Ausstellung im Evangelischen Krankenhaus Weyertal: „Den Augenblick leben“ – noch bis 26. August zu sehen



Ausstellung im Evangelischen Krankenhaus Weyertal: „Den Augenblick leben“ – noch bis 26. August zu sehen

Das Labyrinth als Symbol für die Suche und den eigenen Lebensweg, die Rose als Zeichen des Augenblicks: Immer wieder begegnen sie derzeit aufmerksamen Besucherinnen und Besuchern sowie den Mitarbeitenden im Evangelischen Krankenhaus Weyertal. „Den Augenblick leben“ heißt die Ausstellung, die noch bis Donnerstag, 26. August, im Haus zu sehen ist. Bilder in einfachen Holzrahmen, begleitet von dazu passenden Texten, stehen in Kontrast zu dem oft hektischen Alltag in einem Krankenhaus. Sie regen dazu an, sich auf den Augenblick einzulassen, ihn wirken zu lassen und daraus ein ganz persönliches Stück Erkenntnis, Bedeutung, Ruhe oder auch Irritation zu ziehen.

Idee entstand beim Kirchentag
Pfarrer Karsten Leverenz, evangelischer Seelsorger am Krankenhaus Weyertal, hatte die Grundidee zu der Ausstellung bereits vor knapp drei Jahren beim Evangelischen Kirchentag in Köln. „Damals habe ich in der Projektgruppe ,Meditation‘ mitgearbeitet. Unter anderem haben wir 20 Reiter, schlichte weiß-graue Holztafeln mit bestimmten Texten angefertigt und ausgestellt. Und ich dachte mir, mit diesen Reitern müsste man über den Kirchentag hinaus etwas machen“, erzählt Leverenz. Die Idee wuchs: Mit dem katholischen Krankenhausseelsorger Heinrich Becker, Eva Nouzovska aus der Physiotherapie und Marion Schulz aus dem Bereich „Service und Einkauf“ des Krankenhauses gewann Leverenz weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter für sein Vorhaben einer Ausstellung. Die Krankenhausleitung, so betont er, hat das Projekt wohlwollend unterstützt.

Gegenpol zur Krankenhaus-Hektik
Zwei Herausforderungen gab es dabei für die Aussellungsmacherinnen und -macher: „Zum einen sind die Menschen im Krankenhaus eine ganz andere Gruppe als Besucherinnen und Besucher eines meditativen Projektes beim Kirchentag. Im Krankenhaus bildet sich die gesamte gesellschaftliche Bandbreite ab, die Menschen sind sehr unterschiedlich und heterogen“, zählt Leverenz das erste Problem auf. Dazu kam als zweite Herausforderung die andere Erfahrungswelt, die das Leben im Krankenhaus bestimmt. Krisen, Angst und Orientierungslosigkeit sind hier die vorherrschenden Gefühle – die Suche nach Meditation und Spiritualität spielt dort nur am Rande eine Rolle. „Die Ausstellung ist eine Hinwendung auf den Moment, auf den Augenblick, das Hier und Jetzt. Damit setzen wir bewusst einen Gegenpol zu der allgemeinen Hektik in einem Krankenhaus. Hier ist es nicht ruhig!“, erläutert Leverenz, der seit 1990 als Krankenhausseelsorger in Köln arbeitet und seit sechs Jahren am Evangelischen Krankenhaus Weyertal tätig ist. Gleichzeitig würden damit aber in gewisser Weise auch die Wurzeln der Entstehung konfessioneller Krankenhäuser thematisiert, so der Seelsorger.

Anregung zum Nachdenken
„Die Ros ist ohn‘ Warum, sie blühet, weil sie blühet, sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“ Dieser Text von Angelus Silesius bildet gleichsam den Anfang des Themas – die Besinnung auf den Augenblick. Dazu kommt das Labyrinth mit seinen verzweigten Wegen und Irrwegen, Sackgassen, Kreuzungen und Scheidepunkten. Beides, Rose und Labyrinth, sollen dazu anhalten, über eigene Lebenshaltungen und Ausrichtungen im Alltag nachzudenken. „Wir wollen Prozesse auslösen, bewusst auch irritieren“, sagt Leverenz. Denn, so ein weiterer Text in der Ausstellung: „Die längste Reise ist die Reise nach innen“, hat Dag Hammerskjöld einst festgestellt. Die Ausstellung zieht sich durch das ganze Krankenhaus. Im Foyer verkündet ein Schild: „Einen Augenblick bitte!“ In einer Vitrine sind Hinweise zu den einzelnen Ausstellungsbereichen gleichsam als „Appetithappen“ ausgestellt. Wer die einzelnen Ausstellungsbereiche sehen will, muss den langwierigeren Weg über das Treppenhaus nehmen. Dort sowie in den Wartebereichen einzelner Stationen sind die Bilder und Texte zu finden. Bis hinauf in die Krankenhauskapelle im fünften Stock führt der Weg.

