Licht und Schatten – vor der Uni Köln wurde die temporäre Gedenkskulptur RESTLICHT errichtet

Der Lindenthaler Pfarrer Armin Beuscher setzte sich mit großem Engagement und „langem Atem“ für das Mahnmal auf dem Albertus-Magnus-Platz ein

Dieser Artikel wurde am 11.05.2015 veröffentlicht.
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11.05.2015

Es handelt sich um ein besonderes bildkünstlerisches Projekt innerhalb der Erinnerungskultur: Vier Stützen tragen eine stählerne Platte. 1,2 Tonnen wiegt die Konstruktion. Zu den materiellen, technischen Aspekten gehört die Perforierung des dreiteiligen Daches. Es weist fast 400 Löcher auf. Sie stehen ebenfalls für das Inhaltliche, ergeben sie doch die acht Jahreszahlen von 1938 bis 1945. Zu lesen sind sie zunächst im Dach selbst. Um die Skulptur vollständig zu erfassen, ist Naturlicht vonnöten. Das durch die Bohrungen fallende Licht der Sonne, die im Verlauf ihrer täglichen Wanderung die Zahlen auf den Boden oder die Kleidung von Umstehenden „schreibt“ und mitwandern lässt.

Der Künstler Werner Mally vor der Gedenkskulptur auf dem Albertus-Magnus-Platz

RESTLICHT lautet der Titel der mobilen Gedenkskulptur. Sie wird zeitlich begrenzt an unterschiedlichen Orten errichtet – als plastisches, greifbares und (in Teilen) zugleich immaterielles Erinnerungszeichen und potentieller Veranstaltungsraum. Derzeit steht sie auf dem Albertus-Magnus-Platz vor der Universität zu Köln. Ermöglicht hat dies eine Kooperation der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Lindenthal mit der Melanchthon-Akademie, dem Evangelischen Kirchenkreis Köln-Mitte, dem Evangelischen Kirchenverband Köln und Region sowie dem Historischen Institut für Neuere Geschichte der Uni Köln.

Großvater von Mally verfasste einen Bericht
Ideengeber für die Gedenkskulptur ist Werner Mally. Der 1955 in Karlovy Vary (Karlsbad) geborene Bildhauer lebt heute in München. Sein Werk wurde ausgelöst durch Aufzeichnungen von Friedrich Kral. Der Großvater von Mallys Gattin war als Jude unter anderem in Theresienstadt inhaftiert. Nach seiner Rückkehr aus den Lagern verfasste er einen umfangreichen Bericht über diese Leidenszeit.

„Ohne Licht gäbe es kein Leben, kein Sehen, kein Erkennen des Guten"
Die Gedenkskulptur erinnert an einen jüdischen Hochzeitsbaldachin, an die jüdische Laubhütte. In die stählerne Haut sind die Jahreszahlen 1938, das Jahr der Pogromnacht, bis 1945, das Jahr des Kriegsendes und der Befreiung der KZ-Überlebenden, „tätowiert“. Sie ist dadurch gezielt lichtdurchlässig gearbeitet. „Ohne Licht gäbe es kein Leben, kein Sehen, kein Erkennen des Guten und des Bösen. (…) Die Be- und Er-Leuchtung des verschatteten Raumes der Holocaust-Geschichte durch das Erinnern stellt den eigentlichen Auftrag dieses Werkes dar. So sind es die Jahreszahlen der für die Juden dunkelsten Zeit von 1938 bis 1945, die als Lichtquellen dienen, um den Schatten punktuell auszuleuchten“, schreibt Joanne Wieland-Burston.


Eröffnungsveranstaltung mit 100 Interessierten
Die Eröffnungsveranstaltung auf dem Albert-Magnus-Platz vor der Kölner Uni wurde musikalisch von dem Cellisten Jost-H. Hecker und dem Geiger Blerim Hoxha gestaltet. Sie spielten Stücke von Bach sowie aus einer Komposition von Gideon Klein. Klein hatte sie 1941 im Lager in Theresienstadt verfasst. Dr. Martin Bock begrüßte knapp 100 Menschen, darunter Vertreter der Stadt und des Rates, der Uni Köln und der Gruppen, die das Projekt in Köln möglich gemacht haben, „im temporären Lehrhaus“.

Lernen und Lehren in der jüdischen und der christlichen Tradition
Lernen und Lehren seien in der jüdischen und der christlichen Tradition etwas nicht-Domestizierbares, etwas Portables, aus dem Exil geborenes, so Bock. „Deshalb hat Heinrich Heine die Bibel des jüdischen Volkes ‚ein portables Vaterland´ genannt. Der sogenannte Bindestrich zwischen jüdisch und christlich hat es aber in sich, birgt in höchstem Maß Schatten“, stellte der Leiter der Melanchthon-Akademie fest. Mally realisiere die Gedenkskulptur immer wieder neu an verschiedenen Adressen mit dortigen Bundesgenossen. „Armin Beuscher ist der Kölner Bundesgenosse“, sagte Bock. Man wisse, dass der Lindenthaler Pfarrer einen langen Atem habe. Aber bei der Umsetzung dieses Projekts vor der Uni habe dieser Atem schon an Tiefseetauchen herangereicht. Damit machte Bock auch deutlich, dass es nicht ganz leicht gewesen sei, „zu dem heutigen Tag zu kommen“.

