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Dr. Matthias Albers, Sophia Nagelschmidt, Torsten Krall, Arndt Klocke, Professor Dr. Thomas Klie und Achim Schmitd-Forte (v.l.)

Unterstützung für einsame Menschen: Podiumsgespräch beim Symposium des Fördervereins der Evangelischen Telefonseelsorge

„Einsamkeit in der Stadtgesellschaft – alles nur Privatsache?“ war das Symposium überschrieben, zu dem der Förderverein der Evangelischen Telefonseelsorge Köln und die Melanchthon-Akademie eingeladen hatten. Zu einem Podiumsgespräch unter dem oben genannten Titel trafen sich im Haus der Evangelischen Kirche Torsten Krall, Superintendent des Kirchenkreises Köln-Rechtsrheinisch, Dr. Matthias Albers, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie beim Gesundheitsamt der Stadt Köln, Arndt Klocke, Landtagsabgeordneter der Grünen und Sprecher für „Mentale Gesundheit“, und Sophia Nagelschmidt vom Verein Silbernetz.

Dessen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wenden sich ausschließlich an Menschen über 60, erklärte Nagelschmidt im Gespräch mit Achim Schmitz Forte. Der aus WDR 5 bekannte Journalist moderierte das Podiumsgespräch. „Bei uns können Menschen anrufen, die einfach mal mit jemandem reden möchten. Wir geben aber auch Tipps, wo man Pflegeberatung bekommt oder nennen Ansprechpartner in Sportvereinen“, so Nagelschmidt. Themen in den Gesprächen seien häufig persönliche Krisen, aber auch das Wetter und die Politik. „Manchmal hat aber auch jemand drei Tage lang mit niemandem gesprochen.“ Niemand müsse sich Sorgen machen, dass die Gespräche öffentlich würden. „Die Anrufer und wir bleiben anonym.“

Es gibt auch die Möglichkeit, sogenannte Silbernetz-Freundschaften zu schließen. Wenn jemand das möchte, wird er nach Hobbys und anderen Vorlieben gefragt, und die Silbernetz-Leute gucken in ihre Kartei, wer gut zusammenpassen könnte. „Die Menschen verabreden sich dann selbstständig zu Telefonaten“, sagte Nagelschmidt. Viele der bei Silbernetz Tätigen waren vorher im sozialen Bereich beschäftigt. Nagelschmidt ist Gerontologin.

Silbernetz ist täglich von 8 bis 22 Uhr kostenlos erreichbar unter der Telefonnummer 0800/4 70 80 90. Gegründet wurde der Verein von Elke Schilling in Berlin. Dort gehen pro Tag durchschnittlich 450 Anrufe ein. Sophia Nagelschmidt ist gerade dabei, einen NRW-Ableger aufzubauen. „Unsere Finanzierung ist prekär und belastet die Mitarbeitenden“, erklärte Nagelschmidt. Man sei angewiesen auf zeitlich begrenzte öffentliche Förderungen und auf Spenden, die in Zeiten hoher Inflationsraten spürbar zurückgegangen seien.

„Es ist schwierig, wenn Kirche gesamtgesellschaftliche Probleme lösen soll“

Torsten Krall ist auch Pfarrer in Dünnwald. Er erinnert sich an das Hochwasser 2021, von dem auch Häuser in seiner Kirchengemeinde betroffen waren. Krall und Gemeindeglieder haben Geschädigte besucht. „Ich war überrascht, wie viele Menschen allein leben.“ Besonders im Gedächtnis ist ihm ein alter Mann geblieben, um den herum man ein Netzwerk aufgebaut habe, dessen Mitglieder aber schnell an Grenzen gestoßen seien, weil es dem Mann an sozialen Kompetenzen gefehlt habe. „Dann wird Hilfe schwierig.“

Kirche gelte als institutionalisierte Stelle, die sich kümmere. Und viele aus der Gemeinde kämen in Kontakt zu Menschen. „Aber es ist schwierig, wenn Kirche gesamtgesellschaftliche Probleme lösen soll.“ Wo Gemeinden funktionierten, gebe es auch eine „Care Communitiy“. Aber die Kirche sei davon abhängig, dass Ehrenamtliche diese Arbeit leisten.

Pfarrpersonen könnten die Bildung eines Netzwerkes unterstützen. Dr. Dorit Felsch, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge Köln, erinnerte daran, dass ihre Einrichtung die kirchliche Antwort auf Einsamkeit sei. Krall verwies darauf, dass jeder fünfte Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren bei einer Umfrage angegeben habe, sich sehr einsam zu fühlen. „Wir brauchen andere Strukturen. Wir haben die Evangelische Studierendengemeinde. Aber wir brauchen Aufbruchsbewegungen in die Gemeinden, die nicht traditionell funktionieren.“ Kirche sei erfolgreich bei sozialen Start-ups. Krall nannte die „Jugendkirche geistreich“ als Beispiel. Die nenne sich neuerdings „safe space“, in dem die Jugendlichen Wert legten auf ein „selbstfürsorgliches Leben“. Der Superintendent machte auch darauf aufmerksam, dass einsame Jugendliche anfälliger seien für Rechtsextremismus.

„Es leben in dieser Stadt sehr viele, sehr zurückgezogene Menschen“

Dr. Matthias Albers verwies auf die zahlreichen sozialpsychiatrischen Zentren in Köln. Dort stünden die Türen offen und wer wolle, erhalte Unterstützung und Beratung. „Man kann da aber auch einfach sitzen und mit niemandem reden.“ Und es gebe die aufsuchenden Dienste, die man unter der Nummer 221-24444 erreiche, wenn man sich etwa um einen Nachbarn sorge. „Es leben in dieser Stadt sehr viele, sehr zurückgezogene Menschen. Das schreit nach einem Hilfsangebot. Aber es ist nicht immer einfach. Es kommt vor, dass uns die Tür vor der Nase zugeknallt wird. Und ehrlich: Ich wundere mich, dass das nicht viel häufiger passiert.“ Die Zahl der Hausbesucher seines Amtes bezifferte er auf „Hunderte pro Monat“.

Arnd Klocke lobte Ministerpräsident Hendrik Wüst, der eine Stabsstelle „Einsamkeit“ eingerichtet habe. Nicht zuletzt sei das Thema ins Licht der Öffentlichkeit geraten. Eine Enquete-Kommission des Landtags zu „Einsamkeit“ haben einen 263 Seiten langen Bericht vorgelegt, mit 64 Handlungsempfehlungen. Klocke litt nach der Schule selbst unter Depressionen. Er hat jetzt immer einen „inneren Instrumentenkoffer“ dabei, der ihm hilft, gegen depressive Schübe anzugehen. Er hat auch Tageskliniken aufgesucht. „Wichtig ist, Dinge sprechbar zu machen. Transparent machen, dass man Hilfe finden kann, ist eine große Aufgabe.“ Viele Jugendliche heutzutage würden „daddeln“ oder sich in sozialen Netzwerken vergleichen. Das sei fatal. „Die kommen aus der Schule und sind vielleicht gut in Physik, Chemie und Fremdsprachen. Aber sie haben keine Idee, was sie tun können, wenn es ihnen schlecht geht.“

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann