Ökumenischer Gedenkweg für Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Mauenheim und Weidenpesch



Ökumenischer Gedenkweg für Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Mauenheim und Weidenpesch

„Heute Nachmittag ist der Martinszug durch unsere Straßen gegangen. Kinder mit Fackeln, mit dem Licht als Symbol für Frieden, Mitmenschlichkeit und Solidarität“, sagte der evangelische Pfarrer Markus Zimmermann zu Beginn des „Ökumenischen Gedenkweges“ in Mauenheim und Weidenpesch. Frieden, Mitmenschlichkeit und Solidarität – wie sehr hätten sich das die Menschen gewünscht, die vor über sechzig Jahren hier verfolgt, von hier deportiert und ermordet wurden, formulierte der evangelische Theologe. Am 9. November erinnerte man vielerorts an die Reichspogromnacht 1938. Die Evangelische Kirchengemeinde Köln-Mauenheim-Weidenpesch und die zwei katholischen Kirchengemeinden Heilig Kreuz sowie St. Quirinus und Salvator luden in Kooperation mit der ökumenisch getragenen Nachbarschaftshilfe Kölsch Hätz zu einem Gedenkweg für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in den beiden Stadtteilen.


Veranstaltungsreihe „60 Jahre Kriegsende“ in Mauenheim-Weidenpesch
Er war die dritte gemeinsame Veranstaltung der Kirchengemeinden anlässlich „60 Jahre Kriegsende“. Am 8. Mai hatte man einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert. Zuvor, im Januar, hatten Zeitzeugen über die Zustände und Ereignisse im „Dritten Reich“ in Mauenheim und Merheim linksrhreinisch, wie Weidenpesch vor der Umbenennung hieß, berichtet. Sie erzählten von Übergriffen auf Andersdenkende, von der Verschleppung und Ermordung jüdischer Nachbarn und behinderter Kinder, von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Zahlreiche dieser um eigene Forschungsergebnisse ergänzte Informationen rief Markus Zimmermann beim abendlichen Gedenkweg erneut ins Gedächtnis.

Wir erinnern uns
Unter dem Motto „Wir erinnern uns…“ starteten rund vierzig Teilnehmende an der evangelischen Erlöserkirche. Schweigend steuerten sie die von Zimmermann und seinem katholischen Kollegen Felix Gnatowski ausgewählten Orte an, an denen unmittelbar oder benachbart Menschen gelebt haben, die von den Nazis verfolgt, gefangen gehalten, ermordet worden sind. Es wurden historische Fakten und Namen vorgetragen, Gebete gesprochen und Kerzen entzündet. „Wir wollen innehalten, ein Zeichen setzen. Wir tun das in Erinnerung an die Opfer, aber auch daran, dass die Kirchen damals hätten mehr glauben und bekennen müssen, dass sie versagt haben auch gegen Einzelne“, so Zimmermann.

Heute Kneipe, früher Lager für ZwangsarbeiterInnen
Die erste Station war die Gaststätte „Zur Schmiede“ auf der Neusser Straße. Damals Gaststätte Heinrich Lückerath geheißen, hatte in deren Saal die Glanzstoff-Fabrik von 1942 bis 1944 ein Lager für jüdische ZwangsarbeiterInnen eingerichtet. „Hier lebten ganze Familien zusammengepfercht“, sagte Zimmermann vor der Kneipe. Anschließend verlas er zahlreiche der Namen der 1944 von hier deportierten und ermordeten Frauen, Männer und Kinder – …Walter Kratz, Karl Kaufmann, Ilse Kaufmann, Moritz, Ruth und Georg Manes, Ilse Marmorstein, Max Michael Marx… Einige Schritte entfernt, an der Kapelle auf der Neusser Straße, Ecke Scheibenstraße, erinnerte Zimmermann auch an das in der Nähe gelegene einstige SA-Quartier. Dagegen sei das Konsulat der Dominikanischen Republik ein Ort der Hoffnung gewesen. Denn dort habe Konsul Dr. Staude vielen jüdischen Mitbürgern mit einem Visum die Ausreise ermöglicht.

Lager für 50 bis 70 russische Kriegsgefangene
Die Kapelle Madonna im Grünen in der Schmiedegasse, Ecke Jesuitengasse/ Merheimer Straße, steht an der Stelle, wo sich bis zu ihrer Kriegszerstörung die zweite Stephanuskirche befand. In unmittelbarer Nachbarschaft, Merheimer Straße 318, sei ein Lager für 50 bis 70 russische Kriegsgefangene eingerichtet gewesen, so Zimmermann. „Ihre Namen sind uns nicht mehr bekannt. Bei dem Luftangriff am 14. Februar 1942 wurde auch dieses Lager schwer getroffen. Viele der Gefangenen sind ums Leben gekommen.“ In der Theklastraße habe die Familie Crison gewohnt, ein Elternteil sei jüdisch, das andere katholisch gewesen. Aufgrunddessen sei Günther, der jüngste von fünf Söhnen und Messdiener in St. Quirinus, von der SA bedrängt worden, aus der Kirche auszutreten, sonst passiere „etwas Schlimmes“. Günther sei jedoch standhaft geblieben. „Später wurde er in eine Sondereinheit zwangsverpflichtet und drei Wochen danach für tot erklärt. Niemand weiß, was passiert ist, wahrscheinlich wurde er ermordet.“ Erst gestern habe er von einem weiteren Schicksal erfahren, teilte Zimmermann mit. Die mit ihrer Familie ebenfalls in der Theklastraße gemeldete Frau Schneider sei als Jüdin deportiert und ermordet worden. Ihr christlicher Mann habe überlebt und später wieder geheiratet. Aber es bleibe wohl ungewiss, was mit den Kindern geschehen sei. Gesichert ist dagegen, dass die Mauenheimerin Jüdin Gertrud Samuelsdorff und ihre Tochter Charlotte 1942 nach Majdanek deportiert und später für tot erklärt wurden. Im Utehof 1, vor ihrer einstigen Wohnung, gedachte man der beiden. Seinen Abschluss fand der „Ökumenische Gedenkweg“ mit einem Gebet und Gesprächen in der Philipp-Nicolai-Kirche.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich