Wolfgang Thierse

Wolfgang Thierse hielt einen engagierten Vortrag zur Woche der Brüderlichkeit unter dem Motto „Angst überwinden – Brücken bauen“



„Die Sichtbarkeit der Religion müssen wir verteidigen“, erklärte Wolfgang Thierse bei einem Vortrag in der Kartäuserkirche

Das Sprechen über Angst sei etwas anderes als Hass oder Hetze. Angst müsse ernst genommen werden. Da sei es nicht mit einem Schulterklopfen getan. Dr. h.c. Wolfgang Thierse stellte in seinem Vortrag in der Kartäuserkirche zur „Woche der Brüderlichkeit“ klar, dass speziell der Kampf gegen „Entheimatungsangst“ lang und zäh werden könnte. Mit „Entheimatungsangst“ meint Thierse die Furcht vor dem kulturellen Identitätsverlust durch Zuwanderung von Flüchtlingen. „Man kann dieser Angst nur mit Argumenten begegnen, das ist oft anstrengend. Aber es ist auf keinen Fall erlaubt, sich der Mittel und der Sprache der Populisten zu bedienen“, sagte der ehemalige Bundestagspräsident, der bis 2009 auch Mitglied im Bundesvorstand der SPD und über viele Jahre Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission war.

Gut besuchter Vortrag mit prominenten Gästen
Zu dem Vortrag in der Kartäuserkirche hatten Melanchthon-Akademie, die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und die Gemeinde an der Kartäuserkirche gemeinsam eingeladen. Hausherr Pfarrer Mathias Bonhoeffer konnte unter den rund 70 Besucherinnen und Besucherinnen auch Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Mitglied des Gemeinderats der Synagogen-Gemeinde Köln, Rolf Domning, Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region, sowie Dr. Martin Bock, Leiter der Kölner Melanchthon-Akademie, begrüßen.

Übergriffe würden fast wieder als normal empfunden
Professor Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft, sprach in seiner Einführung das Motto „Angst überwinden – Brücken bauen“ der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit an. Er beklagte, dass die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger angesichts der Zuwanderung dazu geführt habe, dass antidemokratische, fremdenfeindliche, antisemitische Äußerungen und sogar Übergriffe wieder als normal empfunden würden. „Aber auf der anderen Seite gibt es auch die Willkommenskultur: Tausende, die einen Teil ihrer Freizeit opfern, um in den Unterkünften Deutsch zu unterrichten oder den Ankömmlingen bei Ämtergängen zu helfen“, so Wilhelm. „Da werden auch Brücken gebaut.“

Gefühle der Verunsicherung, auch durch Digitalisierung
Wolfgang Thierse betonte, dass es für das Gefühl der Verunsicherung sehr reale Anlässe gebe, obwohl Deutschland wirtschaftlich sehr gut dastehe. Da sei die Globalisierung mit den entfesselten Finanzmärkten und der Verlagerung von Arbeitskräften ins Ausland, aber auch das Wachsen der Schere zwischen Arm und Reich. Da seien ungelöste ökologische Probleme und Fortschritte in der Gentechnologie mit ungewissen Ergebnissen. Da sei nicht zuletzt die Beschleunigung in allen Bereichen durch die Digitalisierung. Auf der anderen Seite ständen die mühevollen politischen Prozesse in den demokratisch verfassten Ländern,  aber auch schwache und kriselnde Organisationen wie UNO oder EU. Letztere würden nicht den Eindruck erwecken, als könnten sie die Gegenwart noch effektiv gestalten.

Der Einzelne fühlt einen Kontrollverlust
Von einer „Vertrauenskrise der Demokratie“ sprach Thierse, vom „Gefühl des Einzelnen, keine Kontrolle über sein Schicksal“ zu haben. Diese Verunsicherung  nutzten „die alten Geister“, die einfache Antworten zur Hand haben. Gemeint waren die Autoritären, Rechtsextremen und Populisten – nicht nur in Deutschland, sondern auch den Niederlanden, in Polen, Frankreich, Italien, in Österreich, Ungarn und auch in den USA. „Die rechtsstaatliche Demokratie wird zur Ausnahme, sie ist zerbrechlich, gefährdet.“ Wir erlebten durchaus eine historische Zäsur: Thierse zitierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Die Welt ist aus den Fugen“.

„Deutschland muss eine Einwanderungsgesellschaft werden“
Dieses allgemeine Krisengefühl kristallisiere sich an einschneidenden Ereignissen wie der Aufnahme von Millionen Flüchtlingen. Das stelle ein Land, das stets abgestritten hatte, ein Eiwanderungsland zu sein, vor große Probleme. Und diesen Problemen müsse man sich stellen. Nach Lösungen suchen, um den Ängsten „der Einheimischen“ etwas entgegenzusetzen. „Deutschland muss eine Einwanderungsgesellschaft werden“, sagte Thierse. Dazu müsse man aber zunächst von den Ankömmlingen die Bereitschaft zur Integration verlangen, zur Übernahme der Werte unserer freiheitlichen Demokratie –dazu gehöre auch „die deutsche Erinnerungskultur“, die Übernahme der Verantwortung für den Völkermord.

Das Kreuz in bayerischen Amtsstuben
Auf der Grundlage gemeinsamer Werte könnten die Ankömmlinge Toleranz für ihre jeweilige Religion einfordern. Aber sie müssten eben auch, wie es die Christen längst gewohnt seien, kritische Fragen und Differenzierungen zulassen: „Der Islam gehört zu Deutschland, aber nicht der militante, Hass predigende Islam“, so Thierse. Auch bedeute dies keinesfalls, dass sich „die Einheimischen“ nun religiös neutral verhalten müssten. Beim aktuellen Streit um das Kreuz in bayerischen Amtsstuben gehe es den Kirchen ja nur um die politische Vereinnahmung von religiösen Symbolen, nicht um deren generelle Vermeidung. „Die Sichtbarkeit der Religion müssen wir verteidigen“, erklärte Thierse.

„Toleranz ist eine anstrengende Tugend“
„Aber dann auch die Sichtbarkeit des Islam, wenn wir es mit der Toleranz ernst  meinten“, formulierte Thierse weiter. Da müsse sich die eine Seite an Kopftücher, eine zunehmende Zahl an  Moscheen, an den Ramadan gewöhnen, die andere an Homosexuelle und die Rechte der Frau: „In einer pluralistischen Gesellschaft gibt es viele Anlässe zu ungemütlichem Streit. Das ist keine Idylle, Toleranz ist eine anstrengende Tugend“, warnte Wolfgang Thierse.

„Nur die offene Gesellschaft hat eine Zukunft“
Die Alternative sei aber sehr viel weniger wünschenswert. Dazu zitierte Wolfgang Thierse abschließend den ungarischen Staatschef Viktor Orbán, der angesichts der Flüchtlingswelle gesagt hatte: „Niemand kann verlangen, dass sich unser Land ändert.“ Thierse warnte vor allem vor dieser Haltung: „Das ist ein Satz der Angst. Nur die offene, sich ändernde Gesellschaft hat eine Zukunft.“

 

Text: Hans-Willi Hermans
Foto(s): Hans-Willi Hermans