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Sie ist eine der meistgelesenen theologische Schriftstellerinnen, trotzdem bekam sie in Deutschland nie eine Professur: Fulbert Steffensky erinnerte beim DEKT an seine verstorbene Frau Dorothee Sölle

Dieser Artikel ist seit dem 17.06.2007 archiviert.
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Fulbert Steffensky
Feinfühlig erinnert Professor Dr. Fulbert Steffensky an seine 2003 verstorbene Ehefrau Dorothee Sölle beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2007 in Köln.

Sie provozierte und schwamm gegen den Strom. Das tat sie meist mit trockenem Humor und leichter Ironie, die ihre Anhänger so sehr schätzten. Auch als Weggefährten und Freunde im gut besuchten Kristallsaal beim Evangelischen Kirchentag der gebürtigen Kölnerin Dorothee Sölle gedachten und ihre Gedichte rezitierten, lachten viele Besucherinnen und Besucher dann und wann leise auf. Auf rührende, fast besinnliche Weise würdigten der Berliner Theologe Professor Dr. Heinrich Fink und Sölles Ehemann Professor Dr. Fulbert Steffensky die 2003 verstorbene Schriftstellerin und Theologin. Gespickt mit persönlichen Empfindungen, memorierten sie Szenen, Begegnungen und Aussprachen. Die Gruppe „Habakuk“ untermalte den Abend musikalisch mit feinfühligen, stimmungsvollen Texten.


"Sich einmischen, heißt Widerstand organisieren"
Nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, auch in der ehemaligen DDR war Sölle eine der meistgelesenen Theologinnen. „Auf Durchschlagspapier wurden ihre Texte abgetippt und verbreitet“, erinnert sich Heinrich Fink. Lob und Freundschaft von und mit Sölle waren Fink besonders in den Zeiten der Wende wichtig. „Für sie war Freundschaft Treue und Verlässlichkeit. Und sie konnte sich besonders gut am Glück anderer beteiligen. Sie hat geteilt im wahrsten Sinne des Wortes – geistlich und materiell“, sagte Fink. Sie habe ermutigt, sich einzumischen und auch ihn befreit, ihn gelehrt, sich zu seinem Glauben zu bekennen. Der Theologe zitierte die Theologin: „Sich einmischen, heißt Widerstand organisieren und der profitablen Zerstörung um Gottes willen Einhalt gebieten.“ Was für ihn von Dorothee Sölle bleibe, sei ihre Ermutigung und Herausforderung zu behalten: „Frei werden wir erst, wenn wir uns mit dem Leben verbünden gegen die Todesproduktion und die permanente Tötungsvorbereitung. Frei werden wir weder durch Rückzug ins Private noch durch Anpassung an die Gesellschaft, in der Generale und Millionäre besonders hoch geachtet werden. Frei werden wir, wenn wir aktiv, bewusst und militant für den Frieden arbeiten lernen.“ Damit ist Sölle noch heute unbedingt aktuell: Das erste Fazit, das Reinhard Höppner, der Präsident des 31. Deutschen Evanglischen Kirchentags in Köln, beim Schlussgottesdienst auf den Poller Wiesen zog, hatte einen ganz ähnlichen Tenor.

"Angst hat sie gesamtes Leben begleitet"
Dorothee Sölle hatte aber auch Angst. Angst davor, dass die Grenzen des Lebens ausgelöscht werden durch das Klonen und das Kaufen von Organen. Abgekühlte Föten, die als Samenspender dienen sollten, wie die neue Gentechnologie schon vor Jahren versprach, machten der Theologin Angst. „Die Verwertbarkeit des Lebens macht mir mehr Angst als das Sterben“, zitierte die Schauspielerin Ilse Strambowski aus Köln.
Die Angst habe sie ihr gesamtes Leben begleitet, sagte auch ihr Ehemann Fulbert Steffensky. In den 50er und 60er Jahren sei es die Befürchtung gewesen, dass Deutschland unter den Wirtschaftserfolgen die schreckliche Vergangenheit vergräbt. Am Ende ihres Lebens sei es die Angst der Selbstverleugnung der Grenzen gewesen. „Wir müssen wollen, dass das Flugbenzin teuer wird, um nicht sinnlos mobil zu sein. Es müssen Gesetze gegen die Verschleuderung geschaffen werden“, habe sie gefordert.

"Sie hatte große Träume und stimmte ein in die Endlichkeit des Lebens"
Doch selbst , wenn es nur bei Forderungen bleibe, ließ sich Sölle nie entmutigen. „Der Erfolg war für sie nicht die einzige Kategorie.“ Allein schon um der eigenen Würde willen habe sie Widerstand geleistet. „Vielleicht werden die Enkel die überflüssige Mobilität verurteilen“, zitierte Steffensky seine verstorbene Frau. Pessimistin sei sie gewesen. „Endlichkeit war ihr Grundwort.“ Deshalb wählte er auch folgenden Text in der Todesanzeige: „Sie hatte große Träume und stimmte ein in die Endlichkeit des Lebens“.

Befreiungsbewegung, feministische Theologie und theologischen Poesie
Die „Politischen Nachtgebete“ - die in der Kölner Antoniterkirche begannen - und ihre „Theologie nach dem Tode Gottes" hatten Sölle Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre bekannt gemacht. Die Theologin und Publizistin war prominentes Mitglied der Friedensbewegung. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Befreiungsbewegung, feministischen Theologie und theologischen Poesie. Sie war eine bedeutende theologische Lehrerin, kritisierte ihre Kirche und forderte Reformen. Es scheiden sich noch heute an ihr die Geister. Ihre Kritiker sprachen zum Beispiel von einer Gott-ist-tot-Theologin. Wohl auch deshalb hat die Theologieprofessorin nie einen Lehrstuhl in Deutschland, sondern von 1975 bis 1987 in New York bekommen. Sölle starb im Alter von 73 Jahren an einem Herzinfakt in Hamburg.

Tipp
Texte zum Abend, Gedichte und Reflexionen von Dorothee Sölle hat die rheinische Landeskirche in einem pdf-Dokument zum Nachlesen und Ausdrucken zusammengestellt: hier.

Text: Bianca Wilkens
Foto(s): Wilkens

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