Alice Herz-Sommer – ein Garten Eden inmitten der Hölle

Alice Herz-Sommer – ein Garten Eden inmitten der Hölle

Wie stellt man das Leben einer außergewöhnlichen Frau dar? Die Journalisten Reinhard Piechocki und Melissa Müller porträtierten Alice Herz-Sommer (1903 bis 2014), Pianistin, Musikpädagogin und Holocaust-Überlebende, in ihrer Biographie „Alice Herz-Sommer – ein Garten Eden inmitten der Hölle: Ein Jahrhundertleben“, 2006 und 2011 bei Knaur erschienen.

Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Bayenthal trugen im Martin-Luther-Haus Passagen vor, die Pianistin Young-Ah Kim spielte aus den Etüden Frédéric Chopins, Opus 10 und 25.

Lebensfreude stärker als jeder Schicksalsschlag
2006 lernten die Gemeindeglieder Marco und Elke Schaub die Biographie bei einem Vorstellabend in der Buchhandlung Goltsteinstraße kennen und waren beeindruckt. „Ich habe der Familie, Freunden und Kollegen davon erzählt und wollte das immer mit vielen Menschen teilen“, berichtete Marco Schaub in seiner Einführung. Die Lesung organisierte er bewusst mit Frauen aus der Gemeinde statt mit Schauspielerinnen. „Es ist außergewöhnlich, das jede von Ihnen sofort und ohne Zögern zugesagt und die Idee aufgenommen und unterstützt hat“, lobte er den Einsatz der vier Lesenden. Beeindruckt vom Einsatz der Gemeindeglieder angesichts des vollen Saals im Martin-Luther-Haus war auch Pfarrer Dr. Bernhard Seiger: „Ich finde es toll, dass sich so viele Menschen dafür zusammenfinden“. Der Erlös des Abends unterstützte die Spendensammlung für die Sanierung der Orgel in der Reformationskirche, für die 260.000 Euro benötigt werden. Der aktuelle Stand der Spenden, so Seiger, liegt bei 225.000 Euro.

Jugend im kulturellen Zentrum Europas
Wie fühlt es sich an, als Dreizehnjährige im 21. Jahrhundert die Biographie einer Frau zu lesen, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg jung war? „Die Kinder waren damals mehr draußen, haben natürlichere Dinge gemacht und waren viel sozialer“, stellte Daria Wisotzki beim Lesen von Alice-Herz-Sommers Biographie fest. Die Tochter wohlhabender jüdischer Eltern wuchs mit einer Zwillingsschwester und drei weiteren Geschwistern im kaiserlichen Prag auf. Ihre gebildete Mutter Sofie, Gattin des Fabrikanten Friedrich Herz, sorgte dafür, dass im Haus prägende Persönlichkeiten des Prager Kulturlebens, von Max Brod bis Franz Kafka, verkehrten. Die sechzehnjährige Alice Herz übt nächtelang für die Aufnahmeprüfung an der „Deutschen Musikakademie“, wird 1919 aufgenommen, aber ihr Lehrer Konrad Ansorge entpuppt sich als Alkoholiker. Als jüngste Schülerin erstreitet sie sich das Privileg, morgens von ihm unterrichtet zu werden – wenn er noch nüchtern ist. Ansonsten beschäftigt sie, was junge Frauen auch damals beschäftigte: Sie verliebt sich in einen ungarischen Mitschüler und trifft Freundinnen.

Krankheit, Erschöpfung und neue Liebe
Vom Leben einer reifen jungen Frau las Maite Spätgens: Die junge Alice Herz hat eine wochenlange Krankheit – ob sie die Folge einer unglücklichen Liebe war, oder verursacht durch körperliche und seelische Erschöpfung durch das exzessive Üben am Klavier, das sie von der Enttäuschung ablenken sollte, blieb offen. Sie muss verkraften, dass eine ihrer Freundinnen die Krankheit nicht überlebte. Aus der Krise findet sie zu einer neuen Liebe: Der Geiger Leopold Sommer, dessen Briefe an eine gemeinsame Freundin sie beeindruckten, wird 1931 ihr Ehemann, 1937 wird ihr Sohn Raphael geboren.

