„Abschied ohne Abschied nehmen“ Rückblick auf die erste Zeit mit Corona beim Hospiztag im Domforum

„Abschied ohne Abschied nehmen“ Rückblick auf die erste Zeit mit Corona beim Hospiztag im Domforum

Ein Rückblick auf die ersten Wellen der Corona-Pandemie stand im Mittelpunkt des Hospiztages im Domforum. „Abschied ohne Abschied nehmen“ hatte man der Veranstaltung als Leitwort vorangestellt. Auch Stadtsuperintendent Bernhard Seiger blickte in seinem Grußwort zurück: „Ich habe in den letzten Monaten Besuche in verschiedenen Hospizen und bei ambulanten Hospizdiensten gemacht. So war ich in Rondorf und beim neuen Hospiz im Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach sowie beim ambulanten Dienst der Gemeinde Köln an der Christuskirche im Belgischen Viertel.“

Alleine sterben

Seiger hat berührt „davon zu hören, wie die Corona-Lage die Arbeit bestimmt hat. Die Besuche und Gespräche mit Patientinnen und Patienten fanden meist weiterhin statt. Aber die Ausbildung, die Supervision, und das Organisieren von kleinen Ausflügen hat sehr gelitten und war zum Teil ganz unmöglich, weil es eben die Beschränkungen gab. Wir haben gemerkt, wie sensibel das Thema ist, dass schwerkranke Menschen im Jahr 2020 zeitweise sehr alleine waren, wenig Besuche bekommen konnten – und dass auch alleine gestorben wurde. Das ist schwer auszuhalten gewesen und manch Angehörige leiden bis heute darunter und spüren den Schmerz und erleben Schuldgefühle.“

Seiger verwies darauf, wie wichtig die Gemeinschaft mit anderen am Lebensende ist: „Da fällt besonders auf, worum wir uns in der Hospizbewegung im Kern kümmern:  Wir kümmern uns darum, wie das, was wir in einem langen selbst bestimmten Leben gelernt haben, sich am Lebensende bewährt. Wir kümmern uns darum, dass Menschen am Lebensende soviel Lebensqualität erleben können, wie es zur jeweiligen Zeit möglich ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Individualität zählt. Das ist ein hohes Gut. Wir sind vor uns selbst, vor unseren Mitmenschen und vor unserem Schöpfer unverwechselbare Individuen. Und zugleich erleben sterbende Menschen bei abnehmender Kraft meist, dass sie Gemeinschaft brauchen.“

Nähe oder Nicht-Nähe

Die Arbeit in den Hospizen sei so wenig spektakulär wie die Seelsorge, die in den Kirchen geleistet werde, sagte der Stadtsuperintendent. „Die Arbeit im Hospizdienst ist ein stilles Tun. Aber für die Menschen, um die es geht, ist es das Wichtigste, begleitet zu sein. Das ist das, was ich spüre: Nähe oder Nicht-Nähe.“ Und zum Ende des Grußwortes: „Es sind in kritischen Phasen komplizierte Abwägungen zwischen dem Gesundheits- und Infektionsschutz für die Mitarbeitenden, das Pflegepersonal und die anderen Patienten einerseits und dem sterbenden Menschen andererseits. Bis heute gibt es auch in unseren Krankenhäusern Besuchsbeschränkungen, aus guten Gründen, aber es gibt eben auch die andere Seite. Dieser Hospiztag kann eine Stimme für die sein, die leise sind, weil ihre stärkere Lebenszeit zu Ende ist und sie nicht mehr selbst für sich streiten können.“

Nicht wiedergutzumachen

Über den Abschied ohne Abschied unterhielten sich auf dem Podium der Bestatter Christoph Kuckelkorn, die Pflegefachkraft Manuela Pfeil, Peter Otten, Seelsorger an St. Agnes und Petra Schlieber, deren Vater an Corona gestorben ist. Der war ein rüstiger Herr mit seinen 85 Jahren, als er erkrankte. Und dann ging alles ganz schnell. Nachdem er zu Hause zweimal gestürzt war, wurde er ins Krankenhaus eingewiesen, kam auf die Intensivstation und starb kurz darauf. „Wir haben ihn noch ein letztes Mal gesehen. Besuchen durften wir ihn nicht. Wir standen draußen. Ein Pfleger hat ein Fenster der Intensivstation geöffnet. Die letzten Worte meines Vaters waren: ,Vielen Dank für alles. Ich liebe Euch alle. Grüß alle‘. Wenig später ist er gestorben. Eine künstliche Beatmung hat er abgelehnt“, berichtete Petra Schlieber. Der Bestatter habe sich wegen Corona geweigert, den Sarg zu öffnen für einen Abschied. Auch ein Foto gebe es nicht, sagte Petra Schlieber immer noch sichtlich bewegt: „Das kann man nie wieder gutmachen. Das kann man nie wiederholen.“

