„Auf dem Weg zum gerechten Frieden“ – Podiumsdiskussion in Kerpener Johanneskirche über Papier der Landeskirche

Kritik und Zustimmung gab es für das Friedenswort der Evangelischen Kirche im Rheinland bei einer Podiumsdiskussion in der Johanneskirche in Kerpen. Dr. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, eröffnete den Abend mit dem Hinweis, dass die Gemeinden die richtigen Foren und Orte seien für die Friedens-Ethik und die Friedenstheologie.

Auf dem Weg zum gerechten Frieden

Den Auftakt zur Diskussion machte Landeskirchenrätin Anja Vollendorf, die in den Text mit dem Titel „Auf dem Weg zum gerechten Frieden“ mit einem Impulsreferat einführte. „Das Friedenswort ist ein Paradigmenwechsel weg vom gerechten Krieg hin zum gerechten Frieden.“ Es gehe darin auch um Erinnerungsarbeit. Die Landessynode habe 2018, 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, auch ein friedenspolitisches Zeichen setzen wollen. „Es handelt sich dabei aber nicht um eine Studie, sondern eher um ein ,Wort zur Zeit‘“, erklärte die Landeskirchenrätin.

„Heute handelt es sich überwiegend um gewaltförmige Auseinandersetzungen innerhalb von Staaten – Bürgerkriege -, Gewalt aus Rassismus, Gewalt gegen Frauen und Kinder sowie Gewalt durch Terrorismus. Gewalt wird auch ausgelöst durch Hunger und Veränderungen des Klimas und durch militärische Sicherung von Rohstoffen, Ressourcen und Handelswegen.“ Die Schrift zitiere Dietrich Bonhoeffer mit den Worten „Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzutreten. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus, sei so etwas.“

Bergpredigt: Gewalt überwinden

Der Text, so Vollendorf, lehne sich eng an die Gewaltlosigkeit der Bergpredigt: „Jesus als der Christus lehrt mit seiner Bergpredigt (Mt 5-7), dass es möglich ist, Gewalt zu überwinden und den Frieden Gottes zu leben.“ Es gelte, den Frieden aktiv zu fördern und nicht durch passives Aussitzen Konflikte zu vermeiden. Zitat aus dem Friedenswort: „Wir nehmen die ungeheure Einladung an, mit der Bergpredigt Politik zu machen. Sie fordert uns heraus und schenkt uns Orientierung.“

Auseinandersetzungen müssten durch Verhandlungen, Schlichtungen und Mediationen befriedet werden. Im Papier heißt es: „Kirche des gerechten Friedens sein bedeutet, Krieg und kriegerische Mittel als Möglichkeit der Konfliktlösung, als „ultima ratio“, zu überwinden, Schritt für Schritt. Gewaltfreie Lösungen sind möglich. Sie sind schmerzhaft, weil sie eigene, besonders wirtschaftliche, Interessen berühren. Sie sind langwierig und müssen mühsam gelernt werden. Sie sind aber die Lösungen, die sich als roter Faden durch die Bibel ziehen und biblisch geboten sind.“ Allerdings sei zu unterscheiden zwischen „power“, demokratisch legaler Gewalt zum Beispiel der Polizei und des Militärs in eng begrenzten Ausnahmesituationen, und „violence“, der zerstörerischen und ethisch nicht gerechtfertigten Gewalt.

Anja Vollendorf hat einige Zeit im Kongo verbracht: „Wenn Sie einmal dort waren. Lernen Sie eine nach Recht agierende Polizei zu schätzen.“ Aber letztlich stehe man halt vor dem Dilemma, sich bei einem Angriff auf die eigene Person zu wehren oder nicht. „Lasse ich mich töten, oder leiste ich Widerstand“ Sterbe ich oder lade ich Schuld auf mich?“