Disziplin als Lebensrettung
Anne Gesthuysen, bekannt aus dem ARD-Morgenmagazin und als Romanautorin, berichtet im dritten Lesungsabschnitt vom düstersten Lebenskapitel: Der deutschen Besetzung Prags folgen Judenverfolgungen und die Deportation ihrer kranken 72-jährigen Mutter. Den Schmerz verarbeitet sie mit Disziplin und indem sie ihr Talent zum Äußersten herausfordert: Sie übt die Etüden Frédéric Chopins, die die Musikwissenschaft zum Anspruchsvollsten rechnet, was für das Klavier geschrieben wurde. Willenskraft und Disziplin helfen ihr beim Überleben, als sie mit Mann und Sohn ein Jahr nach ihrer Mutter selbst nach Theresienstadt deportiert wird. An diesem Ort, von den Nazis als Vorzeige-, Propaganda- und Durchgangslager genutzt, rettet die Musik ihr und ihrem Sohn das Leben: Sie gibt über 100 Konzerte, denn das Kulturleben dient dazu, dem Lagerleben nach außen den Deckmantel der Normalität zu verleihen. Jedes Programm, erinnert sie sich in Piechocki/Müllers Biographie später, habe sie rund 20 Mal wiederholt. Den Mitgefangenen gibt die Musik einen Rest Selbstbestimmtheit in der Diktatur, die Erinnerung daran, dass Menschen nicht nur zu Grausamkeiten fähig sind.

Alle Grundmuster des Empfindens
Young-Ah Kim, die zwischen den Lesungsabschnitten meisterhaft aus den Etüden Frédéric Chopins vortrug, erntete vor allem nach diesem schwersten Kapitel der Lesung lang anhaltenden Beifall. Die junge Südkoreanerin, die an der Hochschule für Musik in Würzburg die Meisterklasse abschloss und an der Kölner Hochschule für Musik ein Liedbegleitungsexamen absolvierte, nahm bereits an Meisterkursen und Wettbewerben in Europa und Korea teil, zurzeit hat sie einen Lehrauftrag an der Kölner Hochschule für Musik. „Die Grundmuster des Empfindens“, so Piechocki und Müller, habe Chopin in seinen Etüden ausgedrückt, dies muss auch Alice Herz-Sommer so empfunden haben, die ihnen eigene Titel gab. „Die Dämonische“ betitelte sie die Etüde Nr. 9, f-moll aus dem Opus 10, die Revolutionsetüde in c-moll, Nr. 12, Opus 10, leitete zum letzten Kapitel über.

Von Prag nach Israel
Isolde Wieck, 74, die selbst als Vierjährige mit ihrer Familie von Schlesien nach Westdeutschland flüchtete, trug das letzte Kapitel der Lesung vor: Die Musik rettete Alice Herz-Sommer und ihrem Sohn das Leben, ihr Ehemann starb nach einer weiteren Deportation. Sie schilderte die schmerzliche Begegnung mit einem früheren Mitgefangenen, der seine neunköpfige Familie verlor und ihr in Prag vom Tod ihres Ehemanns berichtet. Entwurzelung und neue stalinistische Verfolgungen lassen sie 1947 mit ihrem Sohn nach Israel emigrieren, wo sie am Konservatorium von Jerusalem unterrichtet. 1986 folgt sie ihrem Sohn nach London.

„Gehen Sie mit einem Lächeln“, verabschiedete Schaub die Besucher des voll besetzten Martin-Luther-Hauses in den Abend – angesichts der ungebrochenen Lebensfreude und Willenskraft einer Frau, die das biblische Alter von fast 111 Jahren erreichte, war diese Ermutigung kaum nötig.

Text: Annette von Czarnowski
Foto(s): Annette von Czarnowski