v. l. : Rainer Will, Klaus Pfeffer, Dr. Christiane Florin, Hanna Jacobs, Prof. Dr. Eberhard Tiefensee und Dr. Martin Bock



„Kirche wohin? Christliche Spiritualität und Ökumene nach dem Ende der Volkskirchen“ – 14. Kölner Ökumenetag

Die Christen hierzulande müssten sich darauf einstellen, dauerhaft in der Diaspora zu leben und Abschied von der Vorstellung nehmen, es könnte ein Zurück zur „Volkskirche“ geben. Schon oft ist Prof. Dr. Klaus Tiefensee, emeritierter Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, mit dieser Auffassung an die Öffentlichkeit getreten. Beim 14. Kölner Ökumenetag am vorigen Samstag hat vor rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Tagungszentrum „In Via“ in aller Deutlichkeit dargelegt. Die Steilvorlage hatten die Veranstalter – der Evangelisch-Katholische Arbeitskreis für Ökumene im Stadtbereich Köln, der Evangelische Kirchenverband Köln und Region sowie der Kölner Katholikenausschuss – mit dem Titel der Veranstaltung geliefert: „Kirche wohin? Christliche Spiritualität und Ökumene nach dem Ende der Volkskirchen.“

Gibt es einen „Volksatheismus”?

Tiefensee sprach von einem „Volksatheismus“ in den neuen Bundesländern, wo 70 bis 80 Prozent der Menschen „keinerlei Kontakt zu Religion und Konfession“ hätten. Der Westen Deutschlands, erfasst von einer „Pluralisierung der Lebensoptionen“, hole rapide auf. „Das ist eine Entwicklung, die auf keinen Fall zurückgedreht werden kann. Gegen diese Wirklichkeit hilft kein Wünschen.“ Als erste von fünf „Thesen“ befand der katholische  Priester: „Wir sind in einem Umbruch, der mit der Reformation vergleichbar ist.“ Mehr noch: Die christliche Botschaft treffe auf eine Umgebung, „die absolut konfessionsfrei ist. Auch der Kölner Raum steuert darauf zu.“ Zweite These: Wenn Kant seinen erkenntnistheoretischen Paradigmenwechsel mit der Kopernikanischen Wende verglichen habe, so sei von den Christen eine entsprechende „Umänderung der Denkungsart“ gefordert, die Einsicht, dass die Kirche ihre Stellung im Zentrum verloren habe. Ihr bleibe, im Sinne Jesu und gemäß dem Wort von Papst Franziskus „an die Ränder zu gehen“. Der Weg führe also weg vom „Ekklesiozentrismus“ hin zum „Christozentrismus“. Daraus folge  – so die dritte These – ein Perspektiv-Wechsel  mit Blick auf die „Mission“. Es gehe nicht darum Menschen zu bekehren, indem man sie gleichsam dem „Magnetismus“ der Kirche aussetze, den diese endgültig verloren habe. Vielmehr gelte es, das Evangelium in der Weise zu verkünden, die die französischen Bischöfe in einem Brief an die Katholiken Frankreichs „proposer la foi“ genannt haben: den Glauben vorschlagen – in aller Bescheidenheit, ohne Hoffnung auf ein „Comeback der Kirche“. Und frei davon, nicht-religiöse Menschen für „erlösungsbedüftig“, für defizitär zu halten. Deshalb konstatierte Tiefensee bei der Erläuterung seiner vierten These, mit der er die Abkehr vom „Defizienzmodell“ forderte: „Auch ohne Gott lässt es sich gut leben.“ Kein Weltbild  könne per se Überlegenheit beanspruchen. „Konversionen sind möglich – aber in alle Richtungen. Die religiöse Deutung ist nicht zwingend.“

Eine Ökumene, die religiöse und nicht-religiöse Menschen zusammenbringt

Fünfte These und Fazit: „Wir benötigen eine Ökumene der dritten Art“. Die erste Art betreffe das Miteinander der Christen unterschiedlicher Konfession, die zweite den interreligiösen Dialog, die dritte aber umfasse die Gesamtheit der religiösen und nicht-religiösen Menschen. Manchen mochte erstaunen, wie gelassen sich Tiefensee trotz der Krise gab und dabei Gottvertrauen zeigte. „Was hat der vor, der im Hintergrund die Strippen zieht?“, fragte er sich und fügte hinzu, die Säkularisierung sei „kein Betriebsunfall der Kirchengeschichte. Das ist gewollt!“ Wiederholt brachte er den Heiligen Geist ins Spiel: Man könne ihn nur wirken lassen. „Auch eine säkularisierte Gesellschaft braucht das Salz der Erde“, meldete sich Manfred Kock, früherer rheinischer Präses und EKD-Ratsvorsitzender, zu Wort. Ein anderer Zuhörer sagte, ihn schmerze „ganz gewaltig“, dass „ausgerechnet im Lutherland“ das Christentum auf verlorenem Posten stehe.