Bestattungen

Christoph Kuckelkorn führt in fünfter Generation ein Bestattungshaus in Köln. „Wir möchten möglichst offene Bestattungen mit vielen Gästen ermöglichen. Das war natürlich schwierig unter Corona-Bedingungen. Aber ich möchte die Friedhofsverwaltungen loben. Die haben alle Möglichkeiten bis zum Letzten ausgereizt. Eine trauernde Familie am Grab hält keine Abstände ein.“ Kuckelkorn hat eine Kugel aus Plexiglas organisiert, die er auf die offenen Särge gestellt hat. So konnten die Hinterbliebenen die Verstorbenen noch ein letztes Mal sehen. „Und im Übrigen“, so der Bestatter: „Fotos gehen immer.“ Besonders bedauert hat Kuckelkorn, dass es keine angemessene Trauerfeier für die große Karnevalistin Marie-Luise Nikuta gegeben habe. „Sie wurde in einer Urne im Beisein von zwei Personen bestattet. Das wurde ihrem Lebenswerk nicht gerecht.“ Kuckelkorn hat unter Corona in seinem Betrieb keinen Anstieg der Todeszahlen festgestellt. „Die Leute gingen nicht ins Krankenhaus, um sich operieren zu lassen. Sie haben keine Risikosportarten betrieben. Und sie sind auch nicht wie sonst Motorrad gefahren.“

Pflegedienst

Manuela Pfeil arbeitet in einem Seniorenzentrum in der Kölner Südstadt. Für sie war der Dezember 2020 der „Hammermonat“: „Von 178 Bewohnerinnen und Bewohnern waren damals 70 an Corona erkrankt. 25 sind gestorben.“ Die damaligen Weihnachtstage waren das Trostloseste und Traurigste, was sie in ihrer langen Zeit als Pflegefachkraft erlebt hat. „Die alten Leute waren extrem diszipliniert und vernünftig“, erinnert sie sich. Und bei Sterbenden habe es auch keine Beschränkung der Besuche von Angehörigen gegeben. Auch die Hospizbegleitung sei möglich gewesen. „Viele Angehörige haben sich bedankt, dass wir zur Arbeit gegangen sind. Das gab es auch noch nie.“ Inzwischen habe sich die Lage entspannt. Auch wegen der hohen Impfquote im Haus.

Angst vor der Endlichkeit

Peter Otten erinnerte sich, dass er zu Beginn der Pandemie wie eigentlich alle konsterniert war. „Die Ostermesse fällt aus. Das gibt es doch nicht.“ Aber man habe ja arbeitsfähig bleiben müssen. Schnell wurde mit der benachbarten evangelischen Gemeinde eine Nachbarschaftshilfe organisiert und beispielsweise für Ältere eingekauft. „Aber wenn Abstand die neue Nächstenliebe ist, wird es schwierig für eine Religion der Solidarität und Nähe.“ Otten hat weiter Hausbesuche gemacht und beispielsweise Trauergespräche geführt. „Ich habe aber auch mit den Menschen in unserer Kirche gesprochen. St. Agnes ist groß. Und bei Spaziergängen.“ Der eigenen Angst hat er sich gestellt. „Ich bin religiös, um mit meiner Angst klarzukommen. Egal, wie groß die Krise ist: Ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Die Angst war wohl deshalb nicht so bedrohlich, weil ich nicht vor ihr davongelaufen bin.“ Kritik übt er an der Kirche: „Wir dürfen die Endlichkeit nicht verdrängen. Wir als Kirche haben die Chance verpasst, die Endlichkeit als Fakt zu beschreiben, vor der man keine Angst haben muss.“

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann