Zur Kunstaktion Santiago Sierras in der ehemaligen Synagoge von Stommeln erklärte am 14. März Pressesprecher Günter A. Menne



Dieser Artikel wurde am 14.03.2006 veröffentlicht.
Bitte beachten Sie, dass terminbezogene Informationen und Links veraltet sein können.


14.03.2006

Wir stellen voran: keine kirchliche Position darf die Solidarität mit der jüdischen Gemeinde in der laufenden Debatte um die Kunstaktion Santiago Sierras in der ehemaligen Synagoge von Stommeln aufkündigen - mit großem Respekt nehmen wir die Kritik des Zentralrates der Juden zur Kenntnis, der in der Begehung des mit tödlichem Kohlenmonoxyd gefüllten historischen Betraumes durch Besucher mit Gasmasken (unter Geleitschutz eines Feuerwehrmannes) „eine Verhöhnung der Opfer sieht“.

Und da liegt das Problem der Aktion, an dem eine - keineswegs ideologisierte, sondern eben aufgeklärte - Kunstkritik auch ansetzen muss; hier von Seiten der evangelischen Kirche:

  • Es ist der Versuch einer individuellen Versinnlichung des beispiellosen Grauens der das Projekt fragwürdig macht: Die vermeintlich identitätssteigernde Erfahrung im Gas hinter der sicheren Maske bringt uns der Shoa nicht näher.
  • Es ist der Versuch einer Ästhetisierung der Shoa - um einer Banalisierung der Shoa zu begegnen, gewiss ! - der gleichwohl scheitern muss: Die geplante Wiederholung der Aktion an sieben Sonntagen gerät (unfreiwillig?) zum ritualisierten Happening und weckt damit tiefes Unbehagen.

Genau hier scheitert Sierras groß gedachte Provokation, als eine künstlerische Antithese zum Berliner Holocaust-Denkmal, durch die er, Sierra, den Topos radikal umbesetzt, in dem er ihn begehbar macht: Es ist die episodische Dauer der Aktion, die sie in die Nähe einer ästhetischen „Gedenkfeier“ rückt, die den eigenen Anspruch ad absurdum führt.

Seit 1983 wird die Synagoge Stommeln als städtisches Kulturzentrum genutzt. Seit 1991 initiiert die Stadt einmal jährlich ein Kunstprojekt - immer mit einem anderen, international renommierter Künstler

Unsere Kritik ist damit frei von moralischer Empörung, und wir bedauern, dass Santiago Sierras künstlerische Versuchanordnung einer sinnlichen Annäherung an das Undenkbare in seiner letzten Konsequenz - dem gummimaskengeschützten Gruseln im Gas unter Aufsicht der Feuerwehr - in sich zusammenfällt.

Die Arbeit „245 m³“ des Künstlers Santiago Sierra wird jedoch an keinem Punkt der - wie also gesagt: fragwürdigen - Inszenierung „niveaulos“ oder bloß zum „Spektakel“: Die Ernsthaftigkeit der aktuellen Installation garantiert schon das Ausstellungskonzept des international renommierten Synagogenprojektes.

De 40jährige Sierra greift in seiner Aktionskunst auf die frühen 60er Jahre zurück, in denen die Kunst sich vom herkömmlichen Verständnis von „Kunst als Symbol“ zu lösen begann - die interaktive Teilhabe am „Kunstereignis“ trat in den Mittelpunkt: Zur reinen Anschauung des Kunstwerkes kommt die mitwirkende Aktion. Sierra radikalisiert und aktualisiert dieses Kunstmedium 2006 analog dem heutigen medialen Brutalitätsangebot.

Daraus ist ihm kein Vorwurf zu machen - die Tücke dieser Art von Kunst ist allerdings die: Die moralische Empörung wird Teil des Kunstwerks, das über die „Schmerzgrenze“ gehen muss. Mit anderen Worten: Wer sich empört, wird Teil des Kunstwerks. Aus dieser Ästhetik kann man nicht aussteigen. Und auch daraus ist weder der Kunst noch dem Künstler ein Vorwurf zu machen.

Die Erzählkultur des Erinnerns stirbt aus in unseren Gesellschaften der Moderne. Die Erzählkultur des Erinnerns an die Shoa stirbt mit den letzten ihrer Überlebenden. Als Kirche sehen wir die besondere Verantwortung für das Erinnern der Täter und ihrer Enkel (auch darum melden wir uns hier zu Wort). Möglicherweise stehen wir in Stommeln - und in Berlin und anderswo - zuletzt vor einem Dilemma: Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Raum der Synagoge ist immer eine Auseinandersetzung mit der Shoa. Wenn diese minimalistisch geschieht (wie vor zwei Jahren, als Lawrence Weiner eine winzige Schrifttafel an der Synagoge anbrachte) geschieht nichts. Niemand nimmt mehr Anstoß am Wort allein. Die Kunst aber muss Anstoß erregen.

Der Versuch des Santiago Sierra, mit der Aktion „245m³“ in der ehemaligen Synagoge von Stommeln das Mahnmal einer neuen Gedenkkultur zu errichten ist am Manierismus der Begehung - ein kunsttouristischer Ausflug ins Kohlenmonoxyd nach Din-Sicherheitsnorm - und seiner Wiederholung (...„nächste Führung ins Gas in 15 Minuten“...?) gescheitert - nicht aber an der Radikalität eines mutigen Entwurfs, einem hoffnungslos übersättigten Publikum das Hässliche, das Böse, das Grauen der Shoa ästhetisch nahe bringen zu wollen.

Soeben melden die Medien: Die Führungen in die Synagoge sind vorerst gestoppt. Und die jüdische Gemeinde hat Santiago Sierra inzwischen zum Dialog eingeladen: Das Gespräch hat gerade erst begonnen.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunstbeauftragten des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region, Pfr. i. R. Erich Witschke, und beraten durch die Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Dr. Petra Bahr.
Notiz zum Autor, Günter A. Menne: Studium der Kunstgeschichte, M. A. 1987



Text: Menne
Foto(s): Mir freundlicher Genehmigung von www-pulheim.de

Beiträge zu ähnlichen Themen:

Offener Brief des Vorsitzenden der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit an Joachim Kardinal Meisner,
veröffentlicht: 03.03.2005, archiviert seit: 10.03.2005

Christen und Juden schreiten ins 21. Jahrhundert, Lerntage mit Rabbi Schild,
veröffentlicht: 31.10.2003, archiviert seit: 11.11.2003