Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

Im Kölner Haus der Evangelischen Kirche: Neuer Anfang im Gespräch

Rege Diskussion über die "Kölner Botschaft" - gegen Fremdenhass und sexuelle Gewalt

23.02.2016

Die nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln verfasste „Kölner Botschaft“ gegen Fremdenhass und sexuelle Gewalt trifft auf ein großes Echo. Viel Lob, aber auch Kritik gab es bei einer Podiumsdiskussion im Kölner Haus der Evangelischen Kirche, die prominent besetzt war.

Diskutierten im Kölner Haus der Evangelischen Kirche: Ekaterina Degot, Rolf Domning, Helga Blümel, Joachim Frank, Christine Kronenberg und Manfred Rekowski

Wie groß das Interesse an den Themen und Forderungen der „Kölner Botschaft“ ist, wurde deutlich, als die Besucherinnen und Besucher zur Veranstaltung kamen: Spontan wurden für die 150 an der Diskussion Interessierten weitere Stühle gestellt.

Köln-Gefühl infrage gestellt
Der Kölner Stadtsuperintendent Rolf Domning, Unterzeichner und Unterstützer der „Kölner Botschaft“, bekannte, dass sein Köln-Gefühl nach der Silvesternacht außerordentlich infrage gestellt worden sei. Doch gerade angesichts der Verunsicherung sorge die Kölner Botschaft für einen neuen Anfang im Gespräch. Er sprach von Angst als schlechtem Ratgeber.


Rolf Domning, Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region


Benennen oder verschweigen?
„Soll man sagen, dass es um einen bestimmten Personenkreis ging, der für diese Übergriffe verantwortlich war? Oder soll man es lassen, um diesen Personenkreis nicht zu stigmatisieren?“ habe sich Domning gefragt, angesichts des mutmaßlichen Täterkreises. Auf der anderen Seite dürfe man nichts totschweigen, erklärte der Stadtsuperintendent. „Ich habe mich dann entschlossen zu sagen, dass es sich um junge Männer aus Nordafrika handelte, aber es ist mir nicht leicht gefallen.“

Zwei Lager
Die Kölner Botschaft habe sich zwar von Rassismus distanziert, aber gleichzeitig zwei Lager aufgemacht, sagte die Künstlerische Leiterin der Kölner Akademie der Künste der Welt, Ekaterina Degot, am Montagabend in Köln. In der Botschaft werde von „'uns' - also den Kölnern - und 'denen' - den Zugewanderten – gesprochen“. Diese Unterscheidung sei wenig sinnvoll.



Ekaterina Degot, Künstlerische Leiterin der Kölner Akademie der Künste der Welt


Debatte über die Übergriffe
Die „Kölner Botschaft“ war vor rund einem Monat in zahlreichen Tageszeitungen erschienen. Darin wird eine sachliche Debatte über die Übergriffe der Silvesternacht gefordert, in der zahlreiche Frauen rund um den Bahnhof sexuell angegangen und bestohlen wurden. Vor allem nordafrikanische junge Männer wurden als mutmaßliche Täter ausgemacht. Unterzeichnet wurde der offene Brief unter anderem von Schriftsteller Navid Kermani, Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki und Schauspielerin Mariele Millowitsch.

Sexismus nicht ausreichend behandelt
Die Kölner Gleichstellungsbeauftragte Christine Kronenberg warf in der Diskussion auf Einladung der evangelischen Kirche in Köln den Schreibern des Textes vor, das Thema Sexismus nicht ausreichend behandelt zu haben, da „von sexuellen Übergriffen“ die Rede sei. Sexismus umfasse jedoch noch viel mehr. Zudem fühle sie sich bei dem Satz „Et hätt noch immer jot jejange“ - es ist noch immer gutgegangen -, der das rheinische Lebensgefühl umschreiben soll, angesichts der Übergriffe als Frau verletzt.


Christine Kronenberg ist Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Köln


Die Botschaft erzwingt eine Reaktion
Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, einer der Mitunterzeichner, verbindet mit der „Kölner Botschaft“ hingegen eine Aufforderung. „Die Botschaft erzwingt eine Reaktion, das finde ich gut“, sagte er. Gleichzeitig rief er dazu auf, mit den Anstrengungen in der Flüchtlingspolitik nicht nachzulassen. „Es ist nicht die Frage, ob wir helfen sollten, sondern wie und wo wir helfen.“ Für das „Weltproblem Flucht“ sei europäische Solidarität vonnöten, nicht eine Diskussion um Obergrenzen der Flüchtlingszahlen.



Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski


Programme auflegen
Die Kölner Diakonie-Chefin Helga Blümel warb zudem für mehr Programme für nordafrikanische Jugendliche. Diese seien „doppelt chancenlos“, da sie sowohl in ihrer Heimat als auch in Deutschland kaum Perspektiven hätten. Außerdem erlebe sie täglich eine große Bereitschaft in der Bevölkerung, Flüchtlinge als Bereicherung zu sehen, vor allem dann, wenn persönliche Kontakte bestünden. Blümel forderte eine Einwanderungsgesetzgebung für Deutschland.



Helga Blümel ist Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Köln und Region


Von einer Flüchtlingskrise könne keine Rede sein, betonte sie an anderer Stelle und schlug vor, Programme aufzulegen, um die Ankommenden gut integrieren zu können. Köln habe eine „große Integrationskraft“, meinte auch Rolf Domning. Davon wolle er auch nach der Silvesternacht nicht abrücken.

Beeindruckt von den Publikumsbeiträgen
Teilnehmende der vom Kölner Chefkorrespondenten des „Kölner Stadt-Anzeiger“ Joachim Frank geleiteten Podiumsdiskussion waren beeindruckt von den Publikumsbeiträgen über Beispiele von Zivilcourage. Eingeladen zu Gespräch und Diskussion hatten der Evangelische Kirchenverband Köln und Region in Kooperation mit dem Kölner Stadt-Anzeiger und der evangelischen Melanchthon-Akademie.

Altpräses Kock zieht Resümee
Schon an dieser Stelle sei es verraten: Am Samstag, 5. März, widmet sich der „Stadt-Anzeiger“ der „Kölner Botschaft“ erneut mit besonderer Intensität. Geplant ist eine Sonderausgabe des „Magazins am Wochenende“, die den Text der Botschaft in fünf Sprachen – Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch und Farsi (Persisch) – als eine Art Sonderdruck anbietet, der zum Beispiel in Flüchtlingsunterkünften verteilt, in Integrationskursen eingesetzt oder im Schulunterricht verwendet werden kann. Altpräses Manfred Kock zieht sechs Wochen nach der Erstveröffentlichung der Botschaft ein Zwischenresümee.

Miteinander reden
Die von den Erstunterzeichnern ausgehenden Anregungen fließen auch in die Vorbereitungen des diesjährigen „Birlikte“-Festivals zu Pfingsten ein. Die Vorbereitungen sind bereits angelaufen. Auch hier sind spannende, lebhafte Debatten zu erwarten. Oder wie es Joachim Frank formuliert: „Wir müssen reden! Miteinander! – Das ist einmal das Mindeste, was alle in Köln – Befürworter und Kritiker der Kölner Botschaft – an Gemeinsamem mit in ihren Alltag nehmen können.“



Text: epd/APK/neu
Foto(s): Anna Siggelkow