geschützt seien, müssen man eben noch einmal genauer überlegen, ob man wirklich alles gut genug gemacht habe.

Mehr über die Arbeit der Melanchthon-Akademie finden Sie hier: www.melanchthon-akademie.de

Text: Judith Tausendfreund
Foto(s): Judith Tausendfreund