„Es geht ihm darum, dass das Kunstwerk spricht“
Licht und Schatten spielten auch im Werk von Mally eine große Rolle, so Beuscher. Zeit und Veränderung bildeten darin eine wichtige, rote Spur. Der Theologe charakterisierte Mally als penibel arbeitenden Künstler, der auch bei der Aufstellung seiner Skulptur in Köln um den idealen Standort gerungen habe. „Es geht ihm darum, dass das Kunstwerk spricht.“ Beuscher bezeichnete RESTLICHT als einen besonderen Hochzeitsbaldachin. Dass sich schon während des Aufbaus unter seinem Dach ein Liebespaar geküsst habe, mache deutlich: Es gehöre ebenso die Freude, das Lachen, das Glück zur jüdischen Tradition.



Beuscher: „Jüdisches Leben möge weitergehen in unserem Land“
Der Baldachin stehe auch für die Leichtigkeit, die man mit einer Hochzeit verbinden könne. Im Judentum sei die Tätowierung menschlicher Haut verboten. Indem man Häftlingen in Auschwitz ihre Nummer auf den Arm tätowiert habe, seien sie auch in ihrem „religiösen Selbstverständnis“ verletzt worden. Beuscher erzählte von einer Überlebenden des KZ Auschwitz. Die Kraft, ihr Schicksal zu meistern, habe sie auch aus dem Hoffen und Sehnen gezogen, ihre damals bei Bauern versteckte Tochter wiederzusehen, sprach der Lindenthaler Pfarrer von einem anderen starken Bild des Lichts. „Jüdisches Leben möge weitergehen in unserem Land“, schloss er.

Domning: „Wo stehen wir im Schatten unserer Geschichte?"
Mallys temporäre Installation helfe uns, „etwas zu sehen, das in der Dunkelheit fast nicht mehr wahrnehmbar ist“, stellte Stadtsuperintendent Rolf Domning fest. „70 Jahre sind es, die uns heute von den Gräueltaten in den KZs trennen. Das Licht, das diese Skulptur einfängt, ist so schwach, dass es uns längst nicht mehr blendet.“ Unserer alltäglichen Wahrnehmung entzogen, könnten wir es leicht übersehen. „Aber, und das ist die dringliche Botschaft seiner Arbeit, es ist nicht verschwunden!“ Domning sprach die Mitschuld der evangelischen Kirche an den Verbrechen des NS-Regimes an, den christlichen Antijudaismus und Antisemitismus in den Jahrhunderten zuvor. Und er fragte, was uns heute noch mit dieser traurigen Tradition verbindet. „Wo stehen wir im Schatten unserer Geschichte? Wenn wir diese Fragen beantworten wollen, brauchen wir Restlichtverstärker, wie die Arbeit von Mally. Wir brauchen eine Sehhilfe, um nicht blind für unsere eigene Geschichte zu werden.“

Tausende werden an der Skulptur vorbeigehen
Den Beteiligten sei etwas Wunderbares gelungen, bedankte sich Helga Blömer-Frerker. Die Bürgermeisterin des Stadtbezirks Lindenthal weiß, dass es „an einem ganz normalen Werktag“ auf dem Albertus-Magnus-Platz anders aussieht. „Tausende junge Menschen werden an der Skulptur vorübergehen und hoffentlich innehalten.“ Blömer-Freker ging auf die reduzierte Umsetzung der Skulptur sowie die Bedeutung der Erinnerungskultur ein. „Meine Generation möchte den Gedanken der Solidarität weitertragen.“ Und RESTLICHT könne ein weiterer Gegenstand im Weitertragen des Gedenkens sein. „Junge Leute sollen sich solidarisch mit der Erinnerungskultur zeigen“, appellierte die Bezirksbürgermeisterin.

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Einladung zur Finissage am 14 Juni
Die temporäre Gedenkskulptur steht bis einschließlich 14. Juni 2015 auf dem Albertus-Magnus-Platz vor der Uni Köln. Das begleitende Programm sieht im Juni zwei Termine vor. Am Dienstag, 9. Juni, hält ab 19.30 Uhr im Gemeindezentrum Matthäuskirche (Ecke Dürener Straße 83/Herbert-Lewin-Straße 4) Habbo Knoch, Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Universität zu Köln, einen Vortrag über „Wohin, Erinnerung? Der Holocaust und die Deutschen im 21. Jahrhundert“. Am Sonntag, 14 Juni, 11.15 Uhr, findet in der Matthäuskirche ein Gottesdienst statt: „Verstümmelte Buchstaben – verwundete Worte“ (Eli Wiesel). Die liturgische Leitung haben die Pfarrer Bock und Beuscher. Nach dem Gottesdienst findet um 12.30 Uhr mit dem „Weg zur Skulptur“ die Finissage statt.



Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich/Armin Beuscher

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