„Diese Theaterarbeit ist eine Operation am offenen Herzen“

Jung und Alt setzen sich bei „Ich habe genug“ künstlerisch mit dem Tod auseinander – Aufführung mit dem Bariton Seth Carico und der Oboistin Xenia Löffler

Dieser Artikel wurde am 26.02.2016 veröffentlicht.
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26.02.2016

Jung und Alt sitzen an einem Tisch. Auf das Tuch kritzeln sie, wovon sie genug haben und wovon sie nie genug bekommen können. Das Geschriebene reißen sie aus der Tischdecke heraus und stehen mit dem Fetzen auf. Sie gehen durch den Raum, um sich Gesprächspartner zu suchen, mit denen sie die Gedanken austauschen. Manchmal kommt es bei den Begegnungen zu einer Umarmung.

Einstimmung durch Regisseurin Frauke Meyer auf das, was kommen wird: intensive Probearbeit für ein Theaterprojekt der Generationen

Doch einer, der am Kopfende des Tisches gesessen hat, bleibt ausgeschlossen. Niemand scheint ihn zu bemerken, als er sich zu einzelnen Gruppen gesellt in der Hoffnung, bei ihnen einen Platz zu finden. Am Ende kehrt er dahin zurück, woher er gekommen ist: an seinen persönlichen Ausgangspunkt.

Starkes Theaterereignis
Die Mitwirkenden des kommenden Theaterereignisses in der Kölner Trinitatiskirche, für das derzeit intensiv geprobt wird, sind 15 Jugendliche aus der Offenen Schule Köln und sieben Senioren vom Experimentalchor „70+“. Den Einsamen stellt der Schauspieler Torsten Peter Schnick dar. Zu der Szene wird der junge Bariton Seth Carico bei der Aufführung in der Trinitatiskirche live die Arie „Ich freue mich auf meinen Tod“ aus der Bachkantate „Ich habe genug“ singen.

Herausfordernde Proben
„Diese Theaterarbeit ist eine Operation am offenen Herzen“, meinte der Komponist Martin Bechler bei einer der Proben, für die er zwischen Köln und Berlin pendelt. Sein Wohnort ist Berlin, in Köln sind die Mitglieder des Ensembles vom Zentrum für Alte Musik Köln (zamus) sowie die musikalische Leiterin des ökumenischen Projekts, Oboistin Xenia Löffler , und Solosänger Carico beheimatet.

Die Oboistin Xenia Löffler (Foto: Daniel Maria Deuter)


Hochprofessionelle Musiker
„Ich führe die hochprofessionellen Musiker von zamus und das, was die Darsteller hier mitbringen, als Komponenten der Entstehung von Kunst zusammen“, erklärte der Komponist. In die szenische Aufführung der Bachkantate ist die Uraufführung seines Werks „Omega“ integriert. Der Titel greift die christliche Symbolkraft des ersten und letzten Buchstaben im griechischen Alphabet auf, die auf den allumfassenden Gott verweist.

Musik soll aus einem Guss sein
Als eine „permanente gemeinsame Jonglage“ beschrieb Bechler die Entwicklung des Kunstprojekts. Eng arbeitete er von Anfang an mit Frauke Meyer, der Autorin und Regisseurin des ökumenischen Projekts „Ich habe genug“, zusammen. An Bachs barocke Welt habe er angeknüpft. „Ich will, dass die Musik keinen Kontrapunkt setzt, sondern aus einem Guss ist“, betonte der Komponist.

Der Bariton Seth Carico (Foto: Simon Pauly)


Veränderte Haltung zum Tod
„Es macht keinen Sinn, vor dem Sterben Angst zu haben. Der Tod ist unausweichlich, und ich bin dankbar für alles, was ist“, sind Sätze, die der 82-jährige Horst Sommerfeld in der Aufführung spricht. Der frühere Dozent an einer technischen Hochschule arbeitet zum ersten Mal mit Jugendlichen zusammen. „Sie sagten: Die Senioren sind ganz schön chillig. Ich musste mich erst mal bei Jüngeren erkundigen, was chillig heißt, und weiß jetzt, das ist in der gegenwärtigen Sprache anerkennend gemeint“, erzählte er.

Theaterarbeit verändert Einstellung
„Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod, die Theaterarbeit hat meine Einstellung komplett verändert“, sagte die 15-jährige Johanna Ochs. Vor drei Jahren musste sie sich mit dem Tod auseinandersetzen, als ihre Großmutter starb. „Da war es wichtig für mich, wie Oma immer in die Kirche zu gehen“, erklärte das Mädchen.

„Ich entscheide, wie ich sterbe“
„Ich entscheide, wie ich sterbe. Ich vertraue darauf, dass ich ein gutes Hospiz finde. Ich kämpfe gegen die Urangst vor dem Tod und kann dennoch glücklich sein. Mein Leben ist der Anfang vom Ende.“ Solche Aussagen werden Besucherinnen und Besucher der Vorstellungen am Freitag und Samstag, 11. und 12. März, 20 Uhr, in der Trinitatiskirche am Filzengraben von Schülern und Senioren hören. Die Darsteller werden ihnen ebenfalls mitteilen, von welchen Dingen im Leben sie genug haben, um sie am Ende loslassen zu können.

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Aufführungen und Begleitprogramm
Das Ergebnis feiert schließlich am Freitag, 11. März 2016, 20 Uhr, in der Kölner Trinitatiskirche, Filzengraben 4, Premiere, eine weitere Aufführung findet am Samstag, 12. März, statt. Restkarten zum Preis von 29 Euro, ermäßigt 18 Euro, sind über das Zentrum für Alte Musik (ZAMUS) erhältlich, Telefon: 0221/987 473 79. Veranstalter: Katholikenausschuss in der Stadt Köln und Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.

Wer sich mit dem Projekt vertiefend auseinander setzen will, dem seien vorab die Begleitveranstaltungen der Melanchthon-Akademie ans Herz gelegt.



Text: Ulrike Weinert
Foto(s): Ulrike Weinert