Kritik

Im Anschluss diskutierten Petra Reitz, Leitende Militärdekanin der Bundeswehr,  Reiner Schwalb, Brigadegeneral und Militärattaché a.D., Pfarrerin Almuth Koch-Torjuul, Evangelische Kirchengemeinde Kerpen, und Anja Vollendorf unter der Moderation von Dr. Martin Bock, Melanchthon-Akademie. Petra Reitz kritisierte, die Schrift kreise „sehr viel um unsere eigene Gerechtigkeit“. „Wir haben den Frieden von Gott empfangen. Dieser spirituelle Friedensaspekt fehlt mir in dieser Schrift.“ „Der Balance-Akt zwischen der biblischen Friedenstheologie und der politischen Konzeption des liberalen Rechtsfriedens wird nicht abgebildet.“ Fehlen würden auch Aussagen über Biowaffen, an denen gerade intensiv geforscht werde, und Cyber-Räume. „Darüber findet man nichts bei den Theologen.“

Pfarrerin Koch-Torjuul nannte das Friedenswort „einen tollen Impuls von der Landeskirche, Menschen anzuregen, für Friedens-Engagement zu werben“. In ihrer Gemeinde gibt es einige Soldaten, die auch im Ausland eingesetzt werden. „Da ist es wichtig, dass man sich wahrnimmt. Und man muss ethisch darüber sprechen, was das für Ausnahmesituationen sind. Aber bei allem Engagement für den Frieden gelte es zu beachten: „Wenn wir schon Soldaten in Einsätze schicken, sollten sie gut ausgerüstet sein.“

Reiner Schwalb wies darauf hin, dass es aus seiner Sicht „Probleme auf der Welt gibt, die gelöst werden müssen“. Als Soldat denke man zielorientiert. „Wir befähigen Gesellschaften zur Rechtstaatlichkeit und zur Demokratie. Ohne Waffen geht das nicht.“ Evangelische Christen könnten auf Fragen unterschiedliche Antworten geben. Letztlich seien sie verantwortlich vor Gott.

Rückmeldungen der Kirchenkreise

Der Text „Auf dem Weg zum gerechten Frieden“ wird 2021 auf der Tagesordnung der Landessynode stehen. Dann sollen die Rückmeldungen aus den Gemeinden und Kirchenkreisen diskutiert und bei Bedarf eingearbeitet werden.

Und Rückmeldungen gab es einige, wusste Anja Vollendorf zu berichten. „Zwei Drittel aller Kirchenkreise haben sich geäußert.“ Kritik habe es gegeben, weil die Aussetzung der Militärseelsorge in dem Papier fehle. Zustimmung habe der prozessuale Charakter des Textes gefunden. „Wir können nur auf dem Weg zum Frieden sein.“ Dass die rechtserhaltende Gewalt in dem Papier nicht ausgeschlossen werde, habe auch vielen nicht gepasst, so die Landeskirchenrätin. „Es gab darüber hinaus Forderungen nach einer anderen Exegese der Bergpredigt.“

Auch Hubert Müller aus der Gemeinde Kerpen war nicht mit allem einverstanden, was in dem Friedenswort steht. „Ich war nach der Lektüre etwas irritiert und befremdet. Weil der Text auf einer moralisch sehr sehr abgehobenen Ebene agiert. Und ich frage mich, ob der Text der vielschichtigen und komplexen Realität von 2020 gerecht wird. Bei den konkreten Handlungsansätzen habe ich den Eindruck, der Text wurde von einem Personenkreis verfasst, der mit der kirchlichen Friedensbewegung identisch ist.“ Dem wollte Anja Vollendorf nicht widersprechen. Auf der Synode 2018 hätte sich ein Kreis von Menschen getroffen, die der Friedensbewegung nahestünden. „Wir hatten aber auch Wissenschaftler dabei.“

Reiner Schwalb wurde zum Schluss noch einmal grundsätzlich: „Es gibt keine guten oder schlechten Waffensysteme. Es sind die Menschen, die über den Einsatz entscheiden.“ Militärdekanin Reitz wünschte sich in der Diskussion um das Friedenspapier mehr Gespräche, in denen nicht von vornherein ein Ergebnis feststehe. Koch-Torjuul erinnerte an das Bibelwort von den Schwertern und den Pflugscharen: „Alles lässt sich verändern. Manchmal muss man es dafür kaputt machen.“

Die Veranstaltung wurde live übertragen und auf Video aufgezeichnet.

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