Zu wenig Andockpunkte

Tiefensee nahm auch an der anschließenden Podiumsdiskussion teil. Moderiert wurde sie von Dr. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, und Rainer Will, stellvertretender Leiter des  Katholischen Bildungswerks Köln. Akademie und Bildungswerk waren Mitveranstalter der Tagung. „Ich könnte vieles radikaler formulieren“, sagte Generalvikar Klaus Pfeffer vom Bistum Essen. „Doch in unseren Kirchen wollen es viele nicht wahrhaben.“ Dabei sei unübersehbar: „Scharenweise laufen uns die Menschen weg“, denn sie fänden „zu wenig Andockpunkte“. Klar sei: „Wenn wir Christen eine Zukunft haben wollen, müssen wir zueinander finden.“ Allerdings weiß Pfeffer aus eigener Erfahrung, wie schwierig das Miteinander im Konkreten ist. Die gemeinsame Nutzung von Kirchen etwa oder die Zusammenarbeit in Krankenhäusern scheitere manchmal an den „unglaublichsten Details“.

Fließende Grenzen

Auch die evangelische Pfarrerin Hanna Jacobs, die in Essen das Pionierprojekt „Raumschiff Ruhr. Raum für Gemeinschaft, Schönheit und Glauben“ betreut,  wusste aus der Praxis zu berichten. Die Grenzen seien heute fließend: Getaufte glaubten nicht an Gott, Nicht-Getaufte seien „hochspirituell“.  Im „Raumschiff Ruhr“,  in dem Menschen zusammenkommen, die „von der Kirche weniger erreicht werden“, spielten „konfessionelle Verwerfungen“ keine Rolle. Entscheidend sei die Frage: „Was trägt mich im Leben?“ Scharfe Kritik übte Dr. Christiane Florin von der Redaktion „Religion und Gesellschaft“ des Deutschlandfunks an der katholischen Kirche, die sich selbst in schwerer Krise – etwa durch den Missbrauchsskandal – als reformunfähig erweise. Sie hoffe, dass diese „autoritäre, absolutistische Monarchie“ an ihr Ende komme: „Die hat jeden Kredit verspielt.“ Da helfe auch kein „Synodaler Weg“, wie ihn die deutschen Bischöfe beschlossen haben. „Ich glaube nicht, dass dieser Weg zu irgendeinem Ziel führt.“ Speziell zur Stellung der Frauen sagte Florin, deren Buch „Weiberaufstand“ die Bewegung „Maria 2.0“ mit angestoßen hat, am Ende des Synodalen Wegs „wird es nichts geben, das man als gleichberechtigt bezeichnen kann.“ Bei all dem kämen die wesentlichen Fragen nach Leben und Sterben „unter die Räder“.

„Was hat er vor?”

Gegen Tiefsee verwahrten sich alle Mitdiskutanten dagegen, dass es „der Heilige Geist schon richten wird“, wie Jacobs sagte. Pfeffer sah darin eine „Überhöhung“ und kritisierte: „Wir müssen aufhören, ständig mit der Gotteskeule zu kommen.“ Der Erfurter Theologe blieb bei seiner Sicht; mal  sprach er  von einer „Taktik“, mal von einem „Trick“ des Heiligen Geistes; offen sei die Frage: „Was hat er vor?“ Nach vier Workshops, unter anderem mit den Pfarrern Jost Klausmeier-Saß („Konfessionslos- religionslos glücklich?“) und Thomas Frings („Aus, Amen, Ende – Abschied von der Volkskirche?“), beschloss ein ökumenischer Gottesdienst mit Stadtsuperintendent Bernhard Seiger die Tagung; Generalvikar Pfeffer predigte über Johannes 6, 68: „Wollt auch ihr gehen?“.

 

Text: Clemens Schminke
Foto(s): Clemens Schminke