10. Apfelblütenfest am „Baum der Religionen“



10. Apfelblütenfest am „Baum der Religionen“

Wie sieht das Paradies aus? Gibt es dieses überhaupt und wenn ja, wo können wir es finden? Die Antworten auf diese Fragen sind individuell, jeder hat nicht nur seine persönliche Vorstellung vom Paradies, sondern diese wird entscheidend auch davon geprägt, in welchem Religionsumfeld jemand aufwächst. Das wurde deutlich beim 10. Apfelblütenfest am Baum der Religionen in Bergisch Gladbach-Bensberg, als die Vertreter acht verschiedener Glaubensrichtungen ihre Gedanken zum Thema „Paradies“ erläuterten.

Sieben Apfelsorten für sieben Weltreligionen
Das Flair des Mai-Sonntags hatte passenderweise geradezu paradiesische Züge: Fast 300 Menschen waren auf das Gelände des Bergischen Museums für Bergbau, Handwerk und Gewerbe gekommen, wo sie in der warmen Frühlingssonne im Grünen saßen, Gespräche führten, lachten. Kinder tollten herum, Klezmer-Musik erklang, Kaffeeduft lag in der Luft. Im Zentrum des Geschehens eine sicher deutschlandweite Rarität: ein Apfelbaum, der sieben Apfelsorten trägt – stellvertretend für die sieben Weltreligionen. Somit gedeiht der Obstbaum als sichtbares Symbol der Einheit in Verschiedenheit.

Landrat Tebroke: „Toleranz bedeutet nicht Gleichgültigkeit“
„Alle sieben Sorten haben geblüht“, versicherte Dr. Hermann-Josef Tebroke, Landrat des Rheinisch-Bergischen Kreises, den Zuhörern. „Jetzt warten wir darauf, dass die sieben verschiedenen Apfelsorten auch Früchte tragen.“ So wie in den Vorjahren. Der Landrat machte deutlich, dass Toleranz nicht Gleichgültigkeit bedeute, sondern dass es vom eigenen Standpunkt aus andere Gesinnungen und Menschen zu respektieren und wertzuschätzen gelte. Bürgermeister Lutz Urbach zeigte sich von der zehnjährigen Tradition des Festes beeindruckt und erinnerte an die Partnerschaften Bergisch Gladbachs mit Palästina und Israel: „Ein Brückenkopf, um Religionen an ihrer Wiege zu begegnen.“

Sich überhaupt mit Religion beschäftigen
Bülent Iyllik vom Integrationsrat der Stadt freute sich über viele Schritte, die bereits auf dem Weg zu einem toleranten Miteinander gegangen worden seien und erzählte, wie er von seinen nach Deutschland gekommenen muslimischen Eltern auf eine katholische Grundschule geschickt worden sei – inklusive Teilnahme am Religionsunterricht. Für sie war es, wie für etliche Muslime auch heute noch, besser, sich überhaupt mit Religion zu beschäftigen, als ohne Religionsunterricht aufzuwachsen.

Bundespräsident Gauck wünschte „gutes Gelingen“
Andere hatten zum Apfelblütenfest Grußworte und Glückwünsche schriftlich geschickt, die in einem Ordner nachgelesen werden konnten: Bundespräsident Joachim Gauck sah das Ereignis „mit Interesse und Sympathie“ und wünschte „gutes Gelingen und die verdiente Resonanz“. NRW-Ministerin Sylvia Löhrmann fand es eindrucksvoll, am Beispiel von Apfelsorten zu zeigen, „dass das Zusammenleben unterschiedlicher Religionen, Kulturen, Sprachen möglich und für alle bereichernd ist“. Diesem Engagement drücke sie ihr „Lob" und ihre „Anerkennung“ aus. TV-Moderator Ranga Yogeshwar wünschte „von Herzen Glück und Gelingen“ für „solch ein freudiges Fest“.