Kapelle als Mitte des Labyrinths
Dieser Raum bildet gleichsam die Mitte des Labyrinths, die Stühle dort sind für die Dauer der Ausstellung kreisförmig angeordnet, greifen das Motiv des Labyrinths wieder auf, durchbrochen von einem Kreuz. Mystik, Meditation und christliche Erfahrungen treffen sich hier auf verschiedenen Ebenen. In der Kapelle liegt auch das „Buch der Stille“. „Hier können Besucherinnen und Besucher ihre eigenen Gedanken zum Thema Augenblick eintragen“, erklärt Leverenz, der auch zugibt, dass das ein Experiment sei. „Vielleicht steht da am Ende auch gar nichts drin.“ Vom „Feedback-Buch“ im Foyer erhofft er sich dagegen schon etwas mehr. Hier können Menschen ihre Gedanken zu der Ausstellung eintragen.

„Schwarzbrot an den Wänden“
In der Wartezone vor der Intensivstation und der Radiologie hängen Texte in Normal- und in Spiegelschrift, dazwischen ein Spiegel, so dass die Texte gelesen werden können. Zwei Seiten, das Davor und das Dahinter, können hier im übertragenen Sinne betrachtet werden, „es ist schon Schwarzbrot, was hier an den Wänden hängt“, ist sich Leverenz des Anspruches der Ausstellung bewusst. Aber es scheint eine gewisse Anziehungskraft davon auszugehen. Ebenfalls vor der Intensivstation steht ein kleiner Sandkasten mit einer Harke auf einem Tisch. „Immer wieder beobachten wir neue Spuren. Es wird kein Sand verschüttet, die Harke bleibt an Ort und Stelle“, freut sich der Krankenhausseelsorger auf den achtsamen Umgang speziell mit diesem Objekt, was von dem Respekt und damit der Wirkung der Ausstellung spricht. „Ethik des Augeblicks“ steht als Titel in großen Buchstaben vor diesem Ausstellungsbereich. „Das hat in einem Krankenhaus natürlich auch eine provozierende Wirkung“, betont Leverenz. Als Anregung zum Ausprobieren und Mitmachen sind die „Übungen zur Stille“ gedacht, die schon vorher angeboten wurden, allerdings nur einmal in der Woche. Für die Dauer der Ausstellung finden sie, auch in der Sommerzeit, beinahe täglich statt. Zum Ausprobieren ist auch die Installation „Augenblicke im Garten“ gedacht. Entlang der kreisförmigen Weges über die Wiese hinter dem Krankenhaus sind sechs Tafeln ausgestellt – zwei mit spirituellen Texten, vier mit Anleitungen aus dem Meditationsbereich. So kann man hier versuchen, sich wie ein Baum zu fühlen oder bewusst zu gehen. „Wir haben auch hier schon Menschen gesehen, die das ausprobiert haben“, so der Pfarrer.

Ermutigende Resonanz
Wie überhaupt die Resonanz bislang ermutigend war. „Vor allem von den Mitarbeitenden, die tagtäglich das Treppenhaus nutzen, bekommen wir positive Rückmeldungen. Manchmal ist es nur ein Satz, der haften bleibt und die Menschen beschäftigt“, so Leverenz. Genau das ist aber auch das Ziel der Ausstellung. Es geht nicht um oberflächliche Aha-Erlebnisse, sondern um ein Gefühl, eine Einstellung, die entsteht. Es ist die Wirkung des Augenblicks, auf die sich Betrachterinnen und Betrachter einlassen sollen. Und das geschieht schon sehr oft. Es gab sogar schon die Frage, warum die Texte und Bilder nur zeitlich begrenzt im Krankenhaus gezeigt werden. Anfragen für Gruppenführungen nimmt Pfarrer Karsten Leverenz unter der Telefonnummer 0221/479 25 18 entgegen.

Text: Jörg Fleischer
Foto(s): Jörg Fleischer