Die Idee zu einem Naturwunder“
Journalistin Ute Glaser, die mit ihrer Moderation angenehm die Programmteile verknüpfte, erinnerte kurz und knapp an die Geschichte des Baums der Religionen, den es ohne Barbara Brauner nicht gäbe. Die Protestantin aus dem Stadtteil Herkenrath hatte 1997 bei einem interreligiösen Gebetsabend die Idee zu diesem „Naturwunder“ gehabt, den geeigneten Baum auf dem Bensberger Museumsgelände entdeckt und 1999 mit Hilfe des Obst- und Gartenbauvereins Refrath sieben alte bergische Apfelsorten – allesamt vom Aussterben bedroht – auf sieben tragfähige Äste aufpfropfen lassen. Sowohl beim Bremer Friedenspreis (2007) als auch beim Deutschen Engagement-Preis (2013) wurde das ungewöhnliche Projekt mit einer Nominierung honoriert. Das Apfelblütenfest gibt es seit 2005, wobei es Sitte ist, Vertreter verschiedener Religionen zu Wort kommen zu lassen.

Bibelvers in Mundart übertragen
Dieses Jahr erklärten die Religionsvertreter unter den Ästen des Apfelbaums ihre Sicht aufs Paradies. Für die Bahai lasen Lu Shafizadeh und Homa Zivari kleine Textauszüge aus den Religionsschriften vor. Nonne Dr. Myung Hee Lee erzählte mittels einer Geschichte, wie sich der Umgang untereinander gerade mit schwierigen Personen „paradiesischer“ gestalten lasse. Walter Wielpütz hatte als Vertreter der Evangelischen Kirche den Bibelverse über den Garten Eden in Mundart übertragen, und Dirk Peters sprach für die Katholische Kirche über deren Blick aufs Paradies. Hindu Dr. Harbans Chandna erklärte, dass es für Hindus ein Paradies eigentlich nicht gebe – nur ein gutes Leben im Jetzt. Eindrücklich erzählte Susanne Hunke von ihrer schwierigen Suche nach den Paradies-Vorstellungen des Judentums, und am Ende des alphabetischen Religionsreigens machte Dr. Mahaz Gürtler als Vertreterin des Zoroastrismus anhand einer Geschichte deutlich, dass das Paradies im tätigen Miteinander und in gegenseitiger Hilfe liegen kann. Zum Abschluss sprachen alle Besucher gemeinsam ein Gebet, das Anneruth Wenzel verfasst hatte, um zu Frieden, Einheit und Toleranz in Verschiedenheit aufzurufen.

Musik im kleinen Bensberger Paradies"
Beschwingte Klezmer-Musik der Band KlezFresh vom Albertus-Magnus-Gymnasium in Bensberg motivierte ein Paar sogar zum Tanzen, und der Gesang von Schülerin Lily Pelz, die von ihrem Gesamtschullehrer Kai Schreier mit Gitarre begleitet wurde, beeindruckte. „Ein Paradies ohne Musik? Unvorstellbar“, stellte Moderatorin Ute Glaser fest und animierte die Besucher: „Lassen Sie es sich hier gut gehen im kleinen Bensberger Paradies.“

Spende geht nach Nordindien
Dazu gehörte das traditionelle abschließende Kaffeetrinken mit zahlreichen gespendeten Apfelkuchen. Gratis konnte geschwelgt werden, doch wurden die Besucher um Spenden gebeten: für aktuelle Projekte der Eine-Welt-Stiftung Rhein-Berg, zu denen die Unterstützung palästinensischer Schüler gehört und die Anschaffung von Motorrad, Wassertank und Saatgut in Nordindien. Nach dem Kassensturz freute sich Barbara Brauner über „684 Euro und 5 Zloti“ für den guten Zweck. Dies umso mehr, als Helene Hammelrath als Botschafterin der Bethe-Stiftung gleich zu Anfang des Festes erklärt hatte, dass die Stiftung die Spendensumme verdoppeln werde. „Da bin ich dankbar“, seufzte die agile Initiatorin des Baums der Religionen. „Auch für die tollen Helfer von der Gnadenkirche“, die für sie das Fest organisatorisch abgewickelt hätten – vom Mikrofon bis zur Kaffeetasse. Während die guten Geister geschäftig hin und her flitzten, konnten die Besucher unterm blauen Himmel Kontakte knüpfen oder die Seele baumeln lassen. „Ich war das erste Mal da“, sprach eine Dame das aus, was viele empfanden, „und es war ganz wunderbar. Ich habe großen Respekt.“

Text: Kai Köhler
Foto(s): Kai